Raiffeisen
Nur Placebo-Tablette: Mit dem Rücktritt der Verwaltungsräte hat der Umbau erst begonnen

Vergangenheit wegkärchern: Der Umbau der Raiffeisen hat erst seinen Anfang genommen. Mit der Neubesetzung des Verwaltungsrats ist der Prozess noch lange nicht zu Ende.

Beat Schmid
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Schwerer Neuanfang: Raiffeisen-Filiale in Zürich.

Schwerer Neuanfang: Raiffeisen-Filiale in Zürich.

KEYSTONE

Die personelle Erneuerung an der Spitze der Raiffeisen-Banken schreitet langsam voran. An der Verwaltungsrats-Retraite von diesem Donnerstag wurde beschlossen, dass acht von elf Verwaltungsräten bis 2020 zurücktreten werden. Das klingt nach Tabula rasa, wie einige Medien geschrieben haben, ist es aber bei näherem Hinschauen nicht. Denn viele Verwaltungsräte hätten aufgrund statutarischer Regeln ohnehin das Gremium verlassen müssen – weil sie entweder die maximale Amtszeit oder die Alterslimite erreicht hätten. Jetzt gehen sie zum Teil einfach ein paar Monate früher von Bord.

Es ist also eine Placebo-Tablette, die der Verwaltungsrat der Genossenschaftsbanken verabreicht. Die wirklich harte Medizin, die eine Erneuerung der Geschäftsleitung oder die Schaffung einer skandalresistenten Gruppenstruktur bedeuten würde, liess das Gremium im Pillenschrank. Immerhin: Wenn die Mehrheit von Vincenz’ alter Abnickertruppe ein wenig früher von dannen zieht, rückt der Tag näher, an dem echte Reformen möglich werden.

Jetzt müssen schnell neue Köpfe für den Verwaltungsrat her. Wie aus Headhunter-Kreisen zu hören ist, sucht die Zürcher Search-Firma Guido Schilling einen neuen Präsidenten oder eine Präsidentin sowie weitere Persönlichkeiten, die Schlüsselfunktionen übernehmen könnten.

Falsche Briefe verschickt

Als mögliche Kandidaten fürs Präsidium gelten Hans-Ueli Meister oder Marcel Rohner. Meister war bis vor drei Jahren Chef der Credit Suisse Schweiz sowie Co-Chef der internationalen Vermögensverwaltung bei der Grossbank. Als Tidjane Thiam kam, musste er abtreten. Meister ist VR-Präsident des Baukonzerns Implenia. Wie aus Headhunter-Kreisen zu hören ist, soll sich Meister aktiv um das Spitzenamt bemühen. Marcel Rohner war CEO der UBS. In der Krise folgte er auf Peter Wuffli. Jung und unerfahren war Rohner dem Job nicht gewachsen und wurde von Oswald Grübel abgelöst. Seither sitzt er in kleineren Verwaltungsräten.

Für einen Neuanfang würden beide nicht stehen. Marcel Rohner war Chef des globalen Wealth Managements und somit für jenen Teil der UBS verantwortlich, der später ins Fadenkreuz der US-Justiz geriet. Auch Hans-Ueli Meister wurde in den Strudel des Steuerstreits gerissen und musste vor dem US-Senat aussagen. Raiffeisen-intern gibt es grosse Zweifel, ob ein «Grossbanker» zur Genossenschaft passen würde.

Wer auch immer es ist, die Person muss mit dem Kärcher den Schmutz der Vergangenheit beseitigen. Wie sehr Raiffeisen noch damit behaftet ist, wurde diese Woche einmal mehr deutlich. Die Bank verschickte 114 Kontoauszüge an falsche Adressen und hat damit das Bankgeheimnis gebrochen. Früher verarbeitete die Bank den Briefaussand selber. 2012 entschieden Pierin Vincenz und sein Stellvertreter Patrik Gisel, den Auftrag an eine externe Firma zu vergeben.

Also schob die Raiffeisen diese Woche die Schuld dem externen Druckzentrum in die Schuhe. Doch so einfach ist das nicht: Die Firma Trendcommerce aus Gossau SG wurde Anfang 2016 von der Beteiligungsgesellschaft Investnet übernommen. Hinter dem Deal stand somit Pierin Vincenz, denn dieser war am Beteiligungsvehikel mit 15 Prozent beteiligt – mit Raiffeisen, die seit 2011 die Mehrheit hält. CEO Patrik Gisel war zwischen 2012 und 2015 sogar Verwaltungsratspräsident von Investnet. Vor wenigen Wochen verkaufte die Bank die Investment-Firma an die früheren Besitzer um Vincenz zurück. Raiffeisen übernahm dafür eine andere Gesellschaft vollständig, in der die Beteiligungen gebündelt sind. Und ja, Investnet ist die Gesellschaft, die im Zentrum der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Vincenz steht.

Neuer Präsident im November

Genauso verwirrlich, wie sich das anhört, ist es auch. Die Folge dieser Verquickung: Würde Raiffeisen Trendcommerce den Druckauftrag entziehen – es geht immerhin um die Briefverarbeitung von über 200 Raiffeisen-Banken –, würde die Bank ihre eigene Beteiligung abwerten. Das sind ungesunde Abhängigkeiten, die aber typisch sind für das System Vincenz und seines damaligen Stellvertreters Patrik Gisel, der diese Spielchen breitwillig mitmachte.

Raiffeisen will den neuen Präsidenten an einer ausserordentlichen Delegiertenversammlung im November bestimmen. Glaubwürdige Kandidaten werden sich ausbedingen müssen, die Geschäftsleitung rundum erneuern zu können, um einen echten Neuanfang zu gewährleisten.