ÖV: Eine App besorgt das Bahnbillett

Technisch ist es schon bald möglich: Wer im Bus oder Zug unterwegs ist, braucht sich nicht um Billette zu kümmern. Das erledigt das Handy. Bis es so weit ist, wartet auf die ÖV-Branche aber noch viel Arbeit.

Rainer Rickenbach
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Bequem auf dem Smartphone per App herunterladen: So soll das Zug- und Busbillett der Zukunft aussehen. Vorgestellt gestern im Verkehrshaus Luzern. (Bild: pd)

Bequem auf dem Smartphone per App herunterladen: So soll das Zug- und Busbillett der Zukunft aussehen. Vorgestellt gestern im Verkehrshaus Luzern. (Bild: pd)

Siemens testet bei der Südostbahn und den Basler Verkehrsbetrieben das sogenannte Be-in/Be-out-System (Bibo). Für die Fahrgäste kommt es einem Generalabonnement gleich. Nur brauchen sie dafür keine 3550 bis 5800 Franken im Voraus zu bezahlen, sondern bloss für die Strecken, welche sie auch tatsächlich zurückgelegt haben. Beim Handy-Ticketing von Siemens entfällt der Billettkauf für eine Strecke – sei es nun physisch am Schalter und Automaten oder an einem Smartphone.

Möglich machen es ein App, eine Smartcard mit Funkchip und WLAN-Antennen im Zugwagen. Sobald der Fahrgast den Wagen der Südostbahn betritt, meldet sein Smartphone über die App sein Erscheinen. Wenn er den Zug verlässt, löst das Zusammenspiel der technologischen Einrichtungen die Ausstiegsmeldung aus. Dann beginnt es in den weit davon entfernten Ticketing-Computern zu rechnen, und der Fahrpreis erscheint auf dem Handy des Passagiers, versehen mit Angaben zur Fahrstrecke und -zeit. Die Fahrkosten addieren sich auf die aufgelaufenen Rechnungen früherer Bahnfahrten. Ende Monat flattert die Rechnung ins Haus, eine Kreditkarte ist nicht mehr nötig. Ein ähnliches Ticketing-Modell für Busse hat die Firma Scheidt & Bachmann im deutschen Mönchengladbach entwickelt.

ÖV-Betriebe müssen sich bewegen

«Wir können das System schon bald liefern. Die Herausforderung beim Test ist nicht einmal so sehr die Technik, sondern der Weg, auf dem sich die Kunden zum neuen Ticketing führen lassen», sagte Gerhard Greiter von Siemens Schweiz gestern nach der Bibo-Präsentation im Verkehrshaus Luzern. In der Tat müssen sich die Kunden bewegen, wenn sich die abzeichnende unkomplizierte Nutzung des öffentlichen Verkehrs durchsetzen soll. Zuerst einmal müssten die SBB mit ihrer zentralen Rolle mitmachen. Doch Bahn-Chefin Jeannine Pilloud hat das Bibo-Modell vorerst auf Eis gelegt.

Zuger Vorreiterrolle in Gefahr

Zur Herkulesaufgabe für die Politik dürfte die Lichtung des Wildwuchses an Tarifverbünden und den damit verbundenen Einnahmenverteiler geraten. Er erstreckt sich nicht nur über Eisenbahnen und Busbetriebe, sondern umfasst auch Bergbahnen und Ausflugsschiffe. «Das heutige System ist für die Kunden des öffentlichen Verkehrs verwirrend. Es muss stark gestrafft werden. Gelingt das, kommt das neue Ticketing-Modell einem Durchbruch gleich, der auf Augenhöhe mit dem Taktfahrplan oder der Bahn 2000 ist», ist Martin Sturzenegger von Schweiz Tourismus überzeugt.

In den 1990er-Jahren waren mit dem Vorhaben Easyride die Weichen für den öffentlichen Verkehr schon einmal in die gleiche Richtung gestellt. Das Projekt hätte mit einer Chip-Lösung das Leben der Pendler ähnlich vereinfacht, wie es die moderne Digitaltechnik nun ermöglicht. Es blieb aber aus Kostengründen auf halber Strecke unvollendet. Gleiches droht nun im Kanton Zug. Weil der reiche Kanton immer mehr Millionen in den Nationalen Finanzausgleich zahlen und darum sparen muss, steht das Geld für die Planung des neuen Ticketing-Modells bei der Budgetdebatte nächste Woche auf der Kippe.

«Die Leute sind bereit dafür»

Die Zuger Kantonsregierung hatte nach dem Aus von Easyride beschlossen, wenigstens in ihrer Region umzurüsten. «Als wir vor einem Monat das neue Ticketing-System vorstellten, gab es zahlreiche positive Reaktionen aus der Bevölkerung. Die Leute sind bereit dafür», sagt Regierungsrat Matthias Michel. Alles in allem würde die Umstellung in Zug 10 bis 15 Millionen Franken kosten.

Diesen Kosten steht freilich ein beträchtliches Einsparpotenzial beim herkömmlichen Billettverkauf gegenüber. Der ist teuer und würde zwar nicht verschwinden, könnte aber heruntergefahren werden. Die Bibo-Entwickler gehen davon aus, dass sich das neue Ticketing-Modell nach sechs bis acht Jahren zu rechnen beginnt.