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MUTTENZ: Ménage-à-trois bei Clariant

Nach der abgeblasenen Hochzeit will Konzernchef Hariolf Kottmann auf den Weg zurückkehren, den er vor der Verlobung mit Huntsman gegangen war. Das könnte sich als Illusion erweisen.
Daniel Zulauf
Clariant-Konzernchef Hariolf Kottmann an einer Bilanzpressekonferenz. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 18. Februar 2015))

Clariant-Konzernchef Hariolf Kottmann an einer Bilanzpressekonferenz. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 18. Februar 2015))

Daniel Zulauf

Die Vögel pfiffen es zuletzt unüberhörbar laut von den Dächern. Jetzt ist aus dem Signal eine Tatsache geworden. Die beiden Chemiekonzerne Clariant und Huntsman werden ihre im Mai dieses Jahres angekündigte Fusion nicht durchführen. Die oppositionelle Investorengruppe White Tale, bestehend aus den beiden US-Industriellen David Millstone und David Winter und sekundiert vom gefürchteten US-Hedgefonds-Manager Keith Meister, hatte ihre Beteiligung am Baselbieter Unternehmen zuletzt auf über 20 Prozent erhöht, wie noch am Donnerstagabend über informelle Kanäle zu vernehmen war.

Gestern erfolgte die Bestätigung aus Muttenz zeitgleich mit der Mitteilung, dass die geplante «Fusion unter Gleichen» abgesagt werde. Die erforderliche Zustimmung einer Zweidrittelmehrheit der Clariant-Aktionäre sei angesichts der Aktienposition von White Tale und der mutmasslichen Unterstützung durch weitere Aktionäre unwahrscheinlich geworden, begründete Clariant den Übungsabbruch.

Mit dem Eingeständnis ersparen sich die Führungsgremien von Clariant und Huntsman nicht nur weitere Arbeit. Ebenso vermeidet Clariant eine Abbruchzahlung von 210 Millionen und eine Strafzahlung von 60 Millionen Dollar, die fällig geworden wären, wenn der Deal erst an der Aktionärsversammlung durchgefallen wäre.

Drei mögliche Optionen

«Ich bin der CEO Hariolf Kottmann», betonte der hörbar enervierte Firmenlenker gestern in einer Telefonkonferenz in Verneinung der Frage, ob das Scheitern der Transaktion personelle Konsequenzen bei Clariant nach sich ziehen könnte. Er sähe keinen Grund, das Unternehmen nun zu verlassen, betonte er im Wissen, dass seine Strategie im offenen Widerspruch zum nunmehr grössten Aktionär steht. Kottmann beharrte gestern auch auf dem Standpunkt, dass die Fusion mit Huntsman die zurzeit «beste verfügbare Option» für Clariant sei.

Auch in der Pressemitteilung verspricht Clariant die Rückkehr auf den ursprünglichen Pfad: «Verwaltungsrat, CEO und Geschäftsleitung werden sich nun weiter auf die bewährte Strategie konzentrieren, um unsere Marktposition als global führendes ­Spezialchemieunternehmen weiter auszubauen», lässt sich Verwaltungsratspräsident Rudolf Wehrli zitieren. Der 68-Jährige hätte im Zuge der Fusion eigentlich in den Ruhestand wechseln wollen, um den Vorsitz des Aufsichtsgremiums an Kottmann zu übergeben. Wie motiviert die beiden Protagonisten nun tatsächlich sind, ihre Rollen trotzdem wie bisher weiterzuspielen, bleibt ihr Geheimnis.

Auf die Frage, welche Optionen Clariant nun offenblieben, sagte Kottmann in der Telefonkonferenz, man könne, wie schon vor der Fusion, den Weg als eigenständiges Unternehmen weitergehen, die Option eines Zusammenschlusses unter Gleichen weiterverfolgen oder eine grosse Übernahme tätigen. Eine Übernahme durch einen Mitbewerber hält der kämpferische Manager offenbar nach wie vor für unrealistisch. «Dass Clariant ein Übernahmekandidat sei, hören wir seit fünf Jahren, aber noch nie hat uns jemand ein konkretes Angebot unterbreitet, auch nicht, als der Aktienkurs noch bei 12 Franken notierte.»

White Tale als Unsicherheitsfaktor

Inzwischen kostet eine Clariant-Aktie 25 Franken, obschon die gestrigen Neuigkeiten den Kurs etwas unter Druck gebracht haben. Seit Oktober 2016 ist der Kurs um mehr als 50 Prozent und seit der Fusionsankündigung Anfang Mai um mehr als 25 Prozent gestiegen. White Tale wird also alles daran setzen, dass sich dieser Kursgewinn nicht in Luft auflöst, zumal die drei Grossaktionäre zusammen fast 1,7 Milliarden Franken im Feuer haben.

Doch so wenig Kottmann nun ohne den Segen von White Tale ausrichten kann, so begrenzt sind auch die Möglichkeiten der amerikanischen Aktionäre, den Chemiekonzern ohne Mithilfe des Managements in Schwung zu halten und den Rückfall des Aktienkurses zu verhindern. Die Ménage-à-trois oder quatre (je nachdem, wie man die Akteure von White Tale zählt) verspricht reichlich kompliziert zu werden. Kottmann machte sich gestern keine Mühe, seine höchst begrenzten Sympathien für die neuen Herren in seinem Aktionariat zu verbergen. Die Aktionäre versuchen wenigstens, kein Öl ins Feuer zu giessen: «Wir suchen zuerst das Gespräch mit der Gesellschaft. Danach informieren wir», liessen sie ausrichten.

Trotz aller Gegensätze ist zu vermuten, dass White Tale demnächst einen Platz im Verwaltungsrat von Clariant angeboten erhält. Doch die Diskussionen über die strategische Weiterentwicklung dürften mit Beteilung von White Tale kaum einfacher werden. Alle Beteiligten wissen, dass die simple Rückkehr zum Altbewährten als «Investment-Story» nicht reicht, um die Clariant-Aktien vor einem Rückfall zu bewahren.

Ob sich White Tale und Kottmann auf eine neue Investment-Story einigen können, die auch Drittinvestoren überzeugt, ist alles andere als sicher. Vorerst bleibt White Tale ein Unsicherheitsfaktor für Clariant, der die Firma und viele um ihren Job besorgte Schlüsselmitarbeiter destabilisieren könnte. Immerhin gibt es auch für Clariant gewisse Sicherheiten, dass White Tale nicht schon morgen mit der Zerschlagung beginnen kann. Eine Klausel über die Auflösung des Fusionsvertrages sieht vor, dass die vorerst abgewendeten Abbruchzahlungen an Huntsman doch noch fällig würden, wenn Clariant innerhalb der nächsten 18 Monate mehr als einen Drittel der grössten Vermögenswerte veräussert.

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