Exklusiv-Interview
Moderna-Chef Bancel: «Sobald Swissmedic grünes Licht gibt, werden wir erste Impfstoffe in die Schweiz liefern»

Der 48-jährige Stéphane Bancel gehört mit seinem US-Biotechunternehmen zu den führenden Herstellern von Corona-Impfungen. Bereits vor einem Jahr begann er über Wege nachzudenken, das Virus zu bekämpfen. Das exklusive Interview.

Andreas Möckli
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Moderna-Chef Stéphane Bancel lebt und arbeitet in der Grossregion Boston in den USA. Er bezeichnet den Impfstoff seiner Firma als «bahnbrechend».

Moderna-Chef Stéphane Bancel lebt und arbeitet in der Grossregion Boston in den USA. Er bezeichnet den Impfstoff seiner Firma als «bahnbrechend».

Adam Glanzman / Bloomberg

Die englische Version des Interviews finden Sie hier. For the English version of the interview, please click here.

Nur wenige Minuten zu spät wählt sich Stéphane Bancel in die Videokonferenz ein. Mit dem Laptop in der Hand läuft er durch die Büros und setzt sich an einen Tisch. Während 45 Minuten antwortet er klar und ohne Umschweife auf unsere Fragen. Wie so oft trägt er einen Pullover mit Reissverschluss. Nur für Fernsehinterviews zieht er sich Jackett und Hemd an, aber immer ohne Krawatte. Schliesslich kann man Moderna noch immer fast als Jungunternehmen bezeichnen. Der Kleidungsstil gehört offenbar zum Selbstverständnis. Gegründet wurde die Firma im September 2010.

Sie haben bereits vergangene Weihnachten über einen Corona-Impfstoff nachgedacht. Damals hat die Krankheit nicht einmal einen Namen. Wieso haben Sie schon so früh über einen möglichen Impfstoff nachgedacht?

Stéphane Bancel: Ich hatte während 25 Jahren stets mit Infektionskrankheiten zu tun. In meinem ersten Job in Tokio war ich mit einer grossflächigen Lebensmittelinfektion konfrontiert. Daran starben sehr junge Kinder im Alter von drei oder vier Jahren. Das hat mich stark geprägt, da ich als Frontmitarbeiter vor Ort in den Spitälern war. Bakterien und Viren haben mich deshalb schon immer interessiert.

Daher haben Sie sich schon so früh mit der Idee auseinandergesetzt?

Jeden Morgen lese ich das «Wall Street Journal» und die «Financial Times». Im Dezember war lediglich von einem Krankheitserreger die Rede, es war noch nicht klar, ob es sich um ein Virus oder ein Bakterium handelt. Umgehend schrieb ich ein Mail an den führenden US-Virologen Anthony Fauci. Moderna arbeitet schon seit einiger Zeit mit ihm und seinem Team zusammen. Kurz danach wurde klar, dass es sich um ein Virus handelt. Das ist wichtig, weil wir nie einen Impfstoff gegen eine Bakterieninfektion entwickelt haben.

Wäre es ein Bakterium gewesen, hätten Sie gar nicht erst mit der Forschung und Entwicklung begonnen?

Genau. Erst nach einiger Zeit wurde klar, dass es sich um ein neuen Coronavirus-Stamm handelt. Wir benötigten die Gensequenz des Virus, diese war rasch online verfügbar. Nur so konnten wir mit dem Design des Impfstoffs starten. Das war am 11. Januar.

Sie haben also einen direkten Draht zu Anthony Fauci?

Ich kenne ihn seit 20 Jahren. Seit rund drei Jahren arbeitet Moderna mit dem Team von Fauci zusammen. Wir stellen ihm unsere Technologie namens mRNA zur Verfügung. Um neue Viren wie Zika oder Corona effektiv zu bekämpfen, sind öffentlich-private Partnerschaften zwingend. Es ist nicht sinnvoll, als Firma alleine an Virus-Impfstoffen zu arbeiten. Faucis Team ist das Beste in den ganzen USA.

Pipetten in den Labors der US-Biotechfirma Moderna an ihrem Hauptsitz in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts.

Pipetten in den Labors der US-Biotechfirma Moderna an ihrem Hauptsitz in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts.

Adam Glanzman / Bloomberg

Impfstoffe sind nun eines der drängendsten Themen der Coronakrise. Wie viele Mails erhalten Sie persönlich von Impfstoffgegnern?

