Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Nach Attacken auf Schweizer Konzerne sagt Wirtschaftsexperte Strahm: Seit der Abzockerinitiative hätten Finanzaktivisten leichtes Spiel

Ihre Attacken häufen sich. Kurzfristig agierende Finanzinvestoren greifen vermehrt Schweizer Unternehmen an. Darin zeigt sich für Rudolf Strahm das «neue Gesicht des globalisierten Aktionär-Räubertums».
Niklaus Vontobel
Implenia: Der Baukonzern ist eines der Unternehmen, das kürzlich ins Visier von Finanzaktivisten geriet (Bild: Chris Iseli)

Implenia: Der Baukonzern ist eines der Unternehmen, das kürzlich ins Visier von Finanzaktivisten geriet (Bild: Chris Iseli)

Die Angriffe würden immer dem gleichen Muster folgen, sagt Rudolf Strahm, Wirtschaftsexperte, ehemaliger Preisüberwacher und früherer SP-Nationalrat: Angriffe auf Betriebe, die viel Reserven hätten; rasch Substanz herausziehen; wieder verschwinden. Strahm:

«Mit der Abzocker-Initiative hat die Schweiz diese Hasardeure ermutigt.»

Beispiele gibt es zur Genüge. Implenia wird von einem Finanzinvestor angegriffen, der den Baukonzern zerschlagen wollte. Comet, eine Freiburger Technologiefirma, wird ein Präsident aufgezwungen. Dem Telekom-Konzern Sunrise wird der Kauf von Kabelbetreiber UPC verwehrt. Die Kampagne führten Finanzinvestoren an. Der Stromkonzern Alpiq soll daran gehindert werden, seine Aktien von der Börse zu nehmen. Der Industriegigant ABB verkauft seine Stromnetz-Sparte, das ehemalige Herzstück – ein Finanzinvestor übte Druck aus.

Die Häufung von Attacken habe hausgemachte Gründe, sagt Strahm. «Das Schweizer Aktienrecht ermutigt Aktionärsaktivisten geradezu.» Mit seiner Kritik zielt Strahm vor allem auf die letzte Reform: die Initiative von Thomas Minder. Damals habe man gegen Abzocker vorgehen wollen. Es sollte keinen Fall mehr geben wie von Daniel Vasella, damals starker Mann beim Pharmakonzern Novartis. Vasella hatte zum Abgang nochmals 72 Millionen Franken erhalten. Strahm: «Wer konnte schon gegen eine solche Initiative sein?»

Doch Minder habe sich von einer falschen Analogie leiten lassen. «Er wollte eine lebendige Aktionärs-Demokratie: Kleinaktionäre – Tante Emma und Onkel Fritz – sollten an der Generalversammlung mehr Rechte haben, wie an Abstimmungs-Sonntagen.» Minder habe übersehen, wer da auch zu neuen Rechten kommt, und diese aggressiv einsetzt. «Man hat damit die Tore geöffnet für Raider oder gar für Finanzgangster.»

Neue Rechte ermöglichen Schmutzkampagnen

Heute können Aktionäre etwa leichter Einsicht verlangen. Schon mit einem geringen Aktienanteil erhalten sie Zugang zu vertraulichen Informationen. Dieses Wissen würden sie regelmässig nutzen für Schmutzkampagnen. Finanzinvestoren machen Unternehmen zum Spielball ihrer Interessen, indem sie diese öffentlich denunzieren oder Falschbehauptungen streuen.

«Wir sind weit entfernt vom Ideal einer Aktionärsdemokratie.»

Damit nicht genug. Auch die Schwelle ist gesenkt worden, ab der Aktionäre einen Sitz im Verwaltungsrat erhalten. Einmal drin, haben sie Rechte wie alle anderen Verwaltungsräte. Das Einreichen von Klagen wurde einfacher. Als weitere Folge von Minder gewannen Stimmrechtsberater an Macht, insbesondere die US-Branchenführer ISS und Glass Lewis. Auf ihre Empfehlungen verlassen sich heute viele Pensionskassen. Seit der Abzocker-Initiative müssen sie von Gesetz wegen an Generalversammlungen abstimmen. Strahm:

«Stimmrechtsberater haben viel Einfluss, tragen aber keine Verantwortung.»

In der öffentlichen Debatte werden Finanzinvestoren auch verteidigt. Sie würden Verwaltungsräte herausfordern. Strahm sieht dafür einen anderen Weg. Unternehmen bräuchten stärkere interne Kontrollmechanismen. Und Verwaltungsräte bräuchten mehr Vielfalt, Frauen müssten auf mindestens einen Drittel der Sitze kommen. Berater seien wichtig, auch die Presse. Aber kurzfristig denkende Finanzinvestoren trügen nichts bei. «Sie haben nur ein Interesse: Substanz entziehen, verschwinden.»

In der Schweiz gebe es kein einziges Beispiel von einem Unternehmen, das dank kurzfristiger Finanzinvestoren besser aufgestellt sei. Dagegen gebe es viele frühere industrielle Flaggschiffe, die heute orientierungslos herumtuckern: Sulzer, OC Oerlikon, Sauer oder Schmolz+Bickenbach. Alle wurden von Finanzinvestoren angegriffen. Geradezu ein Musterfall ist für Strahm der Baukonzern Implenia, der von Veraison attackiert wurde. Der Baukonzern müsse eine Bauflaute überstehen. Einnahmen fallen weg, die erwirtschaftet wurden aus dem Bau des neuen Eisenbahntunnels in den Alpen (Neat). Bald helfen Projekte in Europa, die Ausfälle ausgleichen. Ehe es so weit ist, wird die Schwäche genutzt. Veraison kauft 1,9 Prozent der Aktien, verleumdet den Verwaltungsrat, will das Bauland abspalten, einen tragenden Firmenwert. Dann die Wende. «Plötzlich sind die Aktien verkauft, Veraison zieht ab – das zeigt den kurzfristigen Charakter.»

«Sie haben nur ein Interesse: Substanz entziehen, verschwinden»: Rudolf Strahm (76) über kurzfristig denkende Finanzinvestoren. (Bild: Hanspeter Bärtschi)

«Sie haben nur ein Interesse: Substanz entziehen, verschwinden»: Rudolf Strahm (76) über kurzfristig denkende Finanzinvestoren. (Bild: Hanspeter Bärtschi)

«Die Schweiz muss ihr Aktienrecht überarbeiten», fordert Strahm. Man habe gute Elemente im Börsenrecht, aber es genüge nicht. Zunächst müsse man unterscheiden. Unternehmen, die in irgendeiner Weise zum Service Public gehören, seien anders zu behandeln als private Unternehmen, deren Aktien an der Börse gehandelt werden. Für Service-Public-Unternehmen solle eine Kommission geschaffen werden, ähnlich der Wettbewerbskommission. Diese entscheidet über Investitionen in die Service-Public-Unternehmen. «Es bräuchte eine Genehmigung, die Schweiz muss mehr Kontrolle ausüben können.» Anders bei börsengehandelten Unternehmen. Diese bräuchten neue Instrumente, um sich gegen Finanzinvestoren zu wehren.

So könne man eine Pflicht einführen, die Forderung auf Einsicht zu begründen. Der Einsitz in den Verwaltungsrat könne man verzögern, das Einberufen einer ausserordentlichen Generalversammlung erschweren. Es brauche Sondergerichte, die innerhalb von Tagen entscheiden. Sonst würden vorher Tatsachen geschaffen von Finanzinvestoren. Dennoch müsse man offenbleiben für Investitionen, auch aus dem Ausland. Strahm: «Heimatschutz schadet auf Dauer allen.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.