Grosse Nachfrage nach Elektrofahrzeugen in Norwegen: Occasionen kosten mehr als Neuwagen

Die Norweger kaufen Elektroautos wie sonst keine andere Nation. Bereits fast die Hälfte der Neuzulassungen sind Elektroautos. Der Boom wird aber gebremst: 40000 Norweger haben für Stromautos bezahlt, die nicht geliefert werden.

Niels Anner
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Elektroautos an einer Ladestation in der norwegischen Hauptstadt Oslo. (Bild: Iulia Mazur/Alamy (8. Juni 2017)

Elektroautos an einer Ladestation in der norwegischen Hauptstadt Oslo. (Bild: Iulia Mazur/Alamy (8. Juni 2017)

Normalerweise sind Gebrauchtwagen bekanntlich billiger als neue Autos. Doch in Norwegen erzielen einzelne Elektroauto-Occasionen höhere Preise als Neuwagen. Ein Beispiel ist der Hyundai Kona Electric, der seit diesem Sommer in Norwegen erhältlich ist; nun wird er laut Medienberichten als Gebrauchtwagen für umgerechnet 10 000 Franken mehr verkauft, als ein Neuwagen kosten würde. Der Grund: Eine das Angebot stark übersteigende Nachfrage führt zu massiven Lieferengpässen bei Stromautos.

Laut Erhebungen des Elektroautoverbandes warten derzeit rund 40000 Norweger auf ihren neuen elektrischen Wagen; die meisten haben bereits Vorauszahlungen geleistet. Der Verband schätzt deshalb, dass umgerechnet über 45 Millionen Franken in Elektroautos investiert sind, die noch gar nicht geliefert wurden.

Elektroautos sind fast komplett steuerbefreit

Entsprechend unzufrieden ist der Verband – primär mit den Herstellern. Es sei eine unhaltbare Situation, sagt Verbandssprecher Petter Haugneland, dass die bezahlte Ware nicht verfügbar sei. Norwegen beweise seit langem, dass es ein Massenmarkt sei, der stetig wachse, da gebe es keine Entschuldigungen. «Wir wissen unterdessen, dass die Elektroautofahrer nicht mehr zurück auf Benzin oder Diesel wechseln.» Wer einmal umgestiegen sei, bleibe beim Stromer.

Nun ist die Entwicklung allerdings selbst in Norwegen deutlich rasanter, als man dies vorausgesehen hatte. Im Rekordmonat September waren 45 Prozent aller Neuzulassungen in dem skandinavischen Land reine Elektroautos; aufladbare Hybridmodelle sind nicht einmal mitgerechnet. Werden noch die Gebrauchtwagenimporte gezählt, waren 52 Prozent der Neuregistrierungen reine Stromautos – laut der Verkehrsstatistikbehörde ein Weltrekord.

Die Prognosen zeigen so steil nach oben, dass für das ganze 2018 über 30 Prozent neue reine Elektroautos erwartet werden; 2017 betrug deren Marktanteil 20 Prozent. Dazu kommen noch fast 20 Prozent Hybride, die an die Steckdose angeschlossen werden können. In der Schweiz betrug der Marktanteil der Elektroautos im letzten Jahr 1,5 Prozent, die EU-Länder kamen durchschnittlich auf dasselbe Niveau. Auch in China, dem weltgrössten Produzenten von Elektroautos, sind es bloss 2 Prozent Neuzulassungen.

Die Spitze erreicht hat Norwegen durch ein einmaliges Förderungsprogramm. So sind Elektroautos fast komplett von den Steuern befreit. Zudem profitiert, wer mit Strom fährt, von kostenlosen Parkplätzen und Fähren, darf auf Busspuren am Stau vorbeifahren und bezahlt keine Strassengebühren. Für die Besitzer, sagt Haugneland, seien vor allem ökonomische Gründe wichtig, Umweltschutz komme erst an zweiter Stelle. Dabei fahren Elektroautos gerade in Norwegen vor allem mit sauberer Energie aus Wasserkraft. Umfassende neue Studien haben zudem den Vorwurf entkräftigt, dass Stromer wegen der Batterieproduktion Umweltsünder seien; über einen ganzen Lebenszyklus gesehen, ist ihr CO2-Ausstoss deutlich tiefer als bei Autos mit fossilen Brennstoffen.

Auch wenn gerade in Oslo die Autos mit dem EL-Kennzeichen unübersehbar sind, überschwemmt damit sind die Strassen deshalb nicht. Gemessen an allen Autos fahren in Norwegen im Moment knapp 180 000 oder 7 Prozent an die Steckdose anschliessbare Autos; Benzin und Diesel dominieren noch deutlich, aber ihre Verkaufszahlen sind spürbar rückläufig. In Umfragen haben sich fast 80 Prozent der Befragten gesagt, sie würden beim nächsten Autokauf «möglicherweise, wahrscheinlich oder sicher» ein strombetriebenes Modell wählen.

Prognosen zeigen, dass der Anstieg rasant bleiben dürfte, womit das Ziel Norwegens, bereits 2025 ohne Benzin- oder Dieselautos auszukommen, erreicht werden könnte. Wenn, das räumt auch der Elektroautoverband ein, die Bedingungen stimmen. Wenn die Produktion zunimmt, einerseits von Autos, aber auch von Ladestationen. Hier muss selbst Norwegen stark zulegen; in Oslo herrscht aufgrund der vielen Stromer Knappheit – und im Norden ist das Netz zu wenig dicht. Zweifel gibt es darum: Laut einer Umfrage glauben 44 Prozent der Befragten nicht, die Politik werde die Förderung bis 2025 genügend weiterführen, um die vollständige Umstellung zu erreichen. Dennoch kaufen sie Elektroautos wie sonst keine Nation der Welt.