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Neue Zelltherapien kosten wohl bald schon 1 Million Franken oder mehr

Die neuen Zell- und Gentherapien der Pharmaindustrie werden gemäss Experten 1 Million Franken und mehr kosten. Zu den prominenten Herstellern gehört Novartis – und neu auch Roche.
Andreas Möckli
Neue Krebsmedikamente kosten immer mehr. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Neue Krebsmedikamente kosten immer mehr. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Schlicht unanständig oder unerträglich hoch: Mit solchen Worten kritisierten Onkologen und Patientenschützer vor sechs Jahren die Preise neuer Krebsmedikamente von über 160'000 Franken pro Jahr. Dies ist mittlerweile graue Vergangenheit. Im Fall einer neuen Zelltherapie von Novartis ist nun von einem Preis von rund 360000 Franken die Rede. Die Verhandlungen zwischen Bund und der Firma laufen noch. Doch dies ist erst der Anfang. ­Experten gehen davon aus, dass neue Zell- und Gentherapien im Schnitt 1 Million Franken oder mehr kosten. Dass diese neuen Behandlungen nur ein einziges Mal angewendet werden müssen, ist dabei ein kleiner Trost.

Zell- und Gentherapien werden derzeit vor allem gegen Blutkrebs oder seltene Erbkrankheiten eingesetzt. Statt das Leben um Monate oder einige Jahre zu verlängern, ist nun vermehrt von einer kompletten Heilung die Rede. Zwar fehlen oft umfassende Langzeitdaten. Dennoch weist die Branche gerne auf einzelne Beispiele von Patienten hin, bei denen es bereits mehrjährige Erfahrungswerte gibt. Eine dieser Kronzeuginnen ist Emily Whitehead. Bei der jungen Amerikanerin wurde ein aggressiver Blutkrebs diagnostiziert, die Ärzte waren kurz davor, aufzugeben. Dann wurde Whitehead im Frühling 2012 mit einer experimentellen Therapie von Novartis behandelt. Seither ist sie frei von Krebs.

Über solche Behandlungserfolge spricht die Pharmaindustrie oft und gerne – lieber als über die enorm hohen Kosten. «Die bemerkenswerte Wirkung von Zell- und Gentherapien geht in der Diskussion über Preise oft verloren», klagte Novartis-Chef Vas Narasimhan diese Woche an der Generalversammlung des Pharmakonzerns. Eingetreten ist jedoch das Gegenteil: In den letzten Monaten hat sich die Debatte noch stärker auf die hohen Kosten dieser neuen Therapien verlagert.

Eine Welle neuer Therapien

Die Diskussion darüber dürfte sich auch in der Schweiz noch zuspitzen. Neben Novartis hat sich nun auch Lokalrivale Roche in den Bereich der Gentherapien eingekauft. Am letzten Montag gab der Konzern die Übernahme der US-Biotechfirma Spark für 4,3 Milliarden Dollar bekannt. Deren bisher einzige zugelassene Therapie kostet in den USA 850'000 Dollar.

Die Preisvorstellungen der Pharmaindustrie seien enorm hoch, sagt Andreas Schiesser, zuständig für Arzneimittel-Tarife beim Krankenversicherungsverband Curafutura. Zudem hätten Aussenstehende keinerlei Einblick, wie die Preise zustande kämen. Heute gebe es erst wenige Zell- und Gentherapien, mit denen meist sehr seltene Krankheiten behandelt werden. Damit sei die Belastung für das Gesundheitswesen auf den ersten Blick nicht sehr hoch. «Es ist jedoch davon auszugehen, dass in den kommenden Jahren eine ganze Welle von neuen Zell- und Gentherapien auf den Markt kommt», so Schiesser. Derzeit befinden sich über 30 neue Behandlungsformen in der letzten Phase der klinischen Entwicklung, weitere rund 470 Studien befinden sich im Anfangsstadium.

Auf internationaler Ebene zerbrechen sich Behörden, Krankenversicherer und Fachleute deshalb den Kopf darüber, wie diese enorm hohen Kosten zu bewältigen sind. Einer der prominentesten Ansätze: Die Krankenkassen zahlen nur dann, wenn eine Therapie beim Patienten anschlägt. Die Crux dabei ist, wie der Erfolg einer Therapie gemessen wird und über welche Zeitdauer dies geschehen soll.

Ein weiterer Ansatz sieht vor, die hohen einmaligen Kosten auf mehrere Jahre zu verteilen. Ins Spiel gebracht werden auch spezielle Risiko-Fonds, die neben der normalen Krankenversicherung für die teuren Gen- und Zelltherapien zum Zug kommen. Die Experten dieser Fonds könnten sich vertieft mit den neuen Behandlungsformen auseinandersetzen und spezielle Modelle entwickeln, um des Kostenproblems Herr zu werden. In der Schweiz behilft man sich derzeit mit speziellen Tarifverträgen oder rechnet über die Fallpauschalen der Spitäler ab.

Details der Vereinbarungen bleiben geheim

Im Fall von Kymriah aus dem Hause Novartis wurde mindestens eine provisorische Lösung mit einer Mehrheit der hiesigen Krankenkassen gefunden. Die involvierten Parteien wollen sich jedoch nicht in die Karten blicken lassen. Die Details der Vereinbarung seien vertraulich, sagt Martina Weiss, Leiterin Verhandlung und Vergütung Medikamente beim Krankenversicherer Helsana. Die Gespräche über eine endgültige Lösung dauerten an.

Und der nächste teure Fall steht bevor: In den nächsten Monaten dürfte Novartis grünes Licht für eine Gentherapie gegen die seltene Muskelerkrankung SMA erhalten. Die Behandlung könne bei 4 bis 5 Millionen Dollar «kosteneffizient» sein, sagte der zuständige Novartis-Manager vergangenen Herbst an einer Investorentagung.

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