Anlegen trotz Nullzinsen
Nur wer ein hohes Risiko eingeht, kriegt mehr Rendite

Nullzinsen und kein Ende. Die Zinsen bleiben unten, sagen Experten. Nur wer global höhere Risiken eingeht, erzielt noch Einkommen.

Tommaso Manzin
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Tiefe Zinsen schaden Banken, Versicherungen und Pensionskassen – und damit uns allen. Doch wir profitieren auch. (Symbolbild)

Tiefe Zinsen schaden Banken, Versicherungen und Pensionskassen – und damit uns allen. Doch wir profitieren auch. (Symbolbild)

Bild: Keystone

Vier Prozent bei Aktien, null bei Anleihen. Mehr liegt nicht drin, noch lange nicht. Die Rede ist von dem, was Anlagen bringen: Renditen. Sie waren es, die am Donnerstag im Mittelpunkt einer Investorenkonferenz in Frankfurt standen. Gastgeber war Allianz Global Investors (AGI), einer der grössten Vermögensverwalter weltweit.

Die Risikoleiter: Zins, Zeit und Trennungsschmerz

«There is no free lunch», sagen Ökonomen, es gibt keine Gratis-Mahlzeit. Gemeint ist aber nicht nur, was wir längst vermuten: dass uns niemand etwas schenkt. Der auf den ersten Blick banale Spruch reicht tiefer: In der Zeit, in der wir essen, könnten wir etwas anderes tun. Diese sogenannten Opportunitätskosten fallen immer an.

Deswegen verlangen wir etwa einen Zins, wenn wir jemandem Geld leihen. Denn wir hätten uns etwas kaufen können. Je länger wir es leihen, desto grösser der «Trennungsschmerz» – und der Zins. Anleihen und Kredite mit langen Laufzeiten haben daher meist höhere Zinsen. Ist der Schuldner wenig kreditwürdig, steigt der Zins ebenfalls.

Im Fachjargon: Wir verlangen eine Risikoprämie. Da der «risikolose» Zins heute auch für lange Laufzeiten fast null ist, sind Anleger gezwungen, die Risikoleiter hochzuklettern und riskantere Investments mit mehr Rendite einzugehen. (TM)

Ein Blick aus dem Fenster lieferte die Erklärung: Auf der anderen Seite des Main hat die Europäische Zentralbank (EZB) seit Ende 2014 ihren Sitz – in diskreter Distanz zu den Geldhäusern, die sie seither wie alle Megabanken der Eurozone überwacht. Ein Wachtturm vor «Mainhattan», wie Frankfurt in Anspielung auf die – weit grössere – Skyline von Manhattan auch heisst.

Der Wachtturm von «Mainhattan»

Die EZB ist nicht nur für Banken ein Kontrollturm, auch für die Wirtschaft insgesamt. Denn über die Leitzinsen bestimmt sie, wie teuer Geld ist. Zu diesen Zinsen leihen sich Banken bei ihr Geld. Sind sie tief, können sie ihrerseits billig Kredite oder Hypotheken vergeben. Dabei verdienen sie immer weniger. Denn tiefere Zinsen bedeuten meist tiefere Margen.

Doch diese Medizin muss der Wirtschaft noch immer verabreicht werden, so bitter sie ist. EZB-Präsident Mario Draghi weiss, dass der Kampf gegen Deflation – das Sinken der Preise auf breiter Front – noch nicht gewonnen ist. Als er Donnerstagnachmittag vor die Kamera trat, um den Zinsentscheid zu erläutern, gab es daher keine Überraschung: Der Einlagensatz, zu dem Banken kurzfristig Geld bei der EZB parkieren, blieb bei –0,4 Prozent, der Hauptleitzins bei null.

Vorsicht beim Wünschen

Tiefe Zinsen schaden Banken, Versicherungen und Pensionskassen – und damit uns allen. Doch das ist die halbe Wahrheit. Wir profitieren auch. Nicht nur, weil wir bei günstigen Hypotheken nicht Nein sagen. Auch unser Arbeitsplatz existiert vielleicht nur noch dank tiefer Zinsen. Denn mit teureren Krediten kämen viele Unternehmen in Not – auch in der Schweiz, wo höhere Zinsen den Franken noch stärken würden.

