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Gruppentourismus in der Zentralschweiz: Eine Sache der Wahrnehmung

Kolonnen mit Touristen prägen in den Ortschaften und auf den Bergen der Zentralschweiz das Bild. Jürg Stettler ist Leiter des Institutes für Tourismuswirtschaft und sagt, der Unterschied zwischen Gruppen- und Individualreisenden sei gar nicht so gross.
Interview: Rainer Rickenbach
Eine Gruppe asiatischer Touristen am Schwanenplatz. (Bild: Corinne Glanzmann, Luzern, 4. Juni 2018)

Eine Gruppe asiatischer Touristen am Schwanenplatz. (Bild: Corinne Glanzmann, Luzern, 4. Juni 2018)

Jürg Stettler, wenn Sie durch die Stadt Luzern gehen und auf Touristen stossen: Was lesen Sie in Ihren Gesichtern?

Zuerst einmal nehme ich eine grosse Vielfalt von Gesichtern wahr. Was ich darin lese? Das ist schwer zu sagen. Es fällt mir schwer, den Gesichtsausdruck von Leuten aus fremden Kulturkreisen zu deuten.

Viele von ihnen wirken gehetzt: vormittags eine Schifffahrt, nachmittags auf den Titlis und abends in den Schmuck- und Uhrenladen. Wie kann man die Gäste dazu bringen, länger zu bleiben, um ihr Erholungsgefühl und die Wertschöpfung für die Region zu steigern?

Schneller, mehr und in noch kürzerer Zeit ist einer der Trends im Tourismus von heute. Aber nicht der einzige. Es gibt auch den Gegentrend: Gäste, die vormittags in aller Ruhe frühstücken, danach durch die Altstadt bummeln und am Abend ein Konzert im KKL besuchen. Unser Institut arbeitet momentan an einem Forschungsprojekt, die Wünsche von Individualreisenden aus dem Fernen Osten abzuklären. Ein Ziel des Projekts ist, mit entsprechenden Angeboten die Aufenthaltsdauer zu verlängern und die Touristenströme an weniger bekannte Orte zu lenken. Es wird sich zeigen, ob das gelingt.

Welches sind die ersten Erkenntnisse daraus?

Erste Ergebnisse machen deutlich, dass sich die Bedürfnisse von Selbstständigreisenden gar nicht so stark von den Gruppenreisenden unterscheiden. Auch sie wollen die Sehenswürdigkeiten sehen, das Bergerlebnis haben und Uhren kaufen. Zur Entflechtung der Touristenströme auf der Kapellbrücke, beim Löwendenkmal oder anderen Sehenswürdigkeiten trägt der steigende Anteil an Individualgästen aus China also kaum bei. Ein Unterschied zu den Gruppenreisenden ist, dass sie mehr Zeit haben, weil sie länger bleiben und auch andere, weniger bekannte Sehenswürdigkeiten oder Orte besuchen.

Der Gruppentourismus dominiert die öffentliche Wahrnehmung. Er strapaziert die Akzeptanz des Tourismus in der Bevölkerung.

Sie sagen es – es handelt sich um die Wahrnehmung. Sie wird den Tatsachen aber nicht gerecht. Die meisten der Tagesausflügler in Luzern sind Schweizer und Europäer, sie sind individuell nach ihren eigenen Plänen unterwegs. Das Problem sind die Massierungen, die das Reisen in Gruppen mit sich bringt: Wenn 100 chinesische Reisende zur gleichen Zeit vor dem Löwendenkmal stehen, ist die Wirkung eine andere, als wenn 100 deutsche Gäste im Verlauf des Tages dort vorbeischauen. Kommt hinzu, dass viele Gruppenreisende aus dem Fernen Osten nicht durch Zurückhaltung und Anpassung auffallen.

Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern. (Bild: Dominik Wunderli)

Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern. (Bild: Dominik Wunderli)

Warum nicht?

Nun, sie sind ständig bemüht, den Anschluss an ihre Gruppe nicht zu verlieren. Dabei wird es schon mal laut. Ohne Gruppe wären sie verloren, denn sie kennen sich nicht aus, und viele von ihnen sprechen kaum Englisch. Die grosse Mehrheit der Reisenden aus China und Indien ist noch nicht reisegewandt. Zum Vergleich: Schweizer verreisen im Durchschnitt dreimal im Jahr, zweimal davon ins Ausland. In China sind es erst 0,1 Auslandreisen pro Einwohner und in Indien sogar nur 0,02.

Die Gäste aus Japan tauchten in den 1980er-Jahren auch in Gruppen hier auf. Heute sind sie mehrheitlich auf eigene Faust unterwegs.

Gut möglich, dass in China und Indien die gleiche Entwicklung in Gang kommt. Bereits heute reisen rund 20 bis 30 Prozent der Chinesen individuell. Genaue Zahlen gibt es aber nicht. Die Grenze zu Gruppenreisen ist fliessend, die beiden Reisearten lassen sich nur schwer auseinanderhalten. Zählt zum Beispiel eine indische Grossfamilie mit 20 Personen und festem Programm nun zum individuellen Tourismus? Wo ist eine Gruppe einzuordnen, die nur Hotels und Flüge im Programm hat, deren Mitglieder aber den ganzen Tag auf sich selbst gestellt sind?

Tun die Marketing-Fachleute von Schweiz und Luzern Tourismus das Richtige, um den Individualtourismus zu fördern?

Beide setzen sich intensiv mit den Herkunftsländern der Touristen auseinander. Sie sind auf dem richtigen Weg, denn das Verständnis für die Quellmärkte macht es erst möglich, hier die richtigen Weichen zu stellen. Nur ist es leichter gesagt als getan. Auf die Ströme des Gruppentourismus lässt sich über Preis und Angebot leichter Einfluss nehmen als auf die Wege der Individualtouristen. Wenn alle auf eigene Faust unterwegs wären, würde es also schwerer fallen, sinnvolle Lenkungsmassnahmen einzuführen. Das machen auch die Erfahrungen in Amsterdam deutlich, wo man versucht, die enormen Touristenströme zu kanalisieren.

Ohne Gruppentourismus wird es also auch in Zukunft nicht gehen?

Es braucht die richtige Mischung bei der Gästestruktur.

Für vermögende selbstständig Reisende hat sich das Angebot in letzter Zeit stark verbessert: Mit dem Bürgenstock-Resort, dem Parkhotel Vitznau, dem Palace-Luzern-Umbau oder Investitionen in bestehende Hotels hat sich in der Luxuskategorie viel getan. Folgt auch ein Schub für das preisgünstigere Segment?

Davon gehe ich aus. Früher oder später braucht es in der Region in allen Kategorien weitere neue Hotels. Als vor zehn Jahren in Zürich ein Boom mit Hotelneubauten einsetzte, fragten sich alle, ob das gut gehen kann. Heute hat sich diese Region erfolgreich als Ausgangspunkt für Schweiz-Reisende etabliert. Man logiert in Zürich und fährt für einen Tag nach Interlaken oder auch auf den Titlis. Die Schweiz ist klein und verfügt über einen ausgezeichneten öffentlichen Verkehr. Luzern hat alle Voraussetzungen, sich genauso zu positionieren. Auch von hier aus sind die Gäste schnell überall im Land.

In welche Richtung gehen die Reisetrends sonst noch?

Touring ist stark im Kommen. Die Reisenden sind fünf Tage im Auto oder Zug und immer öfter auch mit einem Fahrrad, E-Bike oder als Wanderer in der Schweiz unterwegs. Die Wege sind etappiert und mit Übernachtungsmöglichkeiten versehen, das Gepäck wird bei Bedarf transportiert. Für die einzelnen Destinationen bringt Touring zwar nur eine Übernachtung, für das Ferienland Schweiz aber sind es fünf Nächte. Und es fügt sich bestens in den Trend «Zurück zur Natur» ein. Die Schweiz bringt dafür vielversprechende Voraussetzungen mit sich. Der Gegentrend dazu ist das bereits erwähnte «Noch mehr in noch kürzerer Zeit».

25 Jahre Institut für Tourismuswirtschaft

Jürg Stettler (53) leitet seit 19 Jahren das Institut für Tourismuswirtschaft (ITW) der Hochschule Luzern. Es feiert heuer sein 25-Jahr-Jubiläum. An der Feier am Dienstagabend reden unter anderem alt Bundesrat Moritz Leuenberger und Thomas Bieger, Rektor der Universität St. Gallen. Das Institut arbeitet eng mit touristischen Einrichtungen wie einzelnen Hotels, Bergbahnen und Marketingorganisationen zusammen. Beim Thema Mobilität sind in erster Linie Städte und Gemeinden Partner. Mehr als 200 Studenten lassen sich am ITW aus- und weiterbilden, viele von ihnen sind berufstätig. (rr)

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