Strommarkt
Nach Marktöffnung: Wählen Schweizer Kunden deutschen Dreckstrom?

Ab 2018 sollen auch Haushalte und kleine Firmen ihren Stromanbieter frei wählen können: Wählen die Kunden nun vermehrt Dreckstrom aus dem nahen Ausland, um bei der Stromrechnung zu sparen?

Doris Kleck
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Kohlekraftwerk im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen (Archiv)

Kohlekraftwerk im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen (Archiv)

Keystone

Ab 2018 sollen auch Haushalte und kleine Firmen ihren Stromanbieter frei wählen können: Diese Ankündigung des Bundesrates löste bei Gewerkschaften, linken Parteien und Umweltverbänden sofort Abwehrreflexe aus. Eine der Befürchtungen ist, dass damit noch mehr «Dreckstrom» in die Schweiz fliessen wird. Unter «Dreckstrom» verstehen sie Elektrizität, die aus Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerken stammt.

Der WWF Schweiz bezeichnet die vollständige Öffnung des Strommarktes gar als «Projekt zur Anti-Energiewende». Die Logik hinter dieser Argumentation: Wenn der Konsument seinen Stromlieferanten frei wählen kann, entscheidet er alleine aufgrund des Preises. Damit gelangen erneuerbare Energien ins Hintertreffen, weil sie teurer sind.

Feind der Wasserkraft

Schreckgespenst Nummer eins ist der Strom aus Braunkohle, der aus Deutschland bezogen wird. Zwar werden dort erneuerbare Energien mit Milliarden subventioniert. Doch im Zuge des Atomausstiegs und wegen des tiefen Preises für den CO2-Austoss erlebt eben auch die Braunkohle ein Revival: 2013 stammten 25,7% des deutschen Stroms aus dem dreckigsten aller Energieträger, der auch in die Schweiz gelangt.

Der Import von billigem Kohlestrom versetzt inzwischen selbst bürgerliche Politiker wie die Nationalräte Christian Wasserfallen (FDP/BE) oder Hans Killer (SVP/AG) in Rage. Die deutsche Braunkohle steht sinnbildlich dafür, dass sich Investitionen in der Schweiz in Wasserkraftwerke nicht mehr rentieren. Die Kohle läuft dem einstigen «weissen Gold» den Rang ab.

Anders als die Umweltverbände sieht Wasserfallen indes keinen Zusammenhang zwischen der Öffnung des Schweizer Strommarktes und dem Import von «Dreckstrom». Er ortet das Problem in der deutschen Energiepolitik. Vielmehr sieht er die Marktöffnung als Chance, weil die Kunden ihren Strommix selber wählen und die Stromunternehmen ihre Produkte richtig bewerben können. Wasserfallen schliesst nicht aus, dass Kunden bereit sind, für einheimischen Strom mehr zu bezahlen. Das Kohle-Import-Problem müsse anders angegangen werden. Ähnlich sieht es der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen. «Bei der Strommarktöffnung geht es nur darum, dem Kunden eine Wahlmöglichkeit zu geben», sagt Sprecher Guido Lichtsteiger.

Dem Strom sieht man nichts an

Bereits seit 2009 können Unternehmen mit einem Stromverbrauch über 100 Megawattstunden ihren Anbieter frei wählen – 28 Prozent machen davon Gebrauch. Gemäss Urs Meister, Energie-Experte von Avenir Suisse, hat die Marktöffnung vor allem das Preisniveau verändert, weniger den Strommix, der aus den Steckdosen fliesst: «Die Liberalisierung allein beeinflusst die Handelsströme nicht in relevantem Ausmass», sagt Meister. Er verweist zudem darauf, dass der europäische Strommix ebenfalls erneuerbare Energien enthält: «Je nach Witterung und Tageszeit kann etwa in Deutschland der Anteil von Wind und Photovoltaik im Netz sogar deutlich über 50 Prozent steigen.» Die Verkürzung der Diskussion auf den Import von «Dreckstrom» hält er für falsch.

Verkompliziert wird die Diskussion dadurch, dass man dem Strom in den Leitungen nicht ansieht, ob er fossiler oder erneuerbarer Natur ist. Zudem kann Kohlestrom einfach reingewaschen werden, in dem ein Zertifikat für Ökostrom gekauft wird. Das macht etwa die Einführung einer Abgabe auf importiertem «Dreckstrom» schwierig, wie es verschiedentlich gefordert wird.