Nestlé tüftelt an der Pflanzen-Schoggi: Gibt es Cailler und Kitkat schon bald mit Erbsen-Milch?

Der Westschweizer Nahrungsmittelmulti forciert das Geschäft mit pflanzlichen Milch-Alternativen. Dabei setzt er auf ein neues Arbeitsmodell mit Studenten und Forschern. Doch vor allem bei einem Milch-Thema hatte Nestlé in der Vergangenheit grosse Probleme.

Benjamin Weinmann, Genf
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Objekt der Begierde vieler Naschkatzen: Schokolade. Bald kommen wohl auch Veganer in ihren Genuss.

Objekt der Begierde vieler Naschkatzen: Schokolade. Bald kommen wohl auch Veganer in ihren Genuss.

Mariusz Blach / 34656367,fotolia

Es ist das Ur-Produkt von Nestlé: Die Milch. 1867 lancierte der Frankfurter Apotheker Heinrich «Henri» Nestlé sein neu entwickeltes «Milchmehl» als Säuglingsnahrung und legte damit den Grundstein seiner Firma Nestlé in Vevey, die sich im Laufe der Zeit zum Nahrungsmittelriesen mit über 90 Milliarden Franken Umsatz entwickeln würde.

Die Milch gehört noch immer zu den wichtigsten Rohstoffen von Nestlé. Das gilt insbesondere für Konolfingen BE, Nestlés wichtigstem Standort für die Milchverarbeitung, wo 1950 das UHT-Verfahren erfunden wurde. Täglich werden hier rund 300'000 Liter Milch von Bauern aus der Region verarbeitet. Die hier produzierten Milchprodukte wie Säuglingsnahrung werden in über 60 Länder exportiert und dort dank der Swissness teuer verkauft.

Doch die klassische Kuhmilch ist Nestlé nicht mehr genug. Denn nicht nur beim Fleisch, auch bei der Milch verlangen die Kunden zunehmend nach pflanzlichen Alternativen – sei es aus gesundheitlichen Gründen wie Laktose-Intoleranz, wegen der veganen Ernährung oder wegen des grünen Gewissens. Denn pflanzliche Fleisch-, Ei- und Milch-Alternativen haben einen deutlich kleineren Klima-Fussabdruck als die Produktion mithilfe von Hühnern und Kühen. Nun will Nestlé das Geschäft mit pflanzlicher Milch forcieren.

Eher Kitkat statt Cailler

«Wir möchten demnächst auch eine Schokolade mit pflanzenbasierter Milch lancieren», sagt Geschäftsleitungsmitglied Stefan Palzer. Gibt es also bald eine Cailler-Erbsenmilchschokolade? «Bei Cailler ist das wahrscheinlich etwas schwieriger aus Imagegründen, aber für Kitkat kann ich mir eine vegane Innovation durchaus vorstellen», sagt Palzer im Gespräch. Bei der Marke Kitkat experimentiert Nestlé vor allem im Ausland regelmässig mit neuen Geschmacksrichtungen. Für die traditionsreiche Marke Cailler, die oft mit weidenden Kühen auf grünen Wiesen wirbt, wäre eine Mandelmilch-Variante wohl weniger passend.

Nestlé ist allerdings nicht allein. In der Schweiz ist Coop im Bereich Milch-Alternativen führend. Laut einer Sprecherin habe man über 50 Milch-Ersatzprodukte im Sortiment. Die Nachfrage habe sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Besonders beliebt sind bei Coop Produkte auf Reis-, Soja- und Mandelbasis. «Wir rechnen, dass die Nachfrage weiter steigen wird», sagt die Sprecherin.

Im Supermarkt sind pflanzliche Milchalternativen schon lange stark vertreten. Hier bei Coop. (Archivbild)

Im Supermarkt sind pflanzliche Milchalternativen schon lange stark vertreten. Hier bei Coop. (Archivbild)

Auch die Migros mischt mit

Die Migros gibt an, rund 20 Milch-Alternativen zu verkaufen. Nebst Mandel- und Reisdrinks wie bei Coop seien auch Hafergetränke gefragt, sagt eine Sprecherin. Noch handle es sich um ein Nischenprodukt, doch rechne man auch in den kommenden Jahren mit einer steigenden Nachfrage. Der Luzerner Milchverarbeiter Emmi hat zuletzt gar eine eigene Linie namens Beleaf für pflanzliche Milch lanciert. Eine «Caffè Latte»-Variante mit Mandelmilch gibt es ebenso.

