NACHGEFRAGT: «Das Problem der Ungelernten ist auch ein Ausländerproblem»

Drucken
Teilen

George Sheldon, in den letzten vierzig Jahren sind viele einfache Jobs verschwunden. Werden sie je wieder zurückkommen?

Nein. Vielmehr dürfte der Trend weitergehen. Die Digitalisierung und die internationale Arbeitsteilung werden nicht aufhören. Beides führt dazu, dass in hoch entwickelten Ländern wie der Schweiz die Nachfrage nach unqualifizierten Arbeitskräften abnehmen wird.

Das klingt ziemlich dramatisch.

Es ist eine Tatsache, dass die Zukunft für Unqualifizierte sehr unsicher ist. Zwar sind die Arbeitskräfte der Schweiz immer besser qualifiziert, doch reicht das nicht aus, um den Verlust einfacher, repetitiver Tätigkeiten zu kompensieren. Positiv ist, dass sich viele Jugendliche anpassen. Das Bildungsniveau steigt. In den Siebzigerjahren hatte noch gegen die Hälfte der Jugendlichen keine Berufsausbildung oder einen höheren Schulabschluss. Heute sind es bei den Schweizern nur noch etwa 5 Prozent.

Und wie ist es bei ausländischen Jugendlichen?

Hier ist die Situation ungenügend. Der Anteil ausländischer Jugendlicher ohne Berufsbildung liegt bei etwa 20 Prozent. Das ist viel zu hoch. Das Problem der Unqualifizierten hängt deshalb auch mit der Integrationsfrage zusammen.

Aktuelle Statistiken zeigen, dass fast jeder zweite Ungelernte einen ausländischen Pass hat. Ist das Problem der Niedrigqualifizierten ein Ausländerproblem?

Zum Teil. Viele Ausländer wachsen in bildungsfernen Schichten auf, wo der Wert einer guten Ausbildung unterschätzt wird. Häufig tritt man nach der obligatorischen Schule die erstbeste Stelle an, statt langfristig zu denken und auf eine solide Berufsausbildung zu setzen.

Ist das ein Appell für weniger Zuwanderung?

Nein. Man muss differenzieren. Der hohe Anteil unqualifizierter Ausländer ist massgeblich eine Altlast aus der Vergangenheit, als die Schweiz viele Arbeiter ins Land geholt hat, ohne auf deren Qualifikation zu achten. Ein damaliger Zuwanderer ist nicht mit einem Zuwanderer von heute zu vergleichen. Personen, die heute im Rahmen der Personenfreizügigkeit in die Schweiz kommen, haben mehrheitlich einen akademischen Abschluss. Nur etwa 20 Prozent sind ohne Berufsausbildung. Früher war das noch der Normalfall.

Jüngst sind viele Asylsuchende in die Schweiz geflüchtet. Sind diese nicht auch auf dieselben Jobs angewiesen?

Das ist so. Natürlich muss man verfolgte Menschen aufnehmen, aber machen wir uns nichts vor: Ihre Qualifikation entspricht überhaupt nicht dem, was auf dem Schweizer Arbeitsmarkt gebraucht wird. In Deutschland haben schätzungsweise 80 Prozent der Flüchtlinge keinen Schulabschluss. In der Schweiz dürfte die Lage ähnlich sein. Diese Leute in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wird eine sehr kostspielige Angelegenheit.

Was soll die Schweiz tun, um die Situation der Niedrigqualifizierten zu verbessern?

Naheliegend wäre es jetzt zu sagen, es brauche mehr Weiterbildung. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das genügen wird. Eine Umschulung dauert einige Monate. Das wird nicht reichen, wenn die Grundausbildung fehlt.

Das tönt ziemlich fatalistisch.

Natürlich muss die Schweiz alles tun, um schlecht qualifizierte Leute wieder in den Arbeitsmarkt integrieren zu können, wenn sie arbeitslos sind. Die Schweiz macht dies auch sehr gut. Die Arbeitslosenquote ist ja nach wie vor sehr niedrig. Aber so hart es klingt: Dies ist reine Schadensbegrenzung. Vielfach finden sich diese Leute in prekären Arbeitsverhältnissen wieder, die weder stabil sind noch Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Wer etwas bewirken will, muss deshalb viel früher ansetzen.

In den Jugendjahren also?

Ja, denn nichts ist so wichtig wie die Prävention. Die Leute dürfen gar nie in die Situation kommen, ohne Berufsabschluss dazustehen. Man kann nicht oft genug betonen, dass die Bildung der Schlüssel zu einem sicheren Arbeitsplatz ist. Gerade bei ausländischen Eltern muss man alles dafür tun, dass sie den Wert der Bildung anerkennen. (rob)