Nach Projektstopp
30 Jahre Kunststoffsammeln oder auf einen Flug verzichten? Migros-Projekt steht in der Kritik

Nach der Kritik im vergangenen Jahr spannt die Migros nun mit den Abfallverbänden der Zentralschweizer Kantone zusammen. Doch selbst der federführende Gemeindeverband der Region Luzern Real erwartet nur einen «bescheidenen ökologischen Mehrwert» gegenüber der Verwertung in der Renergia.

Maurizio Minetti
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Die Genossenschaft Migros Luzern hat am Montag als erste Genossenschaft der Migros-Gruppe einen Plastiksammelsack lanciert. Man biete der Bevölkerung eine einfache Möglichkeit, Plastikverpackungen zu Hause zu sammeln und in einer von über 40 Zentralschweizer Migros-Filialen zu retournieren, teilt der Detailhändler mit. Das gesammelte Plastikmaterial wird durch die Thurgauer Firmen InnoRecycling und InnoPlastics übernommen und rezykliert.

Ein Mann wischt in Eschlikon Plastik zusammen.

Ein Mann wischt in Eschlikon Plastik zusammen.

Bild: Alexandra Wey / Keystone

Kaufen kann man die Sammelsäcke aktuell in 64 Filialen der Region. Der Sammelsack ist in drei Grössen (17, 35 und 60 Liter) erhältlich und kostet 0.90, 1.70 oder 2.50 Franken.

Damit bewegen sich die Preise im Rahmen jener Tarife, die private Abfallentsorger wie etwa die Düring AG aus Ebikon anbieten. Die Düring-Tochter Josef Frey AG aus Sursee hatte bereits Ende 2018 als erste Recyclingfirma der Region Plastiksammelsäcke im Kanton Luzern lanciert.

So sieht der Plastiksammelsack der Migros aus.

So sieht der Plastiksammelsack der Migros aus.

Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 3. Mai 2021)

Kehrtwende von Real

Das Projekt der Migros lag seit Sommer 2020 auf Eis. Unter anderem deshalb, weil der orange Riese die für die Abfallbewirtschaftung zuständigen Zentralschweizer Abfallzweckverbände nicht rechtzeitig an Bord geholt hatte. Laut der Mitteilung von Montag hat die Migros die Lancierung in den letzten Monaten nun mit den zuständigen Zentralschweizer Abfallverbänden vorbereitet – unter der Führung des Gemeindeverbands der Region Luzern Real, wie dieser auf der eigenen Website schreibt. Real und weitere Verbände hatten das Projekt letztes Jahr unter anderem deshalb kritisiert, weil der Nutzen von Plastikrecycling umstritten ist.

Real selbst räumt ein, man habe der Bevölkerung bisher die separate Sammlung von gemischten Kunststoffabfällen aus Haushalten unter Berücksichtigung ökologischer und wirtschaftlicher Aspekte «nicht empfohlen». Auf der Real-Website heisst es, die separate Sammlung generiere aktuell einen bescheidenen ökologischen Mehrwert gegenüber der energetischen Verwertung in der Kehrichtverbrennungsanlage Renergia in Perlen – diese wurde notabene 2012 von den acht Abfallverbänden der Zentralschweizer Kantone mitgegründet. Rund 250'000 Tonnen Güsel aus der ganzen Zentralschweiz werden dort jährlich verbrannt. Daraus produziert sie Strom und Fernwärme für Haushalte sowie Dampf für die Perlen Papier AG.

Der ökologische Mehrwert von Separatsammlungen hänge unter anderem massgeblich von zwei Faktoren ab, heisst es bei Real. Einerseits müsse die Anzahl an zusätzlich generierten Fahrten minimiert werden und andererseits müsse der separat gesammelte Wertstoff wieder dem Kreislauf zugeführt werden können, so Real. Der Zusammenarbeit mit der Migros sei zugestimmt worden, weil diese dank der flächendeckenden Infrastruktur die Möglichkeit habe, die bestehende Rückwärtslogistik für den Transport des Kunststoffes zu verwenden. Ausserdem verpflichte sich die Migros, Teile des aufbereiteten Kunststoffes in ihrer Verpackungsindustrie einzusetzen und Verpackungen zukünftig so zu gestalten, dass der Recyclingprozess einfacher sei.

«Erst wenn ein wesentlicher Anteil des gesammelten Kunststoffs wieder für hochwertige Verpackungen eingesetzt wird, kann von echter Kreislaufschliessung gesprochen werden», lässt sich Daniele Vergari von Real in der Migros-Mitteilung zitieren. In der ersten Phase sollen Erfahrungen gewonnen werden, um die Prozesse weiterzuentwickeln und damit auch die Umweltbilanz der Sammlung zu verbessern.

WWF sieht Potenzial, Greenpeace pocht auf Mehrwegsysteme

Das Potenzial einer Kreislaufschliessung überzeugt auch den WWF: «Ein sparsamer Umgang mit unseren Ressourcen bedingt eine konsequente Ausrichtung auf eine umfassende Kreislaufwirtschaft. Die Lancierung des Migros-Plastiksammelsacks ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung und kann die benötigten Entwicklungen beschleunigen», lässt sich der CEO von WWF Schweiz, Thomas Vellacott, in der Migros-Mitteilung zitieren.

Kritischer äussert sich Greenpeace Schweiz. Die Migros sollte aus ökologischer Sicht lieber in innovative Mehrwegsysteme investieren, sagt ein Sprecher. In einem aktuellen Positionspapier schreibt Greenpeace, der ökologische Nutzen von Plastikrecycling sei gering. Durch vermehrtes Recycling würde umweltschädliches Konsumverhalten legitimiert und zementiert. Alle Massnahmen zur Optimierung des bestehenden Abfallsystems seien ohne Umstellung auf Mehrweg lediglich ein Greenwashing. Greenpeace zitiert eine Studie, auf welche auch Real bislang verwiesen hatte, um den bescheidenen ökologischen Nutzen von Plastikrecycling zu untermauern. Demnach entspricht der Verzicht auf einen Ferienflug nach Sardinien oder Mallorca 30 Jahre Kunststoffsammeln.

Real spricht auf der eigenen Website von einer einjährigen Startphase. Während dieser Zeit sollen Erfahrungswerte gesammelt und Optimierungen ermittelt werden, um «eine mögliche Fortsetzung der separaten Kunststoffsammlung zu prüfen». Auf der einen Seite müsse eine Ausweitung auf weitere Partner aus dem Detailhandel und andererseits eine Ausdehnung auf weitere Gebiete möglich sein, so Real. «Sollten wir ein positives Fazit ziehen, ist es denkbar, dass wir eine Ausweitung auf weitere Regionen in der Schweiz prüfen», bestätigt ein Migros-Sprecher.