Salärdebatte
Nichts gelernt aus Fall Vasella? Novartis will Abgänge vergolden

Novartis will für alle Geschäftsleitungsmitglieder ein Konkurrenzverbot einführen. Daher lehnt Ethos die Statutenrevision des Pharmakonzerns ab.

Roman Seiler
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Novartis will seine Statuten ändern. Nötig macht dies die Annahme der Abzocker-Initiative: Thomas Minder wollte damit auch Abgangsentschädigungen verbieten. Nun will der Pharmakonzern dies mit einem Konkurrenzverbot aushebeln, kritisieren Aktionärsschützer. Dabei löste der Verwaltungsrat (VR) mit diesem Thema bereits 2013 einen Sturm der Entrüstung aus: Er wollte damals Ex-Präsident Daniel Vasella vergolden (siehe Box).

72 Millionen Franken

72 Millionen Franken hätte Daniel Vasella, der einstige CEO und Verwaltungsratspräsident von Novartis, nach seinem Abgang vor zwei Jahren erhalten sollen. Der Verwaltungsrat des Pharmakonzerns sah vor, dass Vasella während sechs Jahren ein Konkurrenzverbot einhalten sollte. Pro Jahr wäre er dafür mit 12 Millionen Franken entschädigt worden. Nach einem Proteststurm musste Vasella schliesslich auf die Abgeltung fürs Nichtstun verzichten.

Widersprüchliche Formulierung

Gelernt hat der VR des Basler Pharmariesen daraus offenbar nichts. In Artikel 33 der neuen Statuten steht: «Arbeitsverträge mit Mitgliedern der Geschäftsleitung können ein Konkurrenzverbot für die Zeit nach der Beendigung des Arbeitsverhältnisses für eine Dauer von bis zu einem Jahr enthalten.» Gesetzlich möglich wären gar 24 Monate. Die Entschädigung darf gemäss Statuten «die ausbezahlte Jahresgesamtvergütung (Grundgehalt und Jahresbonus) nicht übersteigen». Die Abgeltung für das Konkurrenzverbot erfolgt wohlverstanden nach der Einhaltung einer – bezahlten – Kündigungsfrist von bis zu zwölf Monaten.

Heute besteht die Vergütung der Geschäftsleitungsmitglieder neben Sozialleistungen und Spesen aus fünf Komponenten. Effektiv ausbezahlt werden für das Konkurrenzverbot laut Novartis-Sprecherin Esther Keller die Basisvergütung sowie die «Zielleistungsprämie». Das wären im Fall von CEO Joseph Jimenez 6,1 Millionen Franken. Nicht zugeteilt werden laut Esther Keller Langfristboni. 2014 erhielt Jimenez damit 6,2 Millionen.

Sprecherin Keller sagt: «Die Gesamtregelung für Herrn Vasella war eine Ausnahmeregelung.» Bisher sei das Thema Konkurrenzverbot nicht einheitlich geregelt gewesen: «Jetzt gilt die gleiche Regelung für alle.» Allerdings nur dann, wenn die Statutenänderung von der Generalversammlung vom 27. Februar angenommen wird.

Das vorgeschlagene Konkurrenzverbot ist einer von drei Gründen, warum die Anlegerstiftung Ethos ihren Kunden empfiehlt, die Statutenänderung an der kommenden Generalversammlung vom 27. Februar abzulehnen, wie Vizedirektor Vincent Kaufmann gegenüber der «Nordwestschweiz» sagt: «Konkurrenzverbote sind versteckte Abgangsentschädigungen. Daher lehnen wir sie ab.» Als zu hoch taxieren die Abgeltung des Konkurrenzverbots auch die Spezialisten für gute Unternehmensführung von zRating. Bezahlt werden dürfe nur das Grundgehalt, aber keine Boni. Trotzdem befürwortet zRating die Statutenrevision.

«Das ist keine versteckte Abgangsentschädigung», sagt hingegen Esther Keller. Eine Firma wie Novartis habe ein «legitimes und grosses Interesse» daran zu verhindern, dass Führungspersönlichkeiten nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses sofort bei einer Konkurrenzfirma arbeiten können: «In unserem Geschäft, in dem langfristige Planung und Investitionsentscheide extrem wichtig sind, haben die Eigentümer ein Interesse, dass entscheidendes Know-how nicht sofort für die Konkurrenz verfügbar wird.»

Novartis ist kein Aussenseiter

Dies sieht der VR des zweiten Basler Pharmakonzerns Roche anders. Dessen bereits vor einem Jahr revidierte Statuten enthalten kein Konkurrenzverbot für Konzernleitungsmitglieder. Damit zählt Roche allerdings zur Minderheit der im Swiss Market Index (SMI) zusammengefassten, grosskapitalisierten Schweizer Firmen. 15 von 20 SMI-Unternehmen passten ihre Statuten bereits an. Gemäss Ethos sieht nur ein Drittel kein Konkurrenzverbot vor. Eingeführt haben eine solche Klausel unter anderen Actelion, ABB, Julius Bär, Credit Suisse, Nestlé, UBS und die Zurich Insurance Group.

Doch Ethos stört sich nicht nur am Konkurrenzverbot in den Novartis-Statuten. Die Stiftung ist auch dagegen, dass der VR die Generalversammlung im Voraus über die Höhe der Boni der Geschäftsleitung abstimmen lassen will. Dies dürfe erst im Nachhinein passieren, sagt Kaufmann: «Dann kennt man das Jahresresultat und die definitive Höhe der Vergütung.» Auch der Bundesrat fordere im Rahmen der Aktienrechtsreform ein Verbot prospektiver Abstimmungen über variable Vergütungen. Ein weiterer Kritikpunkt ist für Kaufmann die nach oben offene Höhe der variablen Vergütung: «Es gibt keine Begrenzung in den Statuten, wie hoch die Boni sein dürfen.»