Muss die Schweizer Uhrenindustrie schon wieder gerettet werden?

Die Coronakrise beschleunigt bestehende Trends – bis zu 100 Schweizer Uhrenmarken könnten verschwinden.

Niklaus Vontobel
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Retterfigur in der letzten grossen Uhrenkrise: Archivbild des 2010 verstorbenen Swatch Group Präsidenten Nicolas Hayek (Mai 2007)

Retterfigur in der letzten grossen Uhrenkrise: Archivbild des 2010 verstorbenen Swatch Group Präsidenten Nicolas Hayek (Mai 2007)

Salvatore Di Nolfi / KEYSTONE

Am 28. Juni jährt sich der Todestag von Nicolas Hayek Senior zum zehnten Mal. Der Jahrestag des Retters der Schweizer Uhrenindustrie fällt in eine schwere Krisenzeit für die Branche. Es fehlt nicht an Warnern, die unheilvolle Vorzeichen zu erkennen glauben. Sie sehen eine Uhrenindustrie, die dringend eine neue Erlöserfigur braucht.

«Ich hasse es, das zu sagen, aber ich glaube, die Uhrenindustrie wird sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren um bis zur Hälfte verkleinern.» So sagte es ein Berater in einer Expertendiskussion, stellvertretend für viele Kritiker. Bereits beherrsche die elektronische Smartwatch den Markt in der Preisklasse von bis zu 700 Dollar.

Derzeit tobe der Krieg in der nächsthöheren Klasse. Der «Senior Digital Marketing Consultant» lässt finster durchklingen: Auch diesen Krieg verliert die Schweizer Uhrenindustrie mit ihren mechanischen Uhrwerken.

Das schlimmste Jahr in über fünf Jahrzehnten

Ein Gefühl des industriellen Niedergangs wabert schon länger in der Branche. Nun kommt die Coronakrise hinzu. Die Uhrenexporte brechen dieses Jahr ein. Es wird das schlimmste Jahr in über fünf Jahrzehnten.

Die Frage ist nur noch: Gibt es einen Rückgang von 25 Prozent, wie es Bank-Vontobel-Analyst René Weber erwartet (siehe Grafik rechts)? Oder kommt es, wie es der Uhrenverband für möglich hält: Minus 30 Prozent? Wie sieht die Schweizer Uhrenindustrie aus, wenn die Krise vorbei ist? In die Debatte mischt sich auch Uhrenanalyst Weber. Seine Einordnung der Dinge hat zwar auch dunkle Züge. Doch findet laut ihm die Branche aus der Krise, ohne dass ein zweiter Erlöser den Weg weisen müsste.

Von aktuell 600 Marken, die heute die Schweizer Uhrenlandschaft prägen, könnten 50 bis 100 Marken verschwinden. In diesem Szenario von Weber wäre die Uhrenindustrie nach der Krise nicht mehr die Gleiche. Dennoch wäre der Wandel nicht so dramatisch, wie es die Zahlen vermuten lassen würde. Weber sagt: «Keine der Topmarken ist betroffen. Gefährdet sind die kleinen Marken.»

Den Kleinen wird zum Verhängnis, dass sich ein bestehender Trend beschleunigt: Kleine Detailhändler werden noch kleiner – oder müssen aufgeben. Die grossen Händler beschränken sich auf wenige Marken, tendenziell auf die grossen globalen Ikonen. So verdient der Händler «Watches of Switzerland» fast die Hälfte des Geldes mit einer einzigen Marke: Rolex.

In dieser globalisierten Welt der Grossen wird es für die Kleinen schwieriger. Es hat weniger Verkäufer für ihre Uhren und damit auch weniger Käufer.

Die Futurologen lagen schon einmal bös daneben

Wie verändert das neue Coronavirus die Uhrenindustrie? In der Debatte gibt es auch Agnostiker. Uhrenhistoriker Pierre-Yves Donzé kritisiert «Futurologen», denen die Bescheidenheit fehle, um zuzugeben: «Dass sie die Antwort nicht kennen.»

Mit einer Prise Boshaftigkeit erinnert er an Finanzanalysten, die im Herbst 2013 mit viel Überzeugung empfahlen: Kaufen Sie die Aktien der Swatch Gruppe! Damals kostet die Aktie noch 580 Franken. Aktuell sind es weniger als 200 Franken.

Bei aller Demut zeigt sich in der Krise oft ein Muster, so Donzé: Vorhandene Trends beschleunigen sich. In der Schweizer Uhrenindustrie ist ein Trend zentral: Seit den 90er-Jahren wird sie immer mehr zum globalen Verkäufer von Luxus.

Es überleben wenige globale Ikonen: etwa Omega oder Rolex. Sie werden als Luxusgut vermarktet, sind aber bezahlbar für Hunderttausende. Nischen hat es für superteure Uhren für Superreiche.

Darum sieht es Historiker Donzé ähnlich wie Analyst Weber: «Unabhängige Marken, die günstige Uhren verkaufen, waren schon früher in einer heiklen Wettbewerbsposition und haben nun wenig finanzielle Reserven, um die Krise zu meistern.»

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Patrik Müller,  Niklaus Vontobel