Noch reicher, noch mächtiger: Amazons Erfolg droht grosses Lädelisterben auszulösen

Amazon profitiert von der Coronakrise wie kaum ein anderes Unternehmen. Das ist kein gutes Omen - nicht nur für die Buchbranche.

Manuela Specker
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Amazon-Chef Jeff Bezos, mit seinem dreistelligen Milliardenvermögen der reichste Mensch der Welt, trägt zur allgemeinen Wohlstandsmehrung kaum etwas bei. Hier ist er an einer Konferenz in Las Vegas im Juni 2019 zu sehen.

Amazon-Chef Jeff Bezos, mit seinem dreistelligen Milliardenvermögen der reichste Mensch der Welt, trägt zur allgemeinen Wohlstandsmehrung kaum etwas bei. Hier ist er an einer Konferenz in Las Vegas im Juni 2019 zu sehen.

John Locher / AP

Mit dem Onlinevertrieb von Büchern fing Mitte der neunziger Jahre alles an. In der Krise offenbart Amazon, was ihm an den gedruckten Werken noch liegt: Nichts. Der Online-Handelsriese von CEO Jeff Bezos konzentriert sich auf «Artikel, die Kunden am dringendsten benötigen» und degradiert Bücher zu Störfaktoren, die Lagerkapazitäten fressen. Werke, die erst im Januar dieses Jahres erschienen, sind bei Amazon gedruckt zum Teil gar nicht mehr erhältlich.

Es ist dies für den Konzern die grosse Chance, den Verkauf von E-Books anzukurbeln, der in den letzten Jahren stagnierte. Mit Amazon Kindle verdient er nämlich kein Geld, nur mit dessen Nutzung. Gemäss Statista, ein deutsches Portal für Statistik, machten E-Books in der deutschsprachigen Schweiz zwischen 2016 und 2018 nur 9 Prozent des gesamten Umsatzes im Buchhandel aus. Mit der E-Book-Offensive droht nun weiteres Ungemach für den Buchhandel, der sich schon in der Vergangenheit immer wieder den Konditionen von Amazon beugen musste.

Existenzbedrohend nicht nur für den Buchhandel

Amazons Machtkonzentration ist längst nicht nur für die Buchbranche existenzbedrohend: Der Konzern hat sich spätestens ab 2006 zu einem Ökosystem entwickelt mit dem Anspruch, Dienste für fast alle Bereiche des Lebens zu bieten. Er ist heute ein Gemischtwarenladen und ein Technologiekonzern, der mit dem Sprachservice «Alexa» auch im Bereich der künstlichen Intelligenz mitmischt. Einträglichstes Geschäft sind die Cloud-Dienste. Letztes Jahr stieg der Umsatz um 20 Prozent auf 280,5 Milliarden Dollar.

In der Coronakrise steigt auch die Nachfrage nach diesen Leistungen – es steht ausser Frage, dass Amazon seine Marktmacht noch ausbauen wird. Das wissen die Anleger: Amazon hat im März innert weniger Tage um 100 Milliarden US-Dollar an Wert zugelegt. Vor allem aber profitiert Amazon von folgendem Mechanismus: Wenn der Techgigant E-Books priorisiert, findet das nicht auf einem neutralen Markt statt, auf dem Angebot und Nachfrage spielen.

Philipp Staab, Professor für die Soziologie der Zukunft der Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat mit seinem Buch «Digitaler Kapitalismus» eine brillante Analyse vorgelegt, in der er nachzeichnet, warum wir es bei Amazon und anderen Techgiganten wie Google und Facebook nicht mit klassischen Monopolunternehmen zu tun haben, die auf Märkten agieren – sie verkörpern vielmehr diese Märkte. Amazon hat die Rolle des Marktes privatisiert: Der Konzern bestimmt, was angeboten wird, wer wo in der Trefferliste erscheint und welche Preise an Amazon zu zahlen sind, um diesen Marktplatz nutzen zu können. Amazon verdient Geld, weil es einen Markt besitzt.

Bezos trägt kaum etwas zur Wohlstandsmehrung bei

Das ist deshalb problematisch, weil diese Märkte wenig zu Wachstum und Wohlstand beitragen, sondern nur den Konsum in eine andere Richtung lenken und die Profite von Produzenten zu Marktbesitzern verschieben: Statt im stationären Detailhandel wird auf der Amazon-Plattform einkauft, wo der Konzern alleine mit seiner schieren Grösse für tiefere Preise sorgen kann.

Das untergräbt auch den Wohlfahrtsstaat: Gründer und CEO Jeff Bezos, mit seinem dreistelligen Milliardenvermögen der reichste Mensch der Welt, trägt zur allgemeinen Wohlstandsmehrung kaum etwas bei, im Gegenteil: das Unternehmen hat 2017 und 2018 in den USA keinen Cent an Bundeseinkommenssteuern bezahlt, trotz eines Gewinns von knapp 17 Milliarden Dollar. Dass chronische Steuervermeider wie Amazon prozentual wenig in die öffentlichen Kassen beitragen, birgt angesichts der nun geschnürten Rettungspakete in Billionenhöhe grossen Sprengstoff. Dass Jeff Bezos am Freitag vor Verlusten wegen der Coronakrise warnte, täuscht nicht darüber hinweg.

Für die Zeit nach Corona heisst es also nichts Gutes, wenn es dank der Digitalisierungsschübe Unternehmen wie Amazon sind, die zulegen, während andere der Existenz beraubt werden. In der Schweiz liegt Amazon an dritter Stelle, hinter Zalando und Digitec – der Online-Einkauf im Inland dominiert. Für den stationären Einzelhandel ist das kein Trost. Handelsexperten sind sich einig in ihrer Prognose, dass der Online-Handel als Folge der Coronakrise dauerhaft mehr Zulauf erfahren wird. Es droht ein Lädelisterben im Zeitraffer.

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