Unternehmen nutzen billige Kredite indes nicht immer wie von den Notenbanken erhofft für Investitionen, die das Wachstum ankurbeln würden. Sie kaufen damit oft lieber eigene Aktien zurück. Das senkt die Kapitalbasis und steigert den Gewinn pro Aktie. Deren Wert steigt. Neil Dwane, Chef-Stratege bei AGI, zeigt aus dem Fenster: «Würde die EZB heute die Zinsen plötzlich normalisieren, wäre das der Kollaps. Das könne niemand wollen.»

«Lower for Longer» – der Ausdruck, der die neue Normalität tiefer Zinsen für länger als erwartet in eine Formel fasst, wurde in der Branche viral. Geprägt hat ihn AGI. Er sei heute noch gültig, erklärt Dwane. Die finanzielle Repression werde weitergehen. Noch mindestens für zwei Jahre. Sie zwingt Anleger, wegen der tiefen Zinsen immer höhere Risiken einzugehen, und erleichtert den Schuldnern – vor allem dem Staat – die Bezahlung von Zinsen.

Vom Orang-Utan zum Gorilla

Die Finanzkrise von 2008 sei eine Krise der Verschuldung gewesen: Haushalte, Staaten, Unternehmen – alle hätten zu viele Kredite akkumuliert. Und leider sei die Krise mit noch mehr Schulden «gelöst» worden. Nur Europa habe gespart, was politisch hart war und Wachstum gekostet hat.

Stark gestiegen sei die Verschuldung in Asien, auch in China, der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt nach den USA. Dwane: «Wäre der Schuldenberg 2008 ein Orang-Utan gewesen, so wurde daraus inzwischen ein Gorilla.»

Damit dieser zu einem Schimpansen schrumpft, versuchen Notenbanken, die Schulden dadurch abzubauen, dass ihr Wert sinkt. Und das funktioniert nur über Inflation. Diesen Weg seien die USA gegangen, wo die Inflation langsam anzieht. Deshalb und wegen weniger Arbeitslosigkeit (vgl. Grafik) könnte im September oder Dezember die zweite Zinserhöhung anstehen (die erste seit der Krise war im Dezember 2015).

Bei Inflation steigen alle Preise und Einkommen. Nur die Schulden, die man aufgenommen hat, werden kleiner – wie durch ein Fernglas, in das man von der falschen Seite schaut. So weit ist es in Europa noch nicht. Die EZB könnte daher sogar noch mehr Geld in die Eurozone pumpen, erklärt Brian Tomlinson, Portfoliomanager für Anleihen.

Schwellenländeranleihen bieten mehr Rendite als Anleihen in Europa. Sie bergen aber auch mehr Risiko, geliehenes Geld oder Zinsen darauf nicht mehr oder nur teilweise zu erhalten.

Mehr Lohn für mehr Risiko

Wachstumsängste bezüglich China hatten 2015 mehrere Korrekturen an den Börsen ausgelöst. Raymond Chan, Aktienspezialist für die Region Asien und Pazifik, beruhigt: Man rede schon lang von der harten Landung Chinas. Wer genau hinschaue, merke, dass die Regierung den Sinkflug selber kontrolliere, damit das Land von einer exportorientierten Wirtschaft zu mehr Binnenwirtschaft und Konsum finde. Zudem wachse China an den Küsten dynamisch wie zuvor.

Grafik aus der Investorenkonferenz in Frankfurt.

Grafik aus der Investorenkonferenz in Frankfurt.

Allianz Global Investors / NCH/MTA

In den USA ist der Markt für hochverzinsliche Unternehmensanleihen besonders gross, da sich dort Firmen zu zwei Dritteln über die Ausgabe von Anleihen am Markt finanzieren, nur zu einem Drittel über Bankkredite (in Europa verhält es sich umgekehrt). Hochverzinsliche US-Anleihen rentieren rund 7 Prozent, mehr noch als in Asien. Die US-Wirtschaft brummt. Damit steigen die Unternehmenserträge, die Wahrscheinlichkeit von Pleiten sinkt.

Unternehmensanleihen, speziell jene mit eigentlich weniger Kreditwürdigkeit, böten daher für das Risiko attraktive Renditen, erklärt Douglas G. Forsyth, der das US-Anlagegeschäft betreut.