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NOVARTIS: «Wir werden reagieren müssen»

Joseph Jimenez, Konzernchef von Novartis, spricht über klamme staatliche Gesundheitssysteme. Und die Antwort der Pharmabranche.
Interview Daniel Zulauf
Novartis-Konzernchef Joseph Jimenez hat auch schon bessere Abschlüsse als jenen von gestern präsentiert. (Bild: Getty/Qilai Shen)

Novartis-Konzernchef Joseph Jimenez hat auch schon bessere Abschlüsse als jenen von gestern präsentiert. (Bild: Getty/Qilai Shen)

Interview Daniel Zulauf

Joseph Jimenez, der Blick hinaus in die Weltwirtschaft stimmt nicht gerade optimistisch. Aber man sagt, Pharmafirmen seien relativ konjunkturresistent. Teilen Sie diese Sicht?

Joseph Jimenez: Ja, man kann unsere Industrie so sehen. Menschen werden krank, relativ unabhängig davon, wie die wirtschaftlichen Bedingungen aussehen. Wir sehen auch in den Wochen seit der Brexit-Abstimmung, dass an den Finanzmärkten eine Rotation zurück in den Pharmasektor stattgefunden hat. Die Aktien unserer Industrie sind um 3 bis 4 Prozent gestiegen. Das ist eine Folge der zunehmenden wirtschaftlichen Unsicherheit. Die Investoren zeigen mit ihrem Verhalten, dass sie unserer Branche diese Eigenschaft der relativen Konjunkturresistenz attestieren.

Wie sieht Ihre wirtschaftliche Gesamtschau aus?

Jimenez: Wir leben in einer wachstumsarmen Welt, und wir rechnen nicht damit, dass sich daran in den nächsten Jahren viel ändern wird. Für uns heisst das, dass die Bedingungen anspruchsvoller werden, und es bedeutet, dass es für die staatlichen Gesundheitssysteme in den Industrieländern schwieriger wird, die medizinische Versorgung der alternden Bevölkerung zu garantieren. Wir werden mit neuen Preismodellen und anderen innovativen Ansätzen reagieren müssen, um mitzuhelfen, die nachhaltige Finanzierbarkeit der Systeme sicherzustellen. Ich glaube, eines Tages werden Firmen wie Novartis dafür bezahlt werden, Patienten vom Spital fernzuhalten. Dies im Gegensatz zum bestehenden System, unter dem wir für die Anzahl verkaufter Pillen entschädigt werden.

Sind die enttäuschenden Verkaufszahlen von Entresto, einer Pille zur Behandlung von Herzinsuffizienz, ein Ergebnis der finanziellen Engpässe im Gesundheitssystem?

Jimenez: Wir hatten auf einen dynamischeren Start von Entresto gehofft. Es kam nicht so weit, weil es in den USA so etwas wie einen institutionellen Automatismus gibt, der in den ersten sechs Monaten nach dem Verkaufsstart den Patienten die Rückerstattungen von Entresto verwehrte. Als die Rückerstattungen dann doch gesprochen wurden, sahen wir uns mit einer Kardiologengemeinde konfrontiert, die ihre Patienten nur relativ langsam von bestehenden Therapien auf Entresto überführte. Diese beiden Faktoren haben also wenig mit wirtschaftlichen Aspekten zu tun.

Aber sind die zögerlichen Rückerstattungen nicht auch ein Ausdruck für den Zustand des Gesundheits­systems?

Jimenez: Das kann man so sehen, und unsere Erfahrungen mit Entresto haben so gesehen schon etwas mit dem Druck im Gesundheitssystem zu tun. Aber die amerikanischen Krankenversicherungen haben die Rückerstattungen ja nicht grundsätzlich verweigert, sondern nur etwas Zeit verstreichen lassen.

Warum sehen Sie dennoch die Notwendigkeit, beim Verkauf von Entresto weiter nachzuhelfen?

