Interview
Ökonom George Sheldon zum Schweizer Arbeitsmarkt: «Es wird keine zweite Entlassungswelle geben»

Die Prognose des Professors für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie fällt überraschend positiv aus: Bereits jetzt sei absehbar, dass die Wirtschaft keinen bleiben Schaden davontragen werde.

Sarah Kunz
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George Sheldon arbeitet als Professor an der Universität Basel. Er sieht der Zukunft nach der Pandemie zuversichtlich entgegen.

George Sheldon arbeitet als Professor an der Universität Basel. Er sieht der Zukunft nach der Pandemie zuversichtlich entgegen.

KEYSTONE/Martin Ruetschi

Wenn einer über den Schweizer Arbeitsmarkt Bescheid weiss, dann er: George Sheldon, Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie an der Universität Basel. Seit dem Ausbruch der Pandemie wirft er ein genaues Auge auf die Entwicklungen in der Wirtschaft, auf Stellenabbau und auf Stellenaufbau. Nun sagt er voraus, wie sich der Arbeitsmarkt in den nächsten Monaten entwickeln könnte.

Wie schätzen Sie den Schweizer Arbeitsmarkt momentan ein?

George Sheldon: Der massive Stellenabbau aus der ersten Welle hat sich gelegt, die Spitze haben wir im Sommer erreicht. Es gibt mittlerweile wieder weniger Entlassungen und auch die Dauer der Arbeitslosigkeit ist wieder gesunken. Klar, für alle Betroffenen ist die Situation nicht einfach. Aber gesamtwirtschaftlich betrachtet, steht die Schweiz überraschend gut da. Eine Trendwende ist mittlerweile eindeutig zu erkennen.

Wo führt diese Trendwende in den nächsten Monaten hin?

So eine Prognose ist immer schwierig, weil sich die Lage von Monat zu Monat ändert und die Zahlen für den November erst noch rauskommen. Aber die Werte deuten schon seit einiger Zeit darauf hin, dass es keine zweite Entlassungswelle geben wird. Die Schweizer Wirtschaft läuft gut. Sie wird voraussichtlich keinen bleibenden Schaden davontragen. Die Finanzkrise von 2009 hatte beispielsweise einen viel stärkeren Einbruch zur Folge. Darum bin ich zuversichtlich. Trotzdem werden wir wohl in nächster Zeit nicht auf das Niveau von vor der Krise kommen.

Wie unterscheidet sich die Situation regional?

Es gibt Kantone, die erweisen sich gegenüber Konjunktureinflüssen als robuster. Beispielsweise die Innerschweiz. Andere Kantone wie etwa Jura, Waadt oder das Wallis reagieren auf Einbrüche viel sensibler. In der Romandie wäre es also ohnehin zu mehr Entlassungen gekommen, da dort eine grundsätzliche Instabilität der Arbeitsplätze vorhanden ist. Hinzu kommt nun auch, dass diese Kantone stärker von der zweiten Welle getroffen wurden und deshalb stärkere Massnahmen ergreifen mussten.

Welche Branchen leiden besonders?

Anders als in vorherigen Krisen sind es dieses Mal nicht die klassischen Bereiche wie etwa die Banken. Jetzt leiden Gastrobetriebe, die Tourismusbranche, der Einzelhandel. Also überall dort, wo man direkt mit anderen Personen in Verbindung kommt. Für diese Branchen ist die Krise sehr schwierig. Denn sie haben keine Dienstleistung oder kein