Insofern geht es für Nestlé also auch darum, die neusten Trends nicht zu verpassen. Dies wurde dem traditionsreichen Konzern von vielen Analysten in der Vergangenheit oft vorgeworfen. Der Tanker aus Vevey sei träge geworden, so der Tenor. Dies hat sich allerdings geändert, seit der Deutsch-Amerikaner Mark Schneider 2017 das CEO-Zepter übernommen hat. Er hat viele Altlasten abgebaut und dafür trendige, junge Firmen mit grossem Wachstumspotenzial übernommen.

Studenten sollen Ideen liefern

Für mehr Tempo will der 55-jährige Uni-St.Gallen- und Harvard-Absolvent nun auch im Milchbereich sorgen. In Konolfingen hat Schneider am Montag eine neue Abteilung eröffnet mit dem Namen «The Accelerator», zu Deutsch: Der Beschleuniger. Ein solches Format existiert auch schon am Nestlé-Forschungscenter in Lausanne. Die Idee des Konzepts: Interne Angestellte, externe Studierende, Forscher und Start-ups sollen Zugang zur Nestlé-Infrastruktur erhalten, von der Forschung, bis hin zur Verpackung und der Vermarktung. Im Gegenzug sollen sie Nestlé neue Ideen liefern und diese mit Unterstützung des Managements in erfolgreiche Produkte umsetzen.

Nestlé-CEO Ulf Mark Schneider. (Bild: Severin Bigler)

Nestlé-CEO Ulf Mark Schneider. (Bild: Severin Bigler)

«Früher haben wir alles geheim gehalten, nun öffnen wir uns», sagt Nestlé-Manager Stefan Palzer zum Arbeitskonzept, das für mehr Dynamik sorgen soll. Vierer-Teams erhalten dabei ein bestimmtes Budget und sechs Monate Zeit, um ein neues Produkt von Null auf zu entwickeln und in die Geschäfte zu bringen. Zu den genauen Vertragsbestimmungen schweigt Nestlé. Klar ist aber, dass sich der Konzern jeweils die Produktlizenzen sichert, um im Erfolgsfall Profite kassieren zu können. Palzer gibt sich mit dem bisherigen Resultat zufrieden. «Von 24 gestarteten Projekten schafften es fünf bis zur Marktlancierung.» Dies ergibt eine Erfolgsquote von 20 Prozent. «Normalerweise sind es bloss fünf Prozent.»

Kritik von Konsumentenschützern

Bei Milchprodukten für Säuglinge macht die Pflanzen-Offensive von Nestlé allerdings Halt. In den ersten 1000 Tagen seien die Nährstoffe von natürlicher Milch unerlässlich, sagt Palzer. Erst später, wenn man älter würde, könne man auch auf pflanzliche Milchvarianten ausweichen, die weniger Proteine enthalten würden. Wobei: «Die Nachfrage nach pflanzlichen Milchprodukten für Säuglinge besteht sehr wohl», sagt Palzer.

Dass Nestlé hier Vorsicht walten lässt, dürfte auch mit den kritischen Schlagzeilen zu tun haben, mit denen der Konzern bei der Säuglingsnahrung mehrfach konfrontiert war. 2019 fand die deutsche Konsumentenschutzorganisation Foodwatch bei Säuglingsmilch-Produkten Mineralölrückstände. Der Konzern betonte, alle lebensmittelrechtlichen Vorschriften zu erfüllen.

Die morbide Schlagzeile, die nachhallt

Ein Jahr zuvor monierte die Stiftung «Changing Markets», Nestlé führe Konsumenten mit wissenschaftlich nicht nachweisbaren Werbe-Versprechen in die Irre. In der Schweiz, Spanien und Hong Kong werbe die Firma damit, dass die Nestlé-Babymilch «am nächsten an Muttermilch» herankomme. Dies, obwohl die Zusammensetzung der Milch unterschiedlich ist. Zudem werbe Nestlé in manchen Ländern mit Zutaten, die der Konzern in anderen Ländern für ungesund erklärt.

Das grösste Image-Problem hatte Nestlé aber in den 70er- und 80er-Jahren, als die Firma in Entwicklungsländern für Muttermilch-Ersatzprodukte warb. Internationale Hilfsorganisationen kritisierten, dass Mütter in ärmeren Ländern in der Folge ihren Kindern zu stark gestreckte Baby-Milch gaben statt Muttermilch und deswegen tausende Kinder starben. Schlagzeilen wie «The Baby Killer» und «Nestlé tötet Babies» führten zu einem «Milch-Kodex» der Weltgesundheitsorganisation, der die Vermarktung von Babymilch stark einschränkte.

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