Nachteil Teilzeit: Wer nicht Vollzeit arbeitet, wird bei Lohnerhöhungen eher übergangen

Enttäuschung als Normalität: Die Lohnrunde habe unbefriedigende Resultate gebracht, so die Gewerkschaften. Ein Experte sagt, mehr Lohnwachstum liegt nicht drin.

Niklaus Vontobel
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Keine Lohnerhöhung für 2020? Teilzeit arbeitende Kassiererin.

Keine Lohnerhöhung für 2020? Teilzeit arbeitende Kassiererin.

Gaetan Bally/Keystone

Nun ist es amtlich. Die diesjährige Lohnrunde ist nach Ansicht der Gewerkschaften enttäuschend verlaufen. Zunächst hat der Schweizerische Gewerkschaftsbund die Abschlüsse als «unbefriedigend» bezeichnet. Gestern zog die Travailsuisse nach, die zweite Dachorganisation von Gewerkschaften. Auch sie beurteilt den Abschluss der Lohnverhandlungen für 2020 als «ungenügend».

Es war nicht alles schlecht, findet Travailsuisse. Anders als im Vorjahr habe es kaum mehr Nullrunden gegeben. Darum werde das Gros der Arbeitnehmer durchaus mehr Lohn erhalten. Dieser Umstand erkläre auch, warum die Verhandlungen recht ruhig verliefen. Arno Kerst, Präsident der Gewerkschaft Syna, sagt: «Hätte es so viele Nullrunden gegeben wie letztes Jahr, es wäre wohl öfter zu Protesten gekommen.»

Teilzeit arbeitende Frauen werden übergangen

Dennoch falle die Lohn-Zunahme zu gering aus, sagen die Gewerkschaften. Es habe nur in ganz wenigen Branchen eine Lohnerhöhung von über einem Prozent gegeben. Dabei sei es den Betrieben an sich möglich gewesen, ihren Arbeitnehmern deutlich mehr Lohn zu geben. Der Spielraum dafür habe der wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre geschaffen. Die Unternehmen hätten diesen bloss nicht nutzen wollen.

Was die Gewerkschaften besonders stört: Was gegeben wird an Lohnerhöhungen, verteilen die Betriebe je nach Arbeitnehmer anders. Solche individuellen Erhöhungen würden rund zwei Drittel aller Branchen anwenden. Noch vor zehn Jahren sei das Gegenteil der Fall gewesen. In zwei Drittel aller Branchen bekamen alle Arbeitnehmer tendenziell etwa gleich viel. Mit der Abkehr von solchen generellen Lohnerhöhungen würden vor allem teilzeitarbeitende Frauen benachteiligt. Sie würden häufiger leer ausgehen, wenn die Löhne individuell erhöht werden. Profitieren würden dagegen eher Männer, die Vollzeit und als Chef arbeiten.

«Hätte es so viele Nullrunden gegeben wie letztes Jahr, es wäre wohl öfter zu Protesten gekommen.»

So würden die Löhne zu wenig steigen, sagen die Gewerkschaften. Und viele Arbeitnehmer gingen leer aus. Damit beschleunige sich ein heikler Trend. Die Löhne wachsen langsamer als die Wirtschaft. Was die Unzufriedenheit steigen lässt. Syna-Präsident Kerst sagt: «Dieser Trend birgt politische Sprengkraft.» So könne der Rückhalt für die bilateralen Verträge mit der Europäischen Union bröckeln, wenn viele Arbeitnehmer nichts hätten vom Wachstum.

Retter in der Not: der starke Franken

Was die Gewerkschaften dagegen noch nicht wissen: um wie viel die Löhne schweizweit im Jahr 2020 steigen werden. Diese Zahl steht noch nicht fest. Es gibt erst Schätzungen, etwa von der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Diese erwartet ein Lohnplus, das zwar weit zurückbleibt hinter den gewerkschaftlichen Forderungen. Doch es fällt weniger enttäuschend aus als vor Kurzem noch gedacht. Denn die Teuerung hat sich abgeschwächt. Schaut man die Kaufkraft der Löhne an, wird das Lohn-Jahr 2020 nun besser. Die Arbeitnehmer werden sich mit ihrem Geld etwa 0,7 Prozent mehr kaufen können.

Darob bricht niemand in Jubel aus. Doch im Oktober sah es noch trüber aus. Damals ging man davon aus, dass nach Abzug der Teuerung nur 0,3 Prozent übrig bleibt an zusätzlicher Kaufkraft. Das wäre nahe an einer Lohnstagnation gewesen. Nach dem Oktober hellte sich das Bild jedoch auf. Der Euro wird gemessen in Franken billiger. Voraussichtlich wird er auch 2020 leicht an Wert verlieren. Somit kann die Schweiz nun Güter und Dienstleitungen aus der Eurozone etwas günstiger einkaufen. Die Kaufkraft der Löhne wird darum stärker ansteigen.

Damit fällt die Bilanz des Lohnjahres 2020 besser aus, so die KOF Konjunkturforschungsstelle. In ihrer Winterprognose schreibt sie von einem beachtlichen Reallohnwachstum, zumindest im Vergleich mit den letzten Jahren. 2017 und 2018 sind die Reallöhne gesunken, 2019 nur knapp gestiegen.

Das Lohnjahr 2020 dürfte also eine reale Lohnerhöhung von 0,7 Prozent bringen. Das entspricht ziemlich genau dem Trend der letzten zehn Jahren. Damit ist 2020 ein Durchschnitts-Jahr. Ist das nun viel oder wenig, gut oder schlecht? Es ist etwa so viel Lohnerhöhung, wie dauerhaft möglich ist. Mehr liegt nicht drin.

Wie der KOF-Arbeitsmarktexperte Michael Siegenthaler hervorhebt, wachsen die Reallöhne in der Schweiz langfristig im Gleichschritt mit der Arbeitsproduktivität. Das heisst: Steigt die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde, erhalten die Arbeitnehmer auch einen höheren Stundenlohn. Das ist keine Selbstverständlichkeit. In den USA etwa stagnieren die durchschnittlichen Reallöhne oder fallen gar, obwohl die Arbeitsproduktivität gewachsen ist. Im internationalen Vergleich steht die Schweiz in dieser Hinsicht also gut da. Das ist die erfreuliche Nachricht für die Arbeitnehmer.

Weniger erfreulich ist hingegen: um mehr als ungefähr 0,7 bis 1 Prozent nimmt die Arbeitsproduktivität in der Schweiz nicht zu. Also können auch die Löhne nicht schneller wachsen. Und nochmals weniger gut ist die Nachricht, dass die Arbeitsproduktivität zuletzt eher weniger stark gewachsen ist als früher. Vor der Finanzkrise wuchs die Arbeitsproduktivität noch schneller. Und die Löhne konnten schneller zulegen.

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