Armut
«Ohne Mann haben wir es sehr gut»

Armut im Aargau: Die 18-jährige Melina Seiler erzählt, wie sie die Krise in ihrer Familie erlebt hat. Im Gegensatz zu ihren jüngeren Geschwistern hat sie die Probleme von Nahem erlebt. Trotz vielen Hindernissen steht sie zu ihrer Familie.

Sabine Kuster
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«Ohne Mann haben wir es sehr gut»

«Ohne Mann haben wir es sehr gut»

Melina ist ruhiger als ihre Mutter. «Meine Mutter kann nicht nichts machen», sagt Melina. Karin Seiler hat heute wieder Teigwaren selbst gemacht. In der Stube hängen über Stäben Nudeln zum Trocknen. Mit Origami hat sie zwar aufgehört, aber jetzt werden Hosen und ein Jugendfestkleid genäht.

AZ-Serie Armut im Aargau

In regelmässigen Abständen begleitet AZ-Redaktorin Sabine Kuster Familie Seiler. In der fünften Folge erzählt die älteste Tochter, wie es ist, am Existenzminimum zu leben.

Wer die ersten vier Artikel verpasst hat, findet sie unter diesem Text verlinkt.

Der Vater ist ihr fremd

Dass sie und ihre jüngeren Schwestern Kim (8) und Julia (6) nicht denselben Vater haben, störe sie nicht. Ihren eigenen Vater kennt sie kaum. Heute hat sie zwar mehr Kontakt, aber weil er ihr fremd ist, fühlt sie sich in seiner Gegenwart oft unwohl. Der Grossvater und Julias Vater sind ihr näher.

Bei Julias Vater in St. Gallen wohnte die Familie zwei Jahre lang. Melina war kurz vor der Pubertät. Es war die bisher schlimmste Zeit. Es gab viel Streit, die Mutter war überfordert. «Meine Mutter ist wie ausgewechselt, wenn Männer da sind», sagt Melina, «sie will dann alles richtig machen, eine gute Mutter und Ehefrau sein. Das geht nicht auf. Jetzt, ohne Mann, haben wir es sehr gut.»

Krisenzeit waren auch die Sommerferien vor zwei Jahren. Melina wollte abends in einer Bar arbeiten und schlief oft bei ihrem damaligen Freund. Ihre Mutter protestierte, hatte Angst, ihre Tochter gerate in schlechte Gesellschaft. Die Familienbetreuerin schickte sie zwei Wochen zu einer Pflegefamilie nach Thun.

Melina kannte niemanden, konnte ihren Freund nicht sehen, hatte sich mit der Mutter verkracht. «Eine Welt brach zusammen, ich dachte: Nun habe ich niemanden mehr.»

Die Mutter fehlte ihr

Sie kriegte Nasenbluten. Ihr Körper reagierte. Wie schon damals vor drei Jahren, als sich ihr Grossvater nicht mehr meldete. Damals kriegte sie Asthma. Asthma plagte sie auch, als sie neun Jahre alt war und ihre Mutter einen zweiten Job annahm, weil das Restaurant von Melinas Grossvater nicht rentierte.

«Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, sehe ich vor allem meine Grosseltern. Meine Mutter fehlte mir. Dass ich jetzt heimgehen kann und sie ist immer da, ist ein schönes Gefühl.» Mehrmals betont sie den guten Zusammenhalt der Familie.

Am Ende dieser schwierigen Sommerferien vor zwei Jahren verbündete sich Melina wieder mit ihrer Mutter, weil sie wütend auf die Familienbetreuerin war, die sie für zwei Wochen weggeschickt hatte.

Streit gab es auch seither ab und zu, aber Vorwürfe macht Melina ihrer Mutter keine. «Sie ist immer für uns da, wie könnte ich?»

Ihr Sackgeld ist knapp

Schon fast hat Melina ihr erstes Lehrjahr als Floristin geschafft. Sie hatte früh mit der Suche nach einer Lehrstelle in diesem beliebten Beruf begonnen und hatte am Ende sogar zwei Angebote. Im Monat verdient sie 450 Franken netto, doch 300 Franken fliessen übers Sozialamt in die Familienkasse. Das findet Melina nicht immer gerecht. Denn oft muss sie von ihrem Sackgeld auch die Kleider kaufen.

Wenn ihr Freund, mit dem sie seit eineinhalb Jahren zusammen ist, ihr ein Paar Hosen bezahlt, hat sie ein schlechtes Gewissen. «Man hat das schlechte Gewissen einfach», sagt sie, «und das Gefühl ich sei nichts wert, weil wir Sozialhilfe beziehen.»

Was würde sie denn anderen Jugendlichen raten, deren Familien Sozialhilfe beziehen? «Es ist wichtig, das Mittelmass zu finden zwischen der Familie und seinen eigenen Bedürfnissen», sagt sie. Trotz allem: «Das knappe Geld ist für mich kein Thema, ich habe es akzeptiert.»

Nur wenn etwas in der Schule früher extra kostete, spürte sie den Unterschied zu ihren Kameraden, die den Betrag ohne nachzudenken bei den Eltern einforderten. Und manchmal hat sie Angst, etwas könnte schiefgehen und auch sie würde als Erwachsene abhängig von Sozialhilfe.