Wer weniger arbeitet, darf früher in Rente gehen: Neues Altersteilzeitmodell bei Swisscom

Die schädlichen Nebenwirkungen des notorischen Stellenabbaus bringen kreative Ansätze der Sozialpartner hervor.

Daniel Zulauf
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Swisscom-Mitarbeiter sollen mit 60 in Rente gehen.

Swisscom-Mitarbeiter sollen mit 60 in Rente gehen.

Keystone

Aufgrund der stark rückläufigen Einnahmen in der Festnetztelefonie und in anderen Geschäftsbereichen baut die Swisscom Jahr für Jahr Hunderte von Stellen in der Schweiz ab. Allein im vergangenen Jahr gingen 519 Vollzeitarbeitsplätze verloren. Seit Ende 2015 hat der Konzern rund 2300 Jobs gestrichen. Um die Einnahmen und die Kosten in den schrumpfenden Geschäften im Lot zu halten, will Swisscom auch heuer 100 Millionen Franken einsparen.

Das Unternehmen habe grosse Anstrengungen unternommen, den notorischen Abbau möglichst sozialverträglich auszugestalten, lobt Giorgio Pardini von der Gewerkschaft Syndicom, die für sich selbst einen wesentlichen Anteil daran in Anspruch nimmt. Der bestehende Sozialplan sei «grosszügig» ausgestaltet.


Swisscom muss Umsatzeinbusse hinnehmen

Der Umsatz der Swisscom ist 2019 leicht gesunken – um 2,2 Prozent auf 11,5 Milliarden Franken. Höher ausgefallen ist dagegen der Reingewinn. Der Telekomkonzern steigerte diesen um 9,7 Prozent auf 1,7 Milliarden Franken. Dies sei aber auf Einmaleffekte im Ertragssteueraufwand zurückzuführen. Im Schweizer Kerngeschäft sank der Umsatz um 2,8 Prozent auf 8,6 Milliarden Franken. Getrieben sei der Rückgang durch den anhaltenden Wettbewerbs- und Preisdruck in verschiedenen Segmenten und den Rückgang der Festnetztelefonie, schreibt der Konzern. Mit Sparmassnahmen konnte der Rückgang aber grösstenteils abgefedert werden. Insgesamt hat Swisscom in der Schweiz im letzten Jahr über 500 Vollzeitstellen abgebaut. Auch in diesem Jahr rechnet die Swisscom mit «einem leicht rückläufigen Stellenangebot». Beim Umsatz rechnet das Unternehmen mit einem Rückgang von gut 3 Prozent. (mg)

Und die Programme, die Mitarbeitenden über Umschulungsmassnahmen für interne oder externe Umplatzierungen zu befähigen, seien «lobenswert», stellt der Gewerkschafter fest. Auf dieser Grundlage sei es bislang auch gelungen, Härtefälle auf ein Minimum zu beschränken.

So konnten auch im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der Stellenstreichungen über die natürliche Fluktuation aufgefangen werden. Von den vom Abbau Betroffenen fanden 83 Prozent (Vorjahr 88 Prozent) vor Ablauf des Sozialplanes eine Anschlusslösung. Demgemäss mussten sich weniger als 50 Personen bei regionalen Arbeitsvermittlungszentren als Arbeitslose registrieren lassen.

Mitarbeitende ab 58 Jahren sollen Pensum reduzieren

Mit Blick auf den mehrjährigen und zeitlich offenen Transformationsprozess bei Swisscom seien diese Erfolge nicht ausreichend, meint Pardini. Vor diesem Hintergrund verlangte eine von 4000 Swisscom-Mitarbeitern unterzeichnete Petition von Syndicom im Herbst 2018 den unverzüglichen Stopp des Personalabbaus.

Dieser demotiviere und verängstige die Belegschaft just in einer Zeit, in der die Anforderungen durch die Entwicklung neuer Geschäftsfelder stark zunähmen. Zwar wurde die Petition von den zuständigen Kommissionen im National- und Ständerat zurückgewiesen.

Doch mindestens im Urteil Pardinis hat sie die Bereitschaft der Swisscom und des Bundes als Eigentümerin erhöht, für die Suche nach neuen Lösungsansätzen Hand zu bieten. Das als Pilotprojekt vereinbarte Modell einer Altersteilzeit ist ein solcher Ansatz, der in der Schweiz eine Novität darstellt.

Das Modell sieht vor, dass Mitarbeitende ab 58 Jahren ihr Arbeitspensum um bis zu 30 Prozent reduzieren und sich von Swisscom für entgehende Sozialbeiträge und künftige Lohneinbusse kompensieren lassen können. Im Gegenzug verpflichten sich die Teilnehmenden mit 60 Jahren in Rente zu gehen. Im Durchschnitt gehen die Swisscom-Mitarbeitenden mit 62 bis 63 Jahren in Rente. Während der zweijährigen Altersteilzeitphase gewährt Swisscom den Teilnehmenden eine Jobgarantie.

Etwa 1500 Mitarbeitende erfüllen die Voraussetzungen zur Teilnahme am Modell. Wie gross der Zuspruch letztlich sein wird, bleibt abzuwarten. Bei Swisscom geht man nicht davon aus, dass die Beteiligung so hoch ausfallen wird, dass es zu Personalengpässen kommt. Vorgesehen ist, dass eine Mindestarbeitszeit von 50 Prozent nicht unterschritten werden kann.

Das Pilotprojekt soll nun zeigen, wie sich das Modell finanziell für das Unternehmen auswirkt. Bei Syndicom rechnet man mit guten Ergebnissen und spricht von einem «Etappenziel» auf dem Weg zur Etablierung von Arbeitszeitmodellen für alle Lebensabschnitte und einer Reduktion der effektiv geleisteten Arbeitszeit.

Im Wissen um mögliche politische Abwehrreflexe nimmt Pardini das im Hintergrund vielleicht bestehende Ziel einer 35-Stunden-Woche aber wohlweislich nicht in den Mund. Immerhin will er das Vorgehen von Swisscom aber als «Signal an die ganze Schweizer Arbeitswelt» verstanden wissen.