Die genaue Zahl kenne ich nicht, ich habe einen guten Spam-Filter (lacht). Es sind vermutlich zwischen fünf und zehn pro Tag. Ich erhalte aber viel mehr Mails mit der Frage, wann der Impfstoff erhältlich, oder ob die Teilnahme an einer klinischen Studie möglich ist.

Was antworten Sie den Kritikern oder ignorieren Sie diese Mails einfach?

Ich beantworte nicht jedes Mail, da ich pro Tag hunderte erhalte. Grundsätzlich gibt es zwei Gruppen von Impfstoff-Skeptikern. Es gibt Menschen, die schon immer Impfstoffgegner waren. Dann gibt es aber auch solche, die darüber irritiert sind, dass die Impfstoffe so rasch entwickelt wurden.

Und was sagen Sie der zweiten Gruppe?

Wir haben alle drei Phasen der klinischen Entwicklung vollständig durchlaufen. Wir haben also keine Abkürzungen bei der Sicherheit des Impfstoffs genommen.

Normalerweise dauert die Entwicklung eines Impfstoffs mehrere Jahre.

Wir haben grosses Glück, dass das Virus nicht kompliziert ist. Denken Sie an HIV. Dieses Virus wurde Anfang der 1980er-Jahre entdeckt dennoch gibt es bis heute keinen Impfstoff. An den Versuchen hat es nicht gemangelt, aber das Virus ist sehr komplex.

Dennoch waren Sie unglaublich schnell.

Die US-Regierung hat uns finanziell stark unterstützt. Daher mussten wir diesbezüglich keine Risiken auf uns nehmen. Und statt wie üblich alles Schritt für Schritt zu machen, haben wir nun vieles parallel gemacht. Das hat sehr viel Zeit gespart. Normalerweise stellt man keine grösseren Impfstoffmengen her, bevor die erste Phase der klinischen Studie abgeschlossen ist. Nun stellten wir bereits zu Beginn der ersten Phase grössere Mengen her, weil dies durch die US-Regierung finanziert wurde.

Und auch die Zulassungsbehörden scheinen einen besonderen Effort zu leisten.

Das ist so. Wenn wir normalerweise eine Frage an die US-Zulassungsbehörde FDA wegen eines Impfstoffs stellen, dann haben sie 30 Tage Zeit, uns zu sagen, wann wir mit einer Antwort rechnen können. Haben wir wegen des Corona-Impfstoffs einen Diskussionsbedarf, erhalten wir innert einer Stunde einen Rückruf. Können sie die Frage nicht sofort beantworten, bespricht sich die FDA intern und kommt nach zwei Stunden auf uns zurück.

Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssen 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung eines Landes geimpft werden. Gleichzeitig ist die Skepsis sehr gross, sei es in der Schweiz, aber auch in den USA. Wie wollen Sie die Menschen von Ihrem Impfstoff überzeugen?

Vereinfachend gibt es hier drei Gruppen. Die erste wartet ungeduldig auf einen Impfstoff und will ihn am ersten Tag. Dann gibt es die Impfgegner, die nichts von der Wissenschaft, den Firmen und den Zulassungsbehörden halten. Dann gibt es die Vorsichtigen, die skeptisch sind, weil die Impfstoffe so enorm schnell entwickelt wurden. Ich bin sogar froh um diese Skeptiker.

Wie hier etwa Ende Juli wurde über 30'000 Freiwilligen der Moderna-Impfstoff verabreicht.

Wie hier etwa Ende Juli wurde über 30'000 Freiwilligen der Moderna-Impfstoff verabreicht.

Keystone

Warum?

Wollten sehr viele Menschen sofort einen Corona-Impfstoff, hätten wir ein massives Kapazitätsproblem. Auch jene Menschen, die sofort einen Impfstoff wollen, müssen warten. Denn zuerst wird das Gesundheitspersonal und die Risikogruppen geimpft. Die Skeptiker werden realisieren, dass jene, die bereits geimpft sind, nicht tot umfallen oder krank werden. Aber jene Menschen ohne Impfung werden weiterhin an Corona erkranken. Es wird Zeit brauchen, um die Skeptiker zu überzeugen. Ich bin jedoch zuversichtlich.

Moderna steht zusätzlich wegen Ihrer neuartigen Technologie namens mRNA in der Kritik. Die langfristigen Nebenwirkungen sind noch nicht sehr gut erforscht. Verstehen Sie die Unsicherheit der Leute, da der Impfstoff ja nicht einmal ein Jahr lang in Menschen eingesetzt wird?

Wir arbeiten seit zehn Jahren an der mRNA-Technologie. Unsere erste Studie mit Menschen wurde 2015 in Deutschland durchgeführt. Von diesem Impfstoff haben wir nun also Daten von vor fünf Jahren. Der Corona-Impfstoff ist bereits der zehnte, den wir klinisch testen.

Dennoch ist die Technologie im Vergleich zu anderen Ansätzen neu.

Nachdem ein mRNA-Impfstoff gespritzt wurde, baut der Körper die entsprechenden Moleküle innert 48 Stunden ab. Die Hälfte der Moleküle ist sogar nach vier Stunden nicht mehr im Körper auffindbar. Der Träger des Moleküls hat eine Halbwertszeit von zwei Stunden. Im Gegensatz zu anderen Impfstoffen ist unserer frei von Quecksilbern oder Hilfsstoffen.

Wann lassen Sie sich impfen?

Sobald ich darf. Laut den Gesetzen dürfen Mitarbeiter der Impfstoffhersteller nicht an den klinischen Studien teilnehmen. Wir könnten sonst zum Beispiel Nebenwirkungen verheimlichen oder herunterspielen. Das ist auch sinnvoll. Die einzige Ausnahme gibt es für lebensrettende Medikamente wie Krebsmittel.

Werden Sie sich wie der künftige US-Präsident Biden vor laufender Kamera impfen lassen?

Das klären wir zurzeit noch ab. Ich denke aber schon, dass wir das in einem öffentlichen Rahmen tun werden. Auch meine Frau und meine 18-jährige Tochter werden sich impfen lassen. Damit kann ich zeigen, dass ich dem Impfstoff absolut vertraue.

Was sind die stärksten Nebenwirkungen, die Sie in den klinischen Studien bislang entdeckt haben?

Es traten keine schweren Nebenwirkungen auf. Die übrigen Effekte sind mild und verschwinden rasch. Wie bei anderen Impfstoffen traten vor allem lokale Schmerzen an der Impfstelle für ein bis zwei Tage auf. Zudem kommt es bei gewissen Menschen um die Einstichstelle zu Rötungen der Haut. Einige Leute haben Fieber oder Schüttelfrost, beides klingt jedoch rasch ab. Wie bei den Grippeimpfungen kommt es vor, dass man sich während der Nacht nicht besonders gut fühlt. Schliesslich traten bei einigen Probanden Kopfschmerzen auf.

Sie bezeichnen den Impfstoff von Moderna als «bahnbrechend». Können Sie schon etwas über die langfristige Schutzwirkung sagen?

Ich habe den Impfstoff deshalb so bezeichnet, weil er eine sehr hohe Effektivität von 94 Prozent aufweist. Das heisst: 94 Prozent aller Studienteilnehmer steckten sich nicht mit Corona an. Und: Die übrigen 6 Prozent hatten lediglich milde Symptome. Bislang ist in unseren Studien kein einziger Fall mit einer schweren Corona-Erkrankung aufgetreten, bei dem unser Impfstoff zum Einsatz kam. Damit können die negativen Effekte auf Mensch und Wirtschaft massiv reduziert werden. Denken Sie nur an die Situation in den Spitälern.

Die US-Biotechfirma Moderna wurde im September 2010 gegründet. Der Franzose Stéphane Bancel ist seit Oktober 2011 Chef des Unternehmens.

Die US-Biotechfirma Moderna wurde im September 2010 gegründet. Der Franzose Stéphane Bancel ist seit Oktober 2011 Chef des Unternehmens.

Emin Sansar/Anadolu Agency via Getty Images

Heisst das also, dass jemand der sich trotz Impfung mit Corona ansteckt, schlicht eine tiefere Virenlast im Körper hat?

Unsere Studien zeigen, dass der Körper dank des Impfstoffs sehr viele Antikörper gegen das Virus entwickelt. Das gilt sowohl für Junge und Alte. Wenn man sich ansteckt, binden die Antikörper das Virus und können sich so nicht vermehren. Etwas anders stellt sich die Situation für alte Menschen mit Vorerkrankungen dar. Deren Immunsystem ist geschwächt, weshalb es weniger Antikörper produziert.

In den USA wird die Zulassungsbehörde FDA vermutlich am 17. Dezember über Ihren Impfstoff beraten. Sie sagten, zwischen dann und Weihnachten sei eine Zulassung möglich. Welche Signale haben Sie aus Europa und der Schweiz?

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat angekündigt, dass die entscheidende Sitzung für die Zulassung spätestens am 12. Januar 2021 stattfinden wird. In Grossbritannien sind wir nur knapp hinter Pfizer, wir sprechen von fünf bis zehn Tagen.

Und die Schweiz?

Die Arzneimittelbehörde Swissmedic hat uns noch nicht signalisiert, ob sie bereits im Dezember oder dann im Januar bereit sein wird. Ich weiss, dass sie intensiv daran arbeiten und unser Dossier sehr genau prüfen. Die Swissmedic verfügt als kleinere Behörde auch nicht über so grosse Teams wie EMA oder FDA. Das Bekenntnis zum Thema Sicherheit ist enorm gross. Daher bin ich überzeugt, dass die Bevölkerung hierzulande auf das Urteil der Swissmedic vertrauen kann.

Sie wollen bis Ende Jahr bis zu 20 Millionen Impfdosen ausliefern. Sind diese für die USA reserviert oder werden sie auch in andere Länder verschickt?

Der Grossteil wird in die USA geliefert. Wir haben zuerst mit der Produktion hier begonnen, weil wir von den USA finanziell stark unterstützt wurden. Allerdings werden erste Impfstoffe ebenfalls im Dezember nach Europa geliefert. Wir dürfen die Impfstoffe aber per Gesetz erst ausliefern, wenn wir die Zulassung dafür erhalten haben.

Sobald die Arzneimittelbehörde Swissmedic grünes Licht gibt, wird der Moderna-Impfstoff in die Schweiz geliefert. Der Bund hat sich bislang 7,5 Millionen Dosen gesichert. Es braucht allerdings zwei Impfungen pro Person.

Sobald die Arzneimittelbehörde Swissmedic grünes Licht gibt, wird der Moderna-Impfstoff in die Schweiz geliefert. Der Bund hat sich bislang 7,5 Millionen Dosen gesichert. Es braucht allerdings zwei Impfungen pro Person.

Rolf Jenni

Wann kann die Schweiz mit ersten Lieferungen rechnen?

Wenn Swissmedic unseren Impfstoff im Dezember zulässt, werden wir die ersten Dosen bereits im Dezember in die Schweiz liefern. Wenn die Zulassung im Januar kommt, dann wird es im Januar soweit sein. Und so weiter.

Ihre ganze Logistik ist also bereit?

Der derzeitige Flaschenhals sind die Zulassungen in den einzelnen Ländern und Regionen.

Pfizer muss ihren Impfstoff auf -70 Grad kühlen, bei Moderna ist das einfacher. Dennoch ist eine enorme Übung, um solch grosse Mengen in der ganzen Welt zu verteilen.

Da unser Impfstoff lediglich auf -20 Grad gekühlt werden muss, stellt dies kein ausserordentliches Problem dar. Der Grund: Sämtliche Medikamente werden mit dieser Kühltemperatur um den Globus geliefert. Das war schon längst vor der Coronakrise so.

Moderna ist noch immer eine verhältnismässig kleine Biotechfirma. Es war daher sinnvoll, einen Produktionspartner an Bord zu holen. Das ist der Basler Pharmazulieferer Lonza. Offenbar soll vor allem Lonza-Präsident Albert Baehny eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen zwischen der Schweiz und Moderna gespielt haben?

Ich kann die Verhandlungen zwischen der Schweiz und uns nicht kommentieren. Doch die Lonza-Führung unter Albert Baehny half uns anderweitig sehr. Wir einigten uns über die wichtigsten Details, bevor der Vertrag zwischen Lonza und Moderna überhaupt unterschrieben wurde.

Klingt riskant...

Beide Teams gingen an die Arbeit, wir investierten Geld, ohne dies vertraglich abzusichern. Während drei bis fünf Wochen gaben beide Firmen Geld für ein Projekt aus, für das es keinen Vertrag gab. Erst als wir unterschrieben, kündigten wir die Zusammenarbeit im Mai an. Wir konnten schlicht keine Zeit verschwenden, sonst hätten wir nun nicht bereits im Dezember erste Impfstoffe auf Lager. Dafür bin ich Albert Baehny und seinem Team sehr dankbar.

Lonza wird in den USA und in Visp VS rund 400 Millionen Dosen herstellen. Weitere 100 Millionen Dosen stellt Moderna ebenfalls in den USA her. Sie sagten jedoch stets, Sie wollen bis zu einer Milliarde Dosen herstellen. Wie wollen Sie das schaffen?

Wir sind überzeugt, dass wir pro Jahr mindestens 500 Millionen Dosen herstellen können. Unser Produktionsteam ist jedoch überzeugt, dieses Ziel zu übertreffen. Unser Produktionschef war früher für die weltweite Herstellung von Novartis zuständig. Wir wissen jedoch noch nicht, wie stark der Ertrag in der Produktion steigen wird. Das wird sich nächstes Jahr zeigen.

Hier wird ein grosser Teil der Wirksubstanz des Moderna-Impfstoffs hergestellt: Das Werk des Basler Pharmazulieferes Lonza in Visp VS.

Hier wird ein grosser Teil der Wirksubstanz des Moderna-Impfstoffs hergestellt: Das Werk des Basler Pharmazulieferes Lonza in Visp VS.

Olivier Maire / KEYSTONE

Das heisst aber, sie werden derzeit keine weiteren Produktionslinien erstellen?

Das hängt sehr davon ab, wie hoch die Effektivität der anderen Impfstoffe sein wird. Können Astrazeneca und Johnson & Johnson ebenso gute Daten vorlegen wie Pfizer und wir, wird die Nachfrage vielleicht nicht so hoch sein. Je stärker wir die Produktion hochfahren, desto mehr gehen wir ein Risiko ein. Das müssen wir gut abwägen.

Sie sind daran, ihren Europasitz in Basel aufzubauen. Haben Sie inzwischen hier Büros gefunden?

Vor zwei Wochen sind wir in unsere neuen Büros eingezogen. Wir haben einen Mietvertrag über 18 Monate abgeschlossen.

Wie viele Leute werden dereinst in Basel arbeiten?

Bis Ende Jahr werden rund 25 Angestellte in Basel arbeiten, bereits heute sind es über 20. Bis Ende 2021 dürften es zwischen 50 und 60 Mitarbeiter sein. Die Angestellten hier kümmern sich etwa um Produktionsabläufe, Qualitätskontrolle, Lieferketten, Finanzen und so weiter. Es wird ein echter Hauptsitz für die Regionen Europa, Afrika und den Nahen Osten.

Und was für eine Zukunft sehen Sie für Moderna weltweit?

Wir möchten weitere Produkte auf den Markt bringen. Derzeit befinden sich 20 Medikamente und Impfstoffe in der Entwicklung. Ich würde diese Zahl gerne bei 30 oder 40 sehen. Unsere Technologie-Plattform funktioniert, wir haben über 4 Milliarden Dollar Barmittel zur Verfügung. Nachdem der Corona-Impfstoff lanciert wurde, möchte ich weitere Impfstoffe vorantreiben. Seit 1990 wurden 82 Viren entdeckt, die Menschen schaden. Es gibt nur gerade zwei zugelassene Impfstoffe gegen sie. Darin sehen wir das Potenzial. Derzeit arbeiten wir etwa an einem Impfstoff gegen das Cytomegalo-Virus.

Gibt es ein Unternehmen, das für Sie als Vorbild gilt? Ein gutes Beispiel ist die US-Biotechfirma Genentech, die heute zu Roche gehört.

Wir wollen möglichst vieles selber machen. Von der Forschung und Entwicklung über die Herstellung bis zum Marketing und Verkauf. Genentech gefällt mir als Beispiel einer erfolgreichen Biotechfirma gut und hat uns alle inspiriert. Ich möchte rascher vorangehen. Genentech hatte keine Technologie-Plattform wie wir.

Seit Januar haben Sie für rund 50 Millionen Dollar Aktien von Moderna verkauft. Dies führte an der Börse zu Zweifeln, ob Sie wirklich an die Zukunft der Firma glauben.

Die Firma befand sich fast zehn Jahre im Privatbesitz. Während dieser Zeit habe ich Geld investiert und entsprechend keine Aktien verkauft. Ich habe in jeder Finanzierungsrunde von Moderna mit privatem Geld Aktien gekauft. Das gibt es so nirgends auf der Welt in der Biotechbranche. Sämtliche Ersparnisse meiner Frau und von mir stecken im Unternehmen. Meine Frau bezeichnete mich ab und an als etwas verrückt. Ich besitze 41 Millionen Aktien im Wert von rund 6,9 Milliarden Dollar. Ich habe lediglich zwischen ein und zwei Prozent meiner Titel verkauft, um mir Liquidität zu verschaffen und um Darlehen zurückzuzahlen.

Sie sind in Marseille geboren, haben in Paris studiert und dann das Land mit 22 Jahren verlassen, um in Minnesota zu studieren. Nun arbeiten Sie seit knapp zehn Jahren in den USA als Moderna-Chef. War es schon immer Ihr Plan, im Ausland zu arbeiten?

Ja. Ich bin 1972 auf die Welt gekommen, als diese bereits damals immer globaler wurde. Ich war schon vor meinem Studium in Minnesota einige Male in den USA, daher war es ein logischer Schritt, dort zu studieren. Danach machte ich ein Praktikum in Japan und hatte dort später auch eine Festanstellung. Ich lerne gerne neue Kulturen und Arbeitsweisen kennen. In Frankreich selbst habe ich lediglich zwei Jahre als Chef einer Diagnostikfirmagearbeitet.

Was vermissen Sie am meisten an Ihrer Heimat?

Dazu gehört ganz sicher das hervorragende Essen. Aus meiner Sicht werden die persönlichen Beziehungen oder etwa auch Themen wie Geschichte oder Kunst in Europa viel stärker geschätzt als hier in den USA. Ich vermisse die Lebensqualität und das «savoir vivre», die hier so nicht vorzufinden sind. Aber wenn es ums Geschäft geht, klappt in den USA alles bestens und sehr effizient.

Die Franzosen und Amerikaner haben manchmal ein etwas angespanntes Verhältnis. Zuletzt wurde dies etwa in der Netflix-Serie «Emily in Paris» thematisiert. Haben Sie nicht den Drang, dereinst wieder in Frankreich zu arbeiten?

Ich habe die Serie nicht gesehen, aber meine Frau. Sie ist Amerikanerin und arbeitete einst in Paris, so wie in Emily in Paris. Ernsthaft: Leben würde ich sehr gerne in Frankreich, arbeiten allerdings nicht.

Wieso?

In meinem beruflichen Leben gibt es nur Moderna. Das Unternehmen ist hier in Boston angesiedelt, also bin ich auch hier. Das ist der Job meines Lebens und auch der letzte. Nach Moderna gibt es für mich keinen Job mehr – egal ob in den USA oder in Frankreich. Aber ich freue mich bereits jetzt, wieder mehr Zeit in Europa zu verbringen.

Wann werden Sie erstmals nach Frankreich zurückkehren, ohne dass Corona unser Leben dominiert?

Ich glaube, dass das im Sommer möglich sein wird. Dann werden die meisten Menschen, die einen Impfstoff wollen, auch einen erhalten. Das gleiche gilt für die USA allerdings vermutlich schon um den Monat Mai herum. Vergessen Sie nicht: Wenn Sie geimpft sind, sind Sie geschützt. Dann können Sie wieder ihre Ferien geniessen, sei es in Spanien, Griechenland oder wo sonst Sie auch immer gerne hingehen.

Stéphane Bancel

Der 48-jährige Franzose Stéphane Bancel ist seit Oktober 2011 Chef der US-Biotechfirma Moderna. Zuvor war er während fünf Jahren Leiter der französischen Diagnostikfirma Biomérieux. Zwischen 2000 und 2006 war er in verschiedenen Funktionen beim US-Pharmakonzern Eli Lilly tätig, unter anderem als Länderchef in Belgien und im Bereich der Produktion. Bancel ist Verwaltungsrat der niederländischen Diagnostikunternehmen Qiagen und dem US-Agrotechnikfirma Indigo. Er besitzt einen Abschluss der École Centrale Paris, der Universität Minnesota und der Harvard Business School. Bancel lebt in der Region Boston, ist verheiratet und Vater zweier Töchter.