Fintech
Neues Gründerfieber in der Finanzwelt

In der Schweiz gibt immer mehr Jungunternehmen. Die Uni St. Gallen plant eine grosse Offensive.

Michael Wanner und Andreas schaffner
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Die digitale Revolution hat die Finanzindustrie erreicht. Ein Teil des Kuchens, der bis jetzt in der Hand der Banken war, wird neu aufgeteilt. Google, Apple und Samsung preschten bereits vor. Und auch Jungunternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden. Die grössten Zentren für Fintech-Innovationen waren bisher vor allem in San Francisco, London und Singapur zu verorten. Doch nun entwickelt sich auch die Schweiz zu einem wichtigen Standort für Unternehmensgründungen im Finanztechnologie-Bereich.

Während also Privatbanken fusionieren oder verschwinden, ist Fintech, die Verschmelzung von Digitaltechnologie und Bankdienstleistungen, der neue Megatrend. 111 Startups gibt es laut Schätzungen der Marketing-Agentur Blueglass hierzulande. Und gemäss dem Beratungsunternehmen Accenture kommt weltweit schon jedes elfte Fintech-Start-up aus der Schweiz.

UBS-Preis: Schweizer Start-ups im Final

Es geht um ein Preisgeld in Höhe von 300 000 US-Dollar und 300 Stunden Coaching mit Experten. Ausserdem will man bei der Vermarktung und Entwicklung der neuen Produkte mithelfen. Die UBS rührt für den Wettbewerb für Unternehmer und Technologie-Start-ups «The UBS Future of Finance Challenge» mit der grossen Kelle an. Gesucht waren «innovative und möglicherweise disruptive technischen Ideen und Lösungen, die den Wandel des Bankensektors fördern.» 600 Jungunternehmen haben sich im August gemeldet, 60 haben es später in die regionalen Endausscheidungen geschafft. Heute können nun die besten 12 Firmen vor UBS-Chef Sergio Ermotti und einer internationalen Jury ihre Ideen präsentieren. Unter den 12 Finalisten sind auch zwei Schweizer Firmen: Die aus einem ETH-Spin-off entstandene Softwareschmiede Embotech, und Biowatch, Hersteller von Sicherheitstechnologie, die an Uhrenarmbänder angemacht wird. (ASC)

Die Jungfirmen bieten unterschiedlichste Leistungen an. Die wichtigsten Segmente, in denen sie tätig sind, umfassen digitale Vermögensverwaltung über sogenannte Roboadvisors, Vergleichsportale, mobile Zahlungslösungen und digitale Portemonnaies sowie Crowdlending. Im Kanton Zug haben sich zudem mehrere Firmen angesiedelt, die Lösungen rund um Kryptowährungen entwickeln.

Trotz den vielen Neugründungen ist der Einsatz von Risikokapital noch recht bescheiden. Weltweit haben sich die Investitionen von 2013 auf 2014 auf über 12 Milliarden US Dollar verdreifacht. Doch der Grossteil der Gelder wird immer noch in den USA gesprochen. Für die Schweiz dürfte sich die Summe, die bisher ausgegeben wurde, im zweistelligen Millionenbereich bewegen. Das bislang grösste Funding – wie die erfolgreiche Suche nach Kapital genannt wird – gelang hierzulande der Firma Knip, einem digitalen Versicherungsmanager, der im Oktober 16 Millionen Franken einsammelte.

Finanz-Laboratorium geplant

Die Suche nach Risikokapital ist eine der Herausforderung für Schweizer Jung-Unternehmen. Thomas Puschmann, Experte für Finanztechnologie an der Universität St. Gallen, will dies ändern. Er arbeitet seit Monaten hinter der Kulissen an der Vernetzung von Firmen und Institutionen. Es soll ein Ort entstehen, an welchem Startups gemeinsam mit Banken, Universitäten und Kapitalgebern Innovationen in der Finanztechnologie entwickeln. Das «Swiss Fintech Innovation Lab» – mit möglichem Standort am ehemaligen Militärflughafen in Dübendorf – zählt laut dem Finanzportal Finews bereits auf die Unterstützung des Kantons, verschiedener Standortförderer und Hochschulen. Puschmann hält sich noch bezüglich des definitiven Namens und Standorts bedeckt. Er bestätigt jedoch, dass der Start für Januar geplant sei. «Wir sind aktuell am Feinschliff für das Lab», sagt er. «Es sind alle relevanten Player an den Gesprächen beteiligt: Banken, Versicherungen, Dienstleister, Startups, Finma, Investoren, Politik.»

Auch die Betreiberin der Schweizer Börse, die SIX Group, hat schon einen spezialisierten Inkubator «F10» ins Leben gerufen. In Zürich-West stellt sie ausgewählten Unternehmensgründern Infrastruktur und Fachexpertise zur Verfügung – umsonst.

Auf den Zug aufgesprungen sind auch die Swisscom und verschiedene Banken. Die UBS stellt etwa im Rahmen des Wettbewerbs «The UBS Future of Finance Challenge» 300 000 US-Dollar für Jungunternehmen zu Verfügung. Zwei Schweizer Firmen stehen im Final. Heute Nachmittag werden die Preise vergeben.

In die Schweizer Finanzwelt kommt Bewegung. «Die Technologie hilft den Banken zu mehr Effizienz, sie hilft ihnen beim Risikomanagement und sie ermöglicht, dass die Dienstleistungen für die Kundschaft besser werden», sagt der Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, Patrick Odier, der «Nordwestschweiz». Beim Aufbau eines solchen «Ökosystems» leiste der Sektor seinen Beitrag.

Entwicklungshilfe für die Grossen

Andreas Dietrich, Professor an der Hochschule Luzern, sieht die Situation so: «Der Schweizer Markt ist für viele Geschäftsmodelle eigentlich zu klein. Die nötigen Skaleneffekte kann man aber im kleinen und auch noch viersprachigen Schweizer Markt nicht so einfach erreichen.» Die Chance sieht Dietrich deshalb vor allem für Startups, die Dienstleistungen für Banken anbieten. Er sieht auch Nachholbedarf beim Standort-Marketing.

Ob sich die Schweiz zum florierenden Fintech-Standort entwickelt, hängt zudem vom regulatorischen Umfeld ab. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) schlägt nun eine neue Kategorie von Bewilligungen für digitale Player vor, eine Art «Banklizenz light». Zudem sollen künftig Bankkunden online per Video identifiziert werden. Und es wird eine spezielle Anlaufstelle für Start-ups installiert.

Darüber hinaus beabsichtigt man, mehr Tätigkeiten ohne Bewilligungen zuzulassen. So sollen etwa regulatorische «Sandkästen» eingerichtet werden. Da können Firmen ihre neuen Geschäftsmodelle zunächst ausprobieren, erklärt Finma-Sprecher Vinzenz Mathys. Für Puschmann geht das nicht weit genug: «Die Finma ist im Unterschied zur britischen FCA von den Finanzdienstleistern und nicht vom Staat finanziert. Sie hat kein Beratungsmandat, sondern nur ein Aufsichtsmandat.» Damit prüft sie Lösungen auf Anfrage nur passiv und agiere nicht proaktiv.