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MUSIK: Es knistert wieder

Die CD hätte das Ende der Schallplatte bedeuten sollen. Es kam ganz anders. Heute werden wieder Millionen von Vinylscheiben gepresst. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein kleines tschechisches Dorf.
Stefan Welzel
Aufdrucke bereit für die Platte.

Aufdrucke bereit für die Platte.

Lodenice liegt rund zehn Kilometer südwestlich der tschechischen Hauptstadt Prag, ist ein kleines Dorf mit nicht einmal 2000 Einwohnern. Hier passiert nicht viel – das kann man bereits nach einem kurzen Spaziergang feststellen. Aber hier steht eine der weltweit grössten Vinylfabriken. Von der Firma GZ Media gehen jährlich Millionen von Schallplatten in alle Welt, um Liebhaber der altmodischen Vinylscheibe beim Hören ihrer Lieblingsmusik zu beglücken. Und bei Jirí Zitas Arbeitsplatz fängt alles an.

Der Multimedia-Spezialist sitzt im «Premastering-Studio», umgeben von schalldichten Wänden und Computern. «Hier überprüfen wir zunächst die uns zugesandten Audiodateien auf Herz und Nieren wie zum Beispiel die Liederlänge oder -Reihenfolge», sagt er. Steht das Grundgerüst, geht es weiter ins «Mastering-Studio». Wieder schalldichte Wände, noch mehr Technik. Die digitalen Dateien werden so präpariert, dass es später auf einen Rohling überspielt werden kann. «Vieles kommt aber auch schon komplett gemastert zu uns», erklärt Zita. Mit neuen, von eigenen Informatikern erstellten Programmen mischen Techniker die Musik so ab, dass sie später in optimaler Qualität auf den Tonträger gelangen.

Zwei Franken pro Platte

Die Kunden von GZ Media sind nicht nur grosse Plattenfirmen, sondern oft auch so genannte «Independent»-Labels und kleine Bands. Der Preis, den GZ Media für eine einzelne Standard-Vinylplatte ansetzt, liegt bei umgerechnet rund zwei Franken. Je nach Ausführung und bestellter Menge ist es etwas mehr oder weniger. Mehr, wenn die Scheibe zum Beispiel bunt oder mit einem Bild versehen werden soll. Solche Preise können sich auch Nachwuchsbands ohne grosses Budget leisten. «Ausserdem findet der ganze Ablauf von der Tonbearbeitung bis zur Abpackung vor Ort statt, nichts muss ausgelagert werden», betont Marketingdirektor Michal Nemec.

Die Produktion von Vinyl-Platten hat Tradition in Lodenice. 1948 wurden die staatlichen Grammofonwerke gegründet, 1951 die erste schwarze Scheibe gepresst. In den Achtzigerjahren folgte die CD-Produktion. Nach der samtenen Revolution 1989 übernahm der damalige Direktor und heutige Grossaktionär Zdenek Pelc die Geschäfte. Aus Sentimentalität wollte er die Vinyl-Produktion nicht aufgeben. In einem Interview mit der «International New York Times» sagte er einmal, er habe es nie für möglich gehalten, dass die Schallplatte ein Comeback feiern würde. Nun hat es Pelc mit seiner Firma dank dem neuen Boom zu weltweitem Ruhm gebracht – und somit auch das Dorf Lodenice. Denn von den rund 100 Millionen Scheiben, die inzwischen jährlich weltweit wieder hergestellt werden, kommt fast ein Fünftel aus dem Werk in Mittelböhmen.

Auch wenn Vinylscheiben nur etwa 2 Prozent des gesamten Tonträgermarktes ausmachen: Vinyl und Plattenspieler liegen wieder voll im Trend. Schallplatten zu hören, ist Ausdruck eines Lebensgefühls. «Das liegt wohl auch daran, dass man sich dafür Zeit nehmen muss. Es ist ein Ritual, denn man kann nicht wie bei digitaler Wiedergabe einfach ein Lied überspringen oder per Knopfdruck vorspulen. Man muss aufstehen und die Nadel neu setzen», erklärt Nemec.

Schallplattenhören als Rebellion im Kleinen – als Gegenkonzept zur immer schnelllebigeren digitalen Gesellschaft? «Vielleicht», so Nemec; es sei ja vor allem bei einem jungen, umweltbewussten und an Vintage-Produkten interessierten Publikum beliebt.

Wärmerer Klang, intensiveres Hörerlebnis

Toningenieur Zita meint, der Klang sei wärmer, das Hörerlebnis intensiver. Wissenschaftlich lässt sich das zwar nicht beweisen, aber in der Tat ist das Niveau von Vinylplatten heutzutage sehr hoch. Das liegt vor allem am Verfahren mittels Überspielen auf eine speziell mit Kupfer beschichtete Platte.

Eine Schneideanlage schreibt die Toninformationen der Aufnahmen mit einem Diamanten in die Edelstahlunterlage. Vorteil: kaum mehr Verzerrungen. Diese Präzisionsarbeit wird von einer Maschine aus den Achtzigerjahren durchgeführt, danach wurden keine mehr hergestellt. In den Schreibkopf ist ein Naturdiamant eingefügt. Auch sonst laufen noch viele technische Apparate aus jener Zeit, als die Vinylproduktion an ihrem vermeintlichen Ende angelangt war. Das gilt genauso bei den nächsten Arbeitsschritten – oft wähnt man sich 30 Jahre zurückversetzt.

Nach dem Schneidevorgang kommen die Kupferplatten in den sogenannten Galvanikprozess. Während eines Nickelbades entstehen Negativabdrucke der Platten. Sind diese genug dick, werden sie abgetrennt. Später werden daraus Matrizen hergestellt, die dann für den eigentlichen Pressvorgang mit dem Kunststoff Polyvinylchlorid – eher bekannt unter der Abkürzung PVC – genutzt werden. Bei bis zu 200 Grad werden die Schallplatten rund eine halbe Minute lang bei einem Druck von 100 Tonnen gepresst.

Expansion nach Nordamerika

Auch bei diesem finalen Vorgang sind in Lodenice noch überwiegend Maschinen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren im Einsatz, seit 2014 machen aber auch neue Einheiten aus Eigenproduktion diese Arbeit – zuweilen vollautomatisch. Bei GZ Media führte der vor rund sieben Jahren beginnende Vinylboom zu Investitionen. Das Unternehmen ist zuversichtlich genug, um neue, so genannte Software-Mastering-Programme und Pressmaschinen anzuschaffen.

Den Einwand, es könnte bald vorbei sein mit dem Boom, kontert Marketingdirektor Nemec mit der «seit Jahren steigenden Nachfrage». Es sei sogar schwierig, neues Personal in der Umgebung zu finden, deshalb habe die Firma ein Werk in Südböhmen errichtet. In Lodenice sind rund 2000 Mitarbeiter beschäftigt – mehr als der Ort Einwohner hat.

Ständig bricht man die eigenen Rekorde und festigt damit die Position als Marktführer: War 2013 das Jahr, in dem man die 10-Millionen-Stückzahl überschritt und täglich 40 000 Platten herstellte, sind es inzwischen 65 000. Die Produktion läuft 24 Stunden am Tag, 363 Tage im Jahr. Hochgerechnet ergäbe das für das laufende Jahr deutlich mehr als 20 Millionen.

Deshalb arbeite die Firma ständig daran, ihre Kapazitäten zu erhöhen. Nemec: «Wir haben zuletzt eine Fabrik in der Nähe von Toronto bauen lassen, wir expandieren fortlaufend.»

Stefan Welzel

Eine Platte geht ins Nickelbad.

Eine Platte geht ins Nickelbad.

Soundcheck: Eine Mitarbeiterin nimmt eine Hörprobe vor. Bilder: Martin Divisek/Bloomberg

Soundcheck: Eine Mitarbeiterin nimmt eine Hörprobe vor. Bilder: Martin Divisek/Bloomberg

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