Neuer Schweizer Paradezug mit Makeln: Der Giruno von Stadler Rail hat einen zu hohen Fahrgeräuschpegel

Auf der Nord-Süd-Achse verkehren seit kurzem die neuen Fernverkehrszüge Giruno von Stadler Rail. Die Lärmdämmung des neuen SBB-Paradepferds ist suboptimal. Eine Rolle spielt auch der Gotthard-Basistunnel.

Gerhard Lob
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SBB-Chef Andreas Meyer anlässlich der Taufe des Giruno-Zuges im letzten Dezember. Dass sich die Einstiege in der Mitte der Zugwagen befinden, könnte der Grund für den höheren Fahrgeräuschpegel sein.) Bild: Samuel Golay/Keystone (Bellinzona, 15. Dezember 2019)

SBB-Chef Andreas Meyer anlässlich der Taufe des Giruno-Zuges im letzten Dezember. Dass sich die Einstiege in der Mitte der Zugwagen befinden, könnte der Grund für den höheren Fahrgeräuschpegel sein.) Bild: Samuel Golay/Keystone (Bellinzona, 15. Dezember 2019)

Seit dem Fahrplanwechsel am vergangenen 15. Dezember fahren die ersten Giruno-Triebzüge im Regelbetrieb zwischen Basel/Zürich und dem Tessin via Gotthard-Basistunnel. Nach dem Debakel mit den Fernverkehr-Doppelstockzügen aus dem Hause Bombardier, die als Schüttelzüge für Schlagzeilen sorgten, ist man bei den SBB sehr stolz auf die neuen, einstöckigen Triebzüge, die der Thurgauer Rollmaterial-Hersteller Stadler Rail gefertigt und pünktlich geliefert hat. SBB-Chef Andreas Meyer sagte jüngst in Lugano: «Für mich erfüllt sich ein Traum, weil ein Schweizer Fernverkehrszug via Gotthard-Achse und somit durch den längsten Bahntunnel der Welt fährt.»

Alles paletti also? Nicht ganz. Denn was bei offiziellen Zugstaufen und Medienfahrten im Stimmengewirr der Festgäste unterging, ist der hohe Fahrgeräuschpegel, der im Innenraum dieser Züge im Normalbetrieb wahrnehmbar ist. Es ist jedenfalls wesentlich lauter als in Hochgeschwindigkeitszügen in Deutschland (ICE), Frankreich (TGV) oder Italien (Frecciarossa/Italo). Der Grund dafür könnte der Umstand sein, dass sich die Niederflureinstiege in der Wagenmitte befinden. Im Gegensatz zu herkömmlichen Zügen ist der Fahrgastraum also nicht immer von den Wagentüren durch eine weitere Innentür getrennt.

Stadler Rail plant noch Optimierungen

Die SBB kennen das Problem mit der Lärmdämmung. Gemäss Medienstelle haben erste Tests im Jahr 2018 «teilweise ungenügende Werte bei hohen Geschwindigkeiten im Gotthardbasistunnel aufgezeigt». Die von den SBB aufgestellten Forderungen gegenüber dem Hersteller Stadler Rail seien bei Messungen während der Typentestfahren überprüft worden. «Der Hersteller ist daran, dies zu verbessern», heisst es weiter.

Laut Stadler Rail befindet sich das Geräuschniveau bei Reisegeschwindigkeit mittlerweile auf dem Niveau der anderen von den SBB eingesetzten Züge. Doch es gibt offenbar noch Handlungsbedarf: «Stadler hat weitere Optimierungen definiert, die im Verlauf des Jahres auf die Fahrzeuge ausgerollt werden.» Beim Bundesamt für Verkehr (BAV) ist der Geräuschpegel kein Thema. «Das BAV wäre nur dann betroffen, wenn die Lärmgrenzwerte ausserhalb der Fahrzeuge nicht eingehalten würden, was aber nicht der Fall ist», hält BAV-Sprecher Michael Müller fest.

Generell zeigen sich die SBB gut drei Wochen nach Aufnahme des Regelbetriebs zufrieden mit den neuen Zügen, halten aber auch fest: «Da es eine komplette Neuentwicklung ist, gibt es immer etwas zu verbessern.» Tatsächlich kommt es zu Pannen, so am vergangenen Montag, als ein in Süd-Nord-Richtung fahrender Giruno (IC21) kurz nach Rivera TI strandete. Die Fahrgäste mussten auf einen Nahverkehrszug Tilo umsteigen. Laut SBB handelte es sich um eine Störung der Leittechnik: «Der Fehler konnte mittlerweile behoben werden.»

Enge Durchgänge und zu harte Sitze

Der neue Giruno-Zug ist räumlich grosszügig und modern gestaltet, gleichwohl hat er einige Kinderkrankheiten und ist für Kunden in Bezug auf die Raumeinteilung gewöhnungsbedürftig. So gibt es etwa geschlechtsgetrennte Toiletten, weshalb die Durchgänge recht eng sind. Wer mit Gepäck unterwegs ist, muss etliche Türen öffnen. «Mehr Design als Sein», sagt ein Bahnvielfahrer, der regelmässig zwischen Basel und Lugano pendelt und den Zug schon mehrmals genommen hat. Er vermisst in der 1. Klasse mehr Sitzplätze mit Tischen zum Arbeiten. Die Veloabstellplätze werden kritisch kommentiert, genauso wie die als zu hell empfundenen Lichtverhältnisse im Fahrgastraum.

Bei Pro Bahn Schweiz, dem Interessenverband der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs, sind bisher nur sehr wenige Rückmeldungen in Bezug auf den Giruno eingetroffen, wie Präsidentin Karin Blättler erklärt. Bemängelt werden zu harte Sitze sowie ein zu lautes akustisches Signal bei der Türöffnung.

Die Hälfte der bestellten Züge sind noch im Bau

Die SBB hatten im Jahr 2014 den Auftrag für 29 Gotthard-Züge, die 249 km/h Höchstgeschwindigkeit erreichen müssen, im Wert von fast 1 Milliarde Franken an Stadler Rail vergeben. Inzwischen sind 14 dieser Züge geliefert, 9 im Einsatz, die anderen fünf werden zu Ausbildungs- und Testzwecken genutzt oder befinden sich noch im Unterhalt.

Erste Girunos sollen im Frühling dieses Jahres bis nach Mailand verkehren, zu einem späteren Zeitpunkt auch nach Bologna und Genua. Von Seiten der SBB besteht eine Option auf weitere 92 Kompositionen.

Stadler Rail nimmt Stellung: «Nicht nur der Zug, auch die Infrastruktur spielt eine Rolle»

Stadler Rail hält in einer Stellungnahme fest, dass der Geräuschpegel des Giruno nicht nur mit dem Fahrzeug an sich zusammenhänge. Eine wichtige Rolle spiele auch die Infrastruktur. Die wahrnehmbaren Fahrgeräusche würden ausschliesslich im Gotthard-Basistunnel auftreten und dies nur an einzelnen Sitzplätzen im Zug, schreibt der Zughersteller. Der Querschnitt des Gotthard-Basistunnel sei aus Kostengründen kleiner gewählt worden als die gängige Norm. Im Gegensatz zu anderen Tunnels seien jedoch beim Basistunnel keine Massnahmen zur Schallreduktion getroffen worden. Stadler habe bereits in der Angebotsphase darauf hingewiesen, dass tunnelseitig Massnahmen zur Schalldämmung erforderlich seien – beispielsweise Schalldämmmatten. 

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