Öffnungen
Restaurants erteilen Impf-Zertifikat eine Absage: «Wir wollen niemanden ausschliessen»

Der Bundesrat verspricht: Am 7. Juni kommt der «Pass für die Freiheit», das Impf-Zertifikat. Restaurants dürfen von Gästen verlangen, ein solches vorzuweisen - und dann öffnen ohne Maskenpflicht. Doch nutzen Gastronomen diese Möglichkeit?

Patrik Müller, Kari Kälin, Niklaus Vontobel
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Während das Impf-Zertifikat laut Bundesrat Alain Berset von niemandem verlangt werden darf, wenn es um Schulen, Läden oder den Arbeitsplatz geht, haben Restaurants und Bars das Recht, den Zutritt davon abhängig zu machen. Der Vorteil: Lokale, die nur Gäste mit Zertifikat hereinlassen, müssen keine Schutzkonzepte mehr einhalten, die Maskenpflicht und Kapazitätsbeschränkungen entfallen, es darf wieder Tisch an Tisch gereiht werden ohne 4er-Regel.

Die Frage ist nur: Machen Gastronomen von dieser Möglichkeit Gebrauch? Die meisten Betriebe haben einen Tag nach dem Bundesratsbeschluss noch nicht formell entschieden. Doch Sarah Pente-Schibli von der «Linde» Fislisbach, einem der bekanntesten Restaurants im Aargau, sagt:

«Wir möchten niemanden ausschliessen. Die Schutzmassnahmen funktionieren und werden von den Gästen akzeptiert, für uns ist das der richtige Weg.»
Eines der bekanntesten Restaurants im Aargau, die Linde Fislisbach, mit dem Gastgeberteam Isabelle Utiger-Schibli, Felix Schibli und Sarah Pente-Schibli, verzichtet auf das Vorlegen des Zertifikats.

Eines der bekanntesten Restaurants im Aargau, die Linde Fislisbach, mit dem Gastgeberteam Isabelle Utiger-Schibli, Felix Schibli und Sarah Pente-Schibli, verzichtet auf das Vorlegen des Zertifikats.

Alex Spichale

Auch das traditionsreiche «Stucki» in Basel (19 Gault-Millau-Punkte) von Spitzenköchin Tanja Grandits lässt verlauten, man bleibe bei der Variante Schutzkonzept.

Die Basler Sterneköchin Tanja Grandits

Die Basler Sterneköchin Tanja Grandits

Obs/TdH/ PPR

Gleiches sagt der Zürcher Gastrounternehmer Rudi Bindella: «Wir wollen keine Zweiklassengesellschaft». Viele jüngere hätten sich noch nicht impfen lassen.

Markus Arnold, Spitzenkoch und mehrfach mit 17 Gault-Millau-Punkten ausgezeichnet, ist erfolgreicher Gastrounternehmer in der Stadt Bern. Neben der «Steinhalle» in der Bundeshauptstadt lanciert er immer wieder innovative Projekte. Er wird bei der Wiedereröffnung seiner Betriebe auf Schutzkonzepte setzen. Ob und ab wann er von seinen Gästen ein Covid-Zertifikat verlangen würde, kann Arnold noch nicht sagen. Dies hänge von der Entwicklung der epidemiologischen Lage nach der Wiedereröffnung ab.

Für manche Wirte noch das kleinere Übel

Von einer «schrecklichen Vorstellung» spricht Maurus Ebneter. Der Präsident des Basler Wirteverbands sähe es sehr ungern, wenn Gastronomen für den alltäglichen Besuch von Cafés oder Restaurants ein Covid-Zertifikat verlangen müssten. Doch er schliesst nicht aus, dass dies für manche Wirte noch das kleinere Übel sein könnte. «Zumindest würden so alle anderen Regeln und Auflagen entfallen.»

Ob tatsächlich einige Beizer zu diesem Mittel greifen würden, hänge von vielerlei Faktoren ab, nicht zuletzt von der Reaktion der Gäste. Viele Betriebe steckten in einem Überlebenskampf. Da könnten sie es sich noch weniger als sonst leisten, ihre Gäste zu verärgern. Und viele Betriebe seien gar nicht in der Lage, ihre Gäste zu kontrollieren:

«Im Grossen und Ganzen werden wohl die allermeisten Restaurants auf Zertifikate verzichten, wenn es um alltägliche Besuche geht.»

Etwas anderes sei es für Clubs oder grosse Bankette, sagt Ebneter. Für die Clubs seien Zertifikate ein gangbarer Weg. Sie würden ihre Gäste ohnehin beim Eingang kontrollieren. Und bei Banketten könnte man an sich auch im Voraus prüfen, ob alle Gäste geimpft sind, Corona schon überstanden haben oder einen PCR-Test vorweisen könnten. Ebneter sagt: «In diesen Fällen könnten Zertifikate gute Lösungen sein.»

Endgültig eine schreckliche Vorstellung wäre für Ebneter hingegen, wenn der Bundesrat der Gastronomie eine Zertifikate-Pflicht vorschreiben würde. Im neuen Ampelsystem des Bundesrates sind Restaurants unter der Farbe Orange eingestuft. Das heisst, wenn sich die epidemiologische Lage verschlechtert, könnte der Bundesrat der Gastronomie die Zertifikate-Pflicht vorschreiben. Ebneter sagt: «Dass sich der Bundesrat diese Möglichkeit vorbehält, ist sehr beunruhigend.»