Jimenez: Unser Entscheid, mehr Geld in den Vertrieb von Entresto zu investieren, ist die Folge von guten und nicht von schlechten Neuigkeiten: Die Behandlungsrichtlinien für Herzinsuffizienz-Patienten in den USA und in der EU attestieren Entresto neuerdings den höchsten Empfehlungsgrad. Die hinter dieser Empfehlung stehenden Ärztegesellschaften empfehlen damit, dass jeder Patient mit Herzinsuffizienz, dem eine Entresto-Behandlung helfen könnte, eine solche auch tatsächlich erhalten soll. Das ist eine sehr positive Nachricht für uns, die wir nicht so schnell erwartet hätten. Zudem beobachten wir, dass die Entresto-­Verschreibungen in den USA mit steigender Dynamik zunehmen. Wir sehen den Anfang eines exponentiellen Wachstums.

Und was unternehmen Sie konkret?

Jimenez: Wir haben entschieden, für die verbleibenden sechs Monate des Jahres 200 Millionen Dollar zu investieren. Der Löwenanteil der Investition geht in den Ausbau einer Verkaufsequipe, die sich nicht auf Kardiologen, sondern auf Allgemeinpraktiker ausrichtet. Die Allgemeinpraktiker machen viele Verschreibungen, aber meistens warten sie zuerst auf die Vorgabe der Spezialisten. Ursprünglich wollten wir die Allgemeinpraktiker erst 2017 breit angehen, aber als Folge der raschen Aufnahme von Entresto in die Behandlungsrichtlinien der Ärztegesellschaften ziehen wir diese Investition nun vor.

Helfen Ihnen die knappen Finanzen in den Gesundheitssystemen bei der Verfolgung Ihrer Pläne mit Sandoz?

Jimenez: Ja, das hilft uns. Sandoz hat den Auftrag bei Novartis, besonders anspruchsvolle Medikamente zu tiefen Preisen zu produzieren. Und die guten Zahlen von Sandoz zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Sie sagten kürzlich, die geplanten Sandoz-Biosimilars könnten bis zu 75 Prozent billiger angeboten werden als die Originalpräparate. Branchenexperten rechneten bisher aber mit Preisabschlägen von nur 30 bis 40 Prozent. Woher kommt die Differenz?

Jimenez: Meine Aussage bezog sich auf die Lancierung der ersten generischen Version von Remicade (ein sehr teures biologisches Medikament zur Behandlung rheumatoider Arthritis, Anm. d. Red.), die allerdings unter speziellen Bedingungen erfolgte. Die 30 bis 40 Prozent sind viel wahrscheinlicher als die 75 Prozent.

Alcon zeigt erneut enttäuschende Zahlen. Sie sagen, die Firma habe ein Innovationsproblem. Löst man ein solches von heute auf morgen?

Jimenez: Alcon macht Fortschritte. Der Umsatzrückgang verlangsamt sich, und wir haben immer gesagt, dass wir in der zweiten Hälfte des Jahres wieder auf Wachstumskurs kommen werden. Was die Innovationskraft anbelangt, hatten wir eine Serie von Enttäuschungen. Zum Beispiel hatten wir eine neue Generation von Intraokularlinsen entwickelt, die bei klinischen Tests durchgefallen sind. Was Aussenstehende bei Alcon vielleicht als plötzliche Wachstumsschwäche sehen, war in Tat und Wahrheit ein Prozess, der sich über die Zeit entwickelt hatte. Mit Mike Ball haben wir nun einen Divisionschef an Bord, der über einen Leistungsausweis in der Lancierung neuer Produkte verfügt.

Zur Person

Joseph Jimenez (57) arbeitet seit 2007 bei Novartis, seit 2010 als CEO. Zuvor war der Kalifornier unter anderem bei Heinz, Astra Zeneca und Blackstone tätig gewesen. Jimenez studierte an der Stanford University Wirtschaft.

Stabiler Umsatz trotz Konkurrenz, aber Umfeld wird härter

Bilanz.dz. Novartis hat den Umsatz in der ersten Jahreshälfte gehalten und damit bei vielen Investoren für eine positive Überraschung gesorgt. Der Patentablauf mehrerer Medikamente, die in den vergangenen Jahren Ertragsbringer waren, hat den Konzern über das ganze Semester hinweg rund eine Milliarde Dollar Umsatz gekostet. Doch mittels Mengensteigerungen hielt sich Novartis schadlos. Unter Ausklammerung negativer Wechselkurseffekte gelang es, die Verkäufe um 1 Prozent zu steigern, während in der Rechnungswährung Dollar ein Rückgang um 2 Prozent ausgewiesen werden musste.

Bild: Grafik Lea Siegwart

Bild: Grafik Lea Siegwart

Keine Preiserhöhungen möglich

Preiserhöhungen lagen indessen nicht mehr drin – im Gegenteil: Novartis musste auch bei den rezeptpflichtigen Originalmedikamenten 1 Prozent tiefere Preise hinnehmen, und an dieser Entwicklung dürfte sich in den nächsten Jahren wenig ändern. Das Preisumfeld werde vor allem in den USA schwieriger, warnte Konzernchef Joseph Jimenez gestern in einer Telefonkonferenz für Journalisten. Novartis rechne nicht damit, dass es in den USA noch Preiserhöhungen geben werde, sagte Jimenez mit Blick auf entsprechende Ankündigungen beider Präsidentschaftskandidaten.

Seit 2008 sind die Preise für rezeptpflichtige Originalmedikamente im US-Markt um 164 Prozent gestiegen. Sichtbar werden die Effekte des wachsenden Preisdruckes auch in der Gewinnentwicklung von Novartis. Der Rückgang des operativen Ergebnisses um 10 respektive 4 Prozent zu konstanten Wechselkursen auf 4,5 Milliarden Dollar im Semester ist ebenfalls stark durch die Konkurrenz von Generika beeinflusst. Dasselbe gilt für den Reingewinn (siehe Tabelle).

Gleevec, das einst als Wunderpille bekannt gewordene Mittel zur Behandlung von Leukämie, hat im Berichtsabschnitt mehr als eine halbe Milliarde Dollar Umsatz eingebüsst (siehe Grafik oben). Auch andere Präparate mussten starke generikabedingte Umsatzeinbussen hinnehmen. Demgegenüber konnte Novartis mit verschiedenen Neulancierungen punkten. Cosentyx, ein Präparat zur Behandlung schwerer Schuppenflechte, erweist sich als wachstumsstärkstes Produkt. Das Medikament könnte die erfolgreichste Markteinführung in der Unternehmensgeschichte werden, meinte Jimenez. Wie gross die Ambitionen mit Cosentyx sind, beweist der Umstand, dass der Konzern nun Vergleichsstudien zum Konkurrenzprodukt Humira des US-Konzerns AbbVie plant. Humira war 2015 mit Verkäufen von 14 Milliarden Dollar das weltweit umsatzstärkste Medikament.

Entresto kommt nicht auf Touren

Allerdings hat Novartis noch einige Hausaufgaben zu bewältigen. Die Verkäufe von Entresto, der mit grossen Hoffnungen lancierten Pille zur Behandlung von Herzinsuffizienz, kommen nicht recht auf Touren. 49 Millionen Dollar hat das Präparat bislang an Umsatz eingespielt, und 2016 soll der potenzielle Milliarden-Blockbuster 200 Millionen Dollar bringen. Um den Verkauf von Entresto in Schwung zu bringen, muss Novartis nochmals rund 200 Millionen Dollar in den Verkauf investieren. Vor diesem Hintergrund hält der Konzern nun auch einen kleinen Gewinnrückgang im laufenden Jahr im «niedrigen einstelligen Prozentbereich» für möglich. Der Umsatz soll indessen auf Vorjahresniveau gehalten werden.

Deutlich aufwärts weist der Trend beim Generikahersteller Sandoz, der im ersten Halbjahr mit 1 Prozent mehr Umsatz (5 Milliarden Dollar) ein 17 Prozent besseres operatives Ergebnis (726 Millionen Dollar) einfahren konnte.

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