Software-Milliardär kauft US-Magazin "Time"

Der Technologieunternehmer Marc Benioff kauft sich zusammen mit seiner Gattin Lynne die Zeitschrift «Time» – die in den vergangenen Jahren stark an Glanz eingebüsst hat.

Renzo Ruf, Washington
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Multimilliardär Marc Benioff bei der Eröffnung des Internet-Dienstleisters Salesforce. (Bild: David Paul Morris/Bloomberg (San Francisco, 22. Mai 2018))

Multimilliardär Marc Benioff bei der Eröffnung des Internet-Dienstleisters Salesforce. (Bild: David Paul Morris/Bloomberg (San Francisco, 22. Mai 2018))

Marc Benioff pflegt von sich zu sagen: «Ich wurde als Unternehmer geboren.» Bereits im Alter von zwölf Jahren habe er in der Nachbarschaft, in der er aufwuchs, Geld mit der Reparatur von Fernsehantennen verdient. Heute wird das Vermögen des 53-Jährigen auf mehr als 6 Milliarden Dollar geschätzt, und er amtiert als Co-Leiter des Internet-Dienstleisters Salesforce.com, den er 1999 ins Leben gerufen hatte. Daneben engagiert sich Benioff, zusammen mit seiner Gattin Lynne, in San Francisco (Kalifornien) als Philanthrop.

So haben sich die beiden das Ziel gesetzt, in den nächsten fünf Jahren sämtlichen 1200 obdachlosen Familien in ihrem Wohnort ein neues Zuhause zu verschaffen. Dafür wollen sie bis zu 150 Millionen Dollar ausgeben, wie Benioff kürzlich der «New York Times» verriet.

Benioff will sich aus Tagesgeschäft heraushalten

Vielleicht erklärt diese Mischung aus Unternehmensgeist und sozialer Ader, wieso das Ehepaar Benioff seit dem Wochenende der neue Besitzer der Zeitschrift «Time» ist. Gegen die Bezahlung von 190 Millionen Dollar in bar erstanden sich Marc und Lynne Benioff eine Publikation, die lange Jahre rund um den Globus als Vorbild für wöchentlich erscheinende Nachrichtenmagazine galt, in den vergangenen Jahren vom Strukturwandel in der Medienbranche aber arg zerzaust wurde. So sank die «Time»-Auflage von einst mehr als vier Millionen Exemplaren in den Neunzigerjahren, als die Zeitschrift noch zum Medienhaus Time Warner gehörte, auf nun noch gut zwei Millionen. Auch deshalb suchte der Zeitschriftenverlag Meredith, domiziliert in Des Moines (Iowa), seit der Übernahme von «Time» zu Jahresbeginn nach einem neuen Besitzer.

Die Benioffs versprachen in einer schriftlichen Mitteilung, sich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten. Sie sähen ihre Rolle eher als «Verwalter» einer «ikonischen Marke». Und in einem Memorandum an die «Time»-Angestellten schrieb der leitende Redaktor Edward Felsenthal, die neuen Besitzer interessierten sich für das langfristige Wohlergehen des Magazins. So habe das Ehepaar Benioff ihn bereits darum gebeten, seine Vision über die Rolle, die «Time» im Jahr 2040 spielen solle, zu Papier zu bringen.

Solche Gedankenspielereien wecken Erinnerungen an andere Multimilliardäre, die sich in den letzten Jahren als Verleger versucht haben. So angelte sich Jeff Bezos (54) vor fünf Jahren die Hauptstadtpostille «Washington Post». Dank den massiven Investitionen in die Redaktion – und einem Boom des Politjournalismus, der auch mit der Präsidentschaft von Donald Trump erklärt werden kann – schreibt die «Post» derzeit angeblich schwarze Zahlen.

Eine ähnliche Strategie verfolgt Patrick Soon-Shiong (66), der seit einigen Monaten die «Los Angeles Times» und die «San Diego Union-Tribune» besitzt. Der Mediziner aus Südafrika wurde als Gründer und Besitzer von biopharmazeutischen Firmen schwerreich. Er wolle die «redaktionelle Integrität und Unabhängigkeit» der beiden traditionsreichen Zeitungen bewahren, schrieb Soon-Shiong im Juni in einer Mitteilung an die Leserinnen und Leser der beiden Blätter, und sehe seine Investition als eine Art Dankesbezeugung an die Bevölkerung Kaliforniens, die ihm, dem Einwanderer, eine Chance gegeben habe.