Nur Pharma wächst noch kräftig: Der Schweiz droht eine magere Lohn-Runde

Neue Wachstumszahlen zeigen: Die Weltwirtschaft kühlt sich, die Schweiz kann sich diesem Trend nicht entziehen

Niklaus Vontobel
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Lohnrunde: Es dürfte beim Kleingeld bleiben (Bild: LZ Manuela Jans-Koch)

Lohnrunde: Es dürfte beim Kleingeld bleiben (Bild: LZ Manuela Jans-Koch)

Konjunktur Die Angst vor einer Rezession geht um. Umfragen unter Betrieben signalisieren Schwäche. Deutschland und Italien schrammen nur knapp an einem Nullwachstum vorbei. In der Schweiz warnt der Industrieverband: «Der Abschwung erfolgt schnell und massiv».

Mitten in diese Angststimmung platzt eine Meldung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Die Wirtschaft sei von Juli bis September solide gewachsen: um 0,4 Prozent zum Vorjahr. Aufs Jahr umgerechnet, wäre das ein Wachstum von 1,6 Prozent. Von einer Rezession ist die Schweiz weit entfernt.

Abkoppelung gelingt nicht

Oder doch nicht? Die Experten vom Seco schreiben in ihrer Meldung auch: Insgesamt habe sich bestätigt, dass sich die Wirtschaft auch in der Schweiz abkühle. «Sie kann sich nicht abkoppeln von der schwachen Entwicklung der Weltwirtschaft.»

Der vermeintliche Widerspruch erklärt sich so: gewachsen sind nur die Branchen Pharma und Energie. Sie allein haben der Schweiz zur hohen Wachstumszahl verholfen. In der übrigen Wirtschaft ist das Bild trüber. Wie Ronald Indergand, Leiter Konjunkturanalyse beim Seco, sagt: «Ohne Pharma und Energie hätte die Schweiz nahezu ein Nullwachstum gehabt.»

Umsatzverluste im Maschinenbau

Noch nicht einmal ein Nullwachstum erreicht die Industrie: die Branchen für Metalle, Maschinenbau und elektrische Ausrüstungen verlieren Umsatz. Der Bau stagniert nur. Der Service-Sektor dümpelt ebenfalls vor sich hin. Das Wachstum beträgt bloss 0,04 Prozent.

Pharma und Energie eilen voran, die übrige Wirtschaft kommt kaum voran oder bewegt sich gar rückwärts. So ist das konjunkturelle Bild im November 2019. Das wird Folgen haben für den Arbeitsmarkt.

Denn die Pharmabranche mag die Wachstumszahlen mehr oder weniger im Alleingang herausreissen. Doch die Anzahl von Jobs ist vergleichsweise gering. Metall, Maschinenbau und elektrische Ausrüstungen beschäftigen ein Vielfaches.

«Sehr begrenzter Spielraum für Lohnerhöhungen»

Heute ist der Arbeitsmarkt in guter Verfassung. Diese Woche meldete das Bundesamt für Statistik einen Rekord: Mehr Jobs gab es nie. Doch hinkt der Arbeitsmarkt der Konjunktur hinterher. Zuerst brechen die Gewinne ein, dann sparen die Betriebe und streichen Jobs.

Wo die Schweiz in sechs Monaten stehen könnte, ist heute in der Industrie zu sehen. Im Vergleich zum Frühjahr suchen deutlich mehr Angestellte eine Stelle.

Der Abschwung kommt zur Unzeit, mitten in die Lohnrunde hinein. Das dürfte in den betroffenen Branchen zu mageren Abschlüssen beitragen, sagt Raiffeisen-Ökonom Alexander Koch. Die Unternehmen stimmen die Angestellten entsprechend ein. Der Verband Swissmem sagt: «Der Spielraum der Betriebe dürfte sehr begrenzt sein.»