NOTENBANKEN: Angst vor dem Währungskrieg

Japans aggressive Geldpolitik schreckt die internationale Finanzwelt auf. In Davos warnten Politiker und Investoren vor einem neuen Abwertungswettlauf.

Hans-Peter Hoeren und Birga Teske
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Die Währungen geben auch am WEF in Davos zu Reden. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Die Währungen geben auch am WEF in Davos zu Reden. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Das Wort tönt martialisch, seit dieser Woche hat es wieder Hochkonjunktur: Weltweit wird vor einem neuen Währungskrieg gewarnt, auch gestern beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Am Pranger steht aktuell vor allem Japan: Die neue Regierung von Premier Shinzo Abe hat in der vergangenen Woche eine massive Lockerung der eigenen Geldpolitik angekündigt. Dabei hat sie kurzerhand die eigentlich unabhängige Notenbank an die Kandare genommen und ihr neue geldpolitische Ziele verordnet. Die radikalste Vorgabe: ein Inflationsziel von 2 Prozent, aktuell herrscht in Japan Deflation.

Samsung fürchtet Einbussen

Ziel ist es, vor allem den Yen abzuwerten und damit die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Industrie zu stärken und das Wachstum anzukurbeln. Der Yen hat in den vergangenen Wochen bereits deutlich aufgewertet (siehe Box), in Südkorea spürt man das bereits massiv. Bliebe der Yen-Kurs auf seinem jetzigen Niveau, drohten dem Handyhersteller Samsung Electronics nach eigenen Angaben Gewinneinbussen in Höhe von 2,8 Milliarden US-Dollar.

«Die Ankündigung der japanischen Regierung ist ein aggressiver Schritt, der viele andere Volkswirtschaften unter Druck setzt, die ähnliche Produkte wie Japan produzieren», bestätigt der deutsche Währungsexperte und Autor des Buches «Der Weltkrieg der Währungen», Daniel Eckert. Südkorea werde sich die japanische Währungspolitik nicht lange anschauen, ist er überzeugt. Dadurch könnte die gefährliche Spirale eines Währungskrieges in Gang kommen.

Investor Soros kritisiert Berlin

In Europa verfolgt man die Entwicklung in Japan mit Skepsis. «Meine Sorge ist, dass wir 2013 mehr aktive Eingriffe in die Wechselkurse sehen werden», prognostiziert der britische Notenbankchef Mervyn King. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ist besorgt über die Entwicklungen in Japan. Sogar US-Investorenlegende George Soros hat gestern in Davos vor einem Währungskrieg gewarnt. Als Kriegstreiber hat er allerdings die deutsche Sparpolitik ausgemacht. «Die Deutschen glauben an Einsparungen – und der Rest der Welt an geldpolitische Lockerungen», erklärte Soros gegenüber dem Sender CNBC. Diese Diskrepanz könnte eine gefährliche Auseinandersetzung provozieren, so Soros. In den vergangenen Wochen hat sich der Euro deutlich aufgewertet.

Bilanzsummen massiv aufgebläht

Seit der jüngsten Wirtschaftskrise im Jahr 2008 haben aber viele grosse Zentralbanken ihre geldpolitischen Schleusentore weit mehr geöffnet als die Bank of Japan. Die Bilanzsumme der Schweizerischen Nationalbank (SNB) beispielsweise hat sich um das Viereinhalbfache erhöht und entspricht rund 80 Prozent der Wirtschaftsleistung (siehe Grafik), die Bilanzsumme der US-Notenbank ist dreieinhalbmal so hoch wie vor der Krise.

Der Franken sei weiterhin übermässig stark, sagt Jan Amrith Poser, Chefökonom der Bank Sarasin. «Die zwischenzeitliche Aufwertung gegenüber dem Euro wird wieder verpuffen», ist er überzeugt. Gestern Abend sah das noch anders aus, da notierte der Euro bei 1,247 Franken. Auch der Schweiz und den USA wird von prominenter Seite immer wieder vorgeworfen, die eigene Währung zu manipulieren. «Im Falle der Schweiz ist das ungerechtfertigt, der Mindestkurs ist kein aggressiver Akt», sagt Poser. Die Geldpolitik der USA hingegen sei viel aggressiver als diejenige, die die japanische Notenbank jüngst angekündigt habe. «Das Fed kauft jeden Monat für rund 85 Milliarden Dollar US-Wertpapiere», sagt Poser.

Banken zahlen Hilfskredite zurück

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat bereits massiv in den Geldmarkt interveniert. Im Ernstfall ist sie bereit, ihre Schleusentore ganz weit zu öffnen, um unbeschränkt Staatsanleihen von Krisenstaaten aufzukaufen. Die Ankündigung ist weiter notwendig. Denn die Erholung der Wirtschaft in der Eurozone sei längst noch nicht robust genug, um die Krisenpolitik der EZB zu beenden, versicherte EZB-Chef Mario Draghi gestern in Davos. Er erwartet eine Belebung der Konjunktur frühestens in der zweiten Jahreshälfte. An den Finanzmärkten hingegen habe sich durch die EZB-Politik des billigen Geldes die Lage stabilisiert. In einer ersten Runde haben Banken aus dem Euroraum 137,2 Milliarden Euro an Krisenhilfe an die Zentralbank zurückgezahlt.

Die Interventionen vieler grosser Zentralbanken dürften dennoch weitergehen. In Sachen Japan gibt es zumindest erste Annäherungen: Gestern rief Angela Merkel Japans Premierminister Abe an, um ihn nach Deutschland einzuladen. Und die Koreaner haben angeregt, den Einfluss der massiven geldpolitischen Lockerung in Europa, den USA und in Japan auf die Devisenmärkte auf die Tagesordnung beim nächsten Treffen der 20 grössten Wirtschaftsnationen (G 20) in Moskau zu setzen.

Immobilien-Boom geht weiter

Die Zinsen dürften in diesem Umfeld also auf längere Sicht weiter tief bleiben. «Die Zeche für die Geldpolitik der Notenbanken zahlen die Sparer in Form von tiefen negativen Realzinsen», sagt Daniel Eckert. Auch der Boom am Schweizer Immobilienmarkt dürfte weitergehen. «Es ist gut möglich, dass die SNB 2014 den Stöpsel ziehen muss», sagt Ökonom Poser. Sprich, die SNB werde dann Gegensteuer geben, um die Kreditvergabe zu erschweren.