Pharma
Novartis-Tocher Sandoz in Italien in Korruptions-Skandal verwickelt

Novartis ist in Italien in einen weiteren Skandal verwickelt: Zwölf Ärzteberater der Generikadivision Sandoz sollen Ärzte mit einer halben Million Euro bestochen haben. Diese geaben Kindern dafür Wachstumshormone, oft in viel zu hoher Dosierung.

Dominik Straub, Rom
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Generika-Hersteller Sandoz ist in Italien in einen Korruptionsskandal verwickelt.

Generika-Hersteller Sandoz ist in Italien in einen Korruptionsskandal verwickelt.

Keystone

Im Zentrum des Skandals stehen zwei sogenannte Biosimilare, nämlich Omnitrope (ein Wachstumshormon) und Binocrit, eine Kopie des menschlichen Hormons Erythropoetin (EPO, eingesetzt auch beim «Blutdoping»). Insgesamt 55 Kinderärzte und Endokrinologen sollen vor allem Kindern und Jugendlichen nicht nur zu hohe Hormon-Dosen verschrieben haben, sondern sie hätten gezielt neue Patienten gesucht, denen sie die Medikamente verschreiben können. Bei der Verschreibung der Wachstumshormone soll nicht in erster Linie das Wachstum der Patienten das Ziel gewesen sein, sondern jenes der eigenen Brieftasche.

Über eine halbe Million Euro

Für jeden Patienten seien für den behandelnden Arzt 500 bis 1000 Euro herausgesprungen, schreibt die Gesundheitspolizei NAS der Carabinieri. Den «Bonus» erhielten die Mediziner in Form von Einladungen an internationale Kongresse, iPads, teuren Uhren oder einfach bar «unter dem Tisch». Bestochen wurden die Ärzte von zwölf Ärzteberatern der Novartis-Tochter Sandoz, welche die beiden Medikamente produziert. Insgesamt haben die Sandoz-Berater laut dem «Corriere della Sera» über eine halbe Million Euro an Bestechungsgeld verteilt.

Die Ermittler hatten letzte Woche bei den verdächtigten Ärzten und Ärzteberatern eine Grossrazzia durchgeführt. Die Ärzte arbeiteten zum Teil an renommierten Kliniken wie dem «Papst-Spital» Gemelli in Rom. Bereits jetzt stehe fest, dass die Dosen, die einige Kinder und Jugendliche erhielten, deutlich über den medizinischen Empfehlungen gelegen hätten. Ins Rollen gebracht wurden die Untersuchungen der Gesundheitspolizei laut der Zeitung «La Repubblica», nachdem vor mehr als einem Jahr in Rimini ein Sportarzt verhaftet wurde, der diese Hormone Kindern und Jugendlichen verschrieb. Gemäss der Zeitung brachten die Eltern ihre Kinder zum Arzt, damit diese hochgesteckte sportliche Leistungen erreichen.

Deckname «Anabolandia»

Ermittelt wird aber auch von der Staatsanwaltschaft in Busto Arsizio. Bei dem Verfahren mit dem klingenden Decknamen «Anabolandia» sind bereits vier Personen verhaftet worden; gegen 54 weitere wird ermittelt. Auch hier ist die Sandoz involviert. In einer Mitteilung erklärte die italienische Sandoz mit Sitz in der Nähe von Varese, dass das Unternehmen immer mit den Ermittlungsbehörden zusammengearbeitet und gegenüber den verdächtigten Mitarbeitern die «strengsten disziplinarischen Massnahmen» – also die Kündigung – ausgesprochen habe. Zudem seien neue interne Kontrollmechanismen eingeführt worden. Zu den neuen Ermittlungen in Sachen Wachstumshormone und EPO, über die man nicht mehr wisse als die Presse, wollte Sandoz nicht Stellung nehmen. Man sei von den Behörden noch nicht kontaktiert worden.

Alberto Ugazio, Präsident der italienischen Gesellschaft für Kinderheilkunde, zeigte sich gegenüber dem «Corriere della Sera» bestürzt über die neuen Vorwürfe. Gleichzeitig kritisiert er grundsätzlich die Behandlung mit Wachstumshormonen, die stark zugenommen habe. «Eigentlich muss nur Kleinwuchs, eine seltene Krankheit, mit Wachstumshormonen behandelt werden», so der Kinderarzt. Dennoch würden die Hormone in grosser Menge eingenommen, weil Amateursportler sie verwenden, um ihre Leistung zu steigern. Auch in Italien dürfen diese Hormone nur auf Rezept verkauft werden. Die Rezeptpflicht kann leicht unterlaufen werden: Die Medikamente werden auch im Internet feilgeboten.