Nach dem Sommer ab ins Gym? Fitnesscenter haben wegen Corona 40 Prozent weniger Besucher und kaum Neuabonnenten

Aus Angst vor Ansteckungen bleiben viele Fitnessabonnenten noch zu Hause. Fitnesscenter investieren deshalb vermehrt in digitale Angebote. Die Infrastruktur lässt sich allerdings nicht ins Netz verlagern.

Gabriela Jordan
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Fitnesscenter füllen sich wegen der Coronakrise nur langsam. Im Bild trainiert eine Frau im Fitnessstudio Activ Fitness in Zürich Oerlikon.

Fitnesscenter füllen sich wegen der Coronakrise nur langsam. Im Bild trainiert eine Frau im Fitnessstudio Activ Fitness in Zürich Oerlikon.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Sie gehörten zu jenen, die wegen der Coronapandemie mehrere Wochen lang zwangsschliessen mussten: Die Fitnesscenter. Seit etwa vier Monaten haben sie nun wieder geöffnet – mit bislang mässigem Erfolg. Zwar trainieren im Sommer generell weniger Leute im Gym. Wandern, Biken oder Schwimmen sind in der warmen Jahreszeit beliebter. Doch auch im Vergleich zur Vorjahresperiode sind die Besucherzahlen tief: Laut dem Schweizerischen Fitness- und Gesundheitsverband (SFGV) liegen sie bei aktuell nur 60 bis 70 Prozent.

Während sich in den 1100 Fitnesscentern in der Schweiz normalerweise rund 900'000 Schweizerinnen und Schweizer fit trimmen, sind es aktuell also höchstens 630'000. «Den Fitnesscentern geht es leider nicht so gut», sagt denn auch Verbandspräsident Claude Ammann. Weiter sagt er:

«Zwar haben viele Kunden ihre Solidarität bekundet und vielfach auf Zeitgutschriften in der geschlossenen Zeit verzichtet. Aber bei Neuabschlüssen – also Neukunden – ist der Markt sehr verhalten.»

Als Grund nennt Ammann die Angst der Kunden vor einer Ansteckung und die Unsicherheit darüber, wie sich die Pandemie weiterentwickelt. Der Verband vertritt rund 400 Betriebe, die Besucherzahlen wurden auf die ganze Schweiz hochgerechnet.

Grössere Fitnessketten sind besser dran

Es zeichnet sich also ab, dass nach dem Sommer weniger Kundinnen und Kunden als sonst ins Fitness stürmen werden. Und da jetzt eine wichtige Phase ist, um neue Abonnenten zu gewinnen, bleibt die Situation für viele Center angespannt. Ein Beispiel ist der Indigo Fitness Club, der Standorte in Zürich, Zug, Basel und Genf betreibt. Gründer Jonas Caflisch sagt auf Anfrage:

«Die Abozahlen sind in all unseren Clubs deutlich tiefer.»

Das Unternehmen leide immer noch unter den Folgen der Schliessung. Da es seinen Mitgliedern die Schliesszeit an die Abos angerechnet habe, wirke sich das nun auf den Cashflow aus. «Wir werden sicherlich einige Zeit brauchen, um wieder auf das Niveau vor Corona zu kommen.»

Besser scheint es grösseren Ketten zu gehen, die mit einem Anteil von 28 Prozent allerdings die Minderheit aller Schweizer Fitnesscenter ausmachen. Update-Fitness, das 55 Standorte hat und zu 51 Prozent zur Coop-Gruppe gehört, spricht sogar von Expansionskurs. Seit Mai seien drei neue Standorte eröffnet worden, ein weiterer sei im Bau. Die Gruppe könne «wieder am Erfolg vor dem Lockdown anknüpfen», Nachfrage und Frequenzen seien erfreulich.

Migros: Keine Aussagen über Lockdown-Auswirkungen möglich

Auch One Fitness, hinter dem die Migros-Gruppe steht, verzeichnet laut eigenen Angaben wieder ähnliche Besucherzahlen wie im Vorjahr. Die Abozahlen seien aber leicht rückläufig. Eine Ursache ist auch hier die zweimonatige Zwangsschliessung: Weil Mitglieder ihre Abos kostenlos stoppen konnten, würden Verlängerungen verzögert erfolgen. Laut dem Fitnesscenter Activ Fitness, das ebenfalls zur Migros gehört, ist vor allem bei Mitgliedern, die zur Risikogruppe gehören, eine «gewisse Zurückhaltung» bemerkbar.

Wie gut oder schlecht andere Fitnesscenter der Migros dran sind, gibt die Detailhändlerin im Detail nicht preis. Aussagen zu den tatsächlichen finanziellen Auswirkungen des Lockdowns seien noch nicht möglich. Die Migros ist seit vielen Jahren die unangefochtene Marktführerin in der Fitnessbranche. Mit Ketten wie One Fitness, Activ Fitness, Only Fitness oder den Migros Fitnessparks zählt sie insgesamt über 130 Anlagen.

Digitale Kurse können nicht alles bieten

Um trotz Coronakrise attraktiv zu bleiben, bauen viele Fitnesscenter ihre Digitalangebote aus. Beispielsweise setzten die Center der Migros mit «Fitness@home» schon vor Corona auf ein grosses Online-Angebot an verschiedensten Kursen. Während des Lockdowns boten einige zudem Live-Kurse via Facebook an. Die Erfahrungen der letzten Monate hätten gezeigt, dass das Angebot sehr beliebt sei und häufig genutzt werde, weshalb die Migros gezielt in digitale Angebote investieren werde.

Claude Ammann vom Fitnesscenter-Verband gibt allerdings zu Bedenken, dass solche Ausweichmöglichkeiten beschränkt sind: «Unsere Hauptkompetenz liegt in der Dienstleistung von Lebensstilberatung und gerätegestütztem Training. Auch für die Krankheitsbilder, welchen wir entgegenwirken, wie Rückenschmerzen, Bluthochdruck oder Übergewicht, sind die Geräte meistens zwingend nötig.» Kurz: Die Infrastruktur und persönliche Beratung machen ein gutes Fitnesscenter eben gerade aus.

Wer grosse Räumlichkeiten hat und seinen Mitgliedern viel Platz bieten kann, hat wegen der andauernden Coronapandemie also definitiv einen Vorteil. So verweist etwa der Indigo Fitness Club auf seine relativ grosse Fläche. Auf Digitalangebote habe das Center deswegen bisher verzichtet. Gründer Jonas Caflisch bleibt trotz der aktuell sinkenden Besucher- und Abozahlen zuversichtlich: «Studien aus Grossbritannien zeigen, dass Gesundheit an sich durch Corona stark an Bedeutung gewinnt. Da Fitnesstraining zu einem stärkeren Immunsystem beiträgt, könnte das dem Fitnessmarkt sogar zu einem Wachstum verhelfen.»

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