Kein Salat auf der Speisekarte, dafür Tische auf den Strassen: So müssen Restaurants weltweit auf das Coronavirus reagieren

Seit knapp fünf Monaten dürfen Schweizer Restaurants wieder geöffnet haben. In anderen Ländern kämpfen Gastronomen immer noch mit strengen Vorschriften – und bangen um ihr Überleben.

Sarah Kunz
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Schweizer Gastronomen schauen bang dem Winter entgegen, in ständiger Angst vor der zweiten Welle und vor einem erneuten Lockdown. Die Situation in anderen Ländern zeigt, wie hart es die Gastronomie in so einem Fall treffen kann. Die folgenden Beispiele zeigen, in welchen sechs Städten die Gastro-Branche auch noch ein halbes Jahr nach Ausbruch der Pandemie stark leidet:

New York City

Seit Juni dürfen Restaurants in New York ihre Aussenbereiche wieder bedienen. Nun folgt auch der Innenbereich. Aber mit Einschränkungen.

Seit Juni dürfen Restaurants in New York ihre Aussenbereiche wieder bedienen. Nun folgt auch der Innenbereich. Aber mit Einschränkungen.

Keystone

Die Millionenmetropole New York City gehört mit knapp 500'000 bestätigten Fällen zu den am stärksten vom Virus betroffenen Städten der Welt. Mitte März beschloss die Regierung, die Stadt komplett abzuriegeln, Restaurants durften nur noch als Take-Away-Service funktionieren. Und das drei Monate lang. Am 22. Juni wurde ihnen dann erlaubt, wenigstens den Aussenbereich wieder zu bedienen. Jetzt dürfen Restaurants seit Mittwoch auch endlich ihre Innenbereiche wieder für Gäste öffnen. Die Branche atmet auf. Und lechzt doch nach mehr. Denn nach wie vor gelten strenge Auflagen – etwa Kapazitätsbeschränkungen für Gäste auf rund ein Viertel, zwei Meter Abstand zwischen den Tischen, Fiebermessungen am Eingang sowie Maskenpflicht und Hygieneregeln. Ausserdem dürfen die Restaurants nur bis Mitternacht geöffnet haben.

«Das mag nicht das Essen im Innenbereich sein, das wir alle kennen und lieben», sagte Bürgermeister Bill de Blasio, als er die Lockerungen verkündete. «Aber es ist ein Fortschritt für Restaurantmitarbeiter und alle New Yorker.» Der Lichtblick am Horizont könnte je nach Verlauf aber nur von kurzer Dauer sein. Wie de Blasio warnt, werde die Situation neu bewertet, sollten die Infektionszahlen wieder steigen. Derzeit verzeichnet New York City knapp 1000 Neuinfektionen pro Tag.

Buenos Aires

Restaurantbesitzer in Buenos Aires warten sehnlichst darauf, endlich wieder öffnen zu dürfen. Ein halbes Jahr lang durften sie nur Take-Away anbieten.

Restaurantbesitzer in Buenos Aires warten sehnlichst darauf, endlich wieder öffnen zu dürfen. Ein halbes Jahr lang durften sie nur Take-Away anbieten.

Keystone

Was New York bereits geschafft hat, danach sehnt sich Buenos Aires noch. Anfangs September erlaubte die Regierung den Restaurants der argentinischen Hauptstadt wieder, dass sie Gäste bedienen dürfen. Weil der gesamte Innenbereich sowie Terrassen und Gärten aber nach wie vor tabu sind, wurden am ersten Wochenende extra Strassen abgesperrt, damit die Restaurants ihre Tische draussen aufstellen konnten. Der Andrang war gross, was nicht überrascht. Schliesslich musste kein Land so einen langen Lockdown ertragen – beinahe ein halbes Jahr lang mussten Argentinierinnen und Argentinier zu Hause ausharren.

Genauso lange mussten Gastro-Betriebe folglich auch auf Gäste verzichten. Weil Argentinien wirtschaftlich bereits vor der Pandemie stark litt, versetzte die Coronakrise vielen Geschäften nun endgültig den Todesstoss: Über 42'000 kleine und mittlere Unternehmen haben seit März dichtgemacht, alle anderen kämpfen um ihr Überleben. Experten zufolge werden bis zum Jahresende voraussichtlich sechs von zehn Argentinier in Armut leben. In Buenos Aires stecken sich pro Tag über 1000 Menschen mit dem Virus an. Insgesamt wurden in der Stadt seit Ausbruch der Pandemie über 100'000 Fälle bestätigt.

Mumbai

Mumbai im Lockdown: Ab dem 5. Oktober dürfen Restaurants nun endlich wieder Gäste empfangen.

Mumbai im Lockdown: Ab dem 5. Oktober dürfen Restaurants nun endlich wieder Gäste empfangen.

Keystone

In Mumbai sind Restaurants ebenfalls bereits seit einem halben Jahr geschlossen. Seit dem 1. Juni dürfen sie zwar Take-Away anbieten, doch die Pandemie forderte trotzdem schon zahlreiche Opfer: Indische Restaurant-Verbände vermuten, dass als Folge der Krise bereits 30 Prozent aller Restaurants permanent schliessen mussten, Tendenz steigend. Die verbliebenen Restaurants erhalten nun eine letzte Chance, um zu Überleben: Ab kommendem Montag dürfen sie wieder öffnen – ebenfalls unter den üblichen strengen Auflagen.

Zudem untersagt die Regierung das Anbieten von rohen oder ungekochten Speisen, nicht einmal Salat darf serviert werden. Die Restaurants müssen ihre Speisekarten wohl oder übel massiv verkleinern. Wie indische Medien berichten, herrscht bei den Wirten trotzdem kollektives Aufatmen. Der Bundesstaat Maharashtra vermeldet pro Tag etwa 18'000 Neuinfektionen, davon 2500 in der Stadt Mumbai. Insgesamt gibt es in Mumbai somit über 200'000 bestätigte Fälle.

Melbourne

Restaurantbesitzer in Melbourne mussten mit dem zweiten Lockdown wieder auf Take-Away-Service umsteigen.

Restaurantbesitzer in Melbourne mussten mit dem zweiten Lockdown wieder auf Take-Away-Service umsteigen.

Keystone

Auch Restaurantbetreiber in Melbourne warten sehnlichst darauf, ihre Tore endlich wieder öffnen zu dürfen. Erst verzeichnete Australien fast keine Fälle, dann wurde das Land hart von der zweiten Welle getroffen. Am schlimmsten steht es um den Bundesstaat Victoria mit dem Hotspot Melbourne. Wochenlang machte die Grossstadt beinahe alle neuen Fälle im gesamten Land aus. Seit dem 1. Juli herrscht dort deshalb der zweite Lockdown. Bereits während der ersten landesweiten Ausgangssperre von Mitte März bis Mitte Mai mussten Restaurants auf Take-Away umsteigen. Mit dem zweiten Lockdown klagen nun viele Betreiber, dass sie im laufenden Jahr länger geschlossen als geöffnet hatten.

Die Gastro-Branche blickt nun gespannt dem 26. Oktober entgegen. Gemäss des Fünf-Phasen-Plans der Regierung sollen Restaurants, Cafés und Bars dann wenigstens ihren Aussenbereich wieder öffnen dürfen. Am 23. November soll auch der Innenbereich für maximal 50 Gäste geöffnet werden. Die Voraussetzungen dafür sind aber streng: Die erste Phase setzt nur noch fünf Neuansteckungen pro Tag voraus, die zweite Phase gar keine mehr innerhalb von zwei Wochen. Was im ersten Moment utopisch klingen mag, ist für Melbourne mittlerweile überraschend realistisch. Die Stadt verzeichnet pro Tag nur noch um die 10 Neuansteckungen.

Marseille

Wirte in Marseille sind mit der Entscheidung der französischen Regierung nicht zufrieden. Sie protestieren gegen den zweiten Lockdown.

Wirte in Marseille sind mit der Entscheidung der französischen Regierung nicht zufrieden. Sie protestieren gegen den zweiten Lockdown.

Keystone

Wie sich ein zweiter Lockdown anfühlt, weiss mittlerweile auch Marseille. Die südfranzösische Hafenstadt, die im Frühjahr weit weniger stark vom Virus betroffen war als etwa der Grossraum Paris, hat sich in den vergangenen Wochen zum neuen Corona-Hotspot Frankreichs entwickelt. Darunter haben die Restaurants zu leiden: Ihnen wurde erneut eine mindestens zweiwöchige Schliessung auferlegt, nachdem der erste Lockdown bereits fatale Auswirkungen auf die Wirtschaft hatte – über 800'000 Menschen wurden arbeitslos.

Die Empörung über den Regierungsentscheid ist in Marseille gross. Entgegen der Anordnung, die am Samstag vor einer Woche in Kraft treten sollte, öffneten viele Restaurants am Montagmittag trotzdem. «Wir haben Nichts mehr zu verlieren und die Muscheln müssen gegessen werden», sagte ein Wirt gegenüber einer französischen Zeitung. Auch Gäste protestieren. Die Massnahmen seien unverhältnismässig und würden provozieren, dass nun noch mehr Gastro-Betriebe eingehen.

Tel Aviv

Ein leerer Lebensmittelmarkt in Tel Aviv. Als erstes Land der Welt befindet sich Israel derzeit komplett im zweiten Lockdown.

Ein leerer Lebensmittelmarkt in Tel Aviv. Als erstes Land der Welt befindet sich Israel derzeit komplett im zweiten Lockdown.

Keystone

Israel setzte früh strikte Massnahmen durch, um den Ausbruch der Pandemie einzuschränken. Mit einem ersten Lockdown von Mitte März bis Mitte Mai gelang es der Regierung, die Zahlen unter Kontrolle zu halten. Nun steckt das Land aber tief in einer zweiten Welle und verzeichnete jüngst knapp 9000 Neuinfektionen pro Tag. Und das bei etwa gleich viel Einwohnern wie die Schweiz. Die Anzahl Schwerkranker ist mittlerweile kritisch für die Überlastung des Gesundheitssystems, Spitäler müssen Erkrankte abweisen. Die Regierung hat bereits auf die hohen Zahlen reagiert und vor zwei Wochen die zweite Ausgangssperre angeordnet – als erstes Land weltweit. Für den Gastro-Bereich ist die erneute Schliessung der Lokale fatal. Viele fürchten, am zweiten Lockdown nun endgültig zugrunde zu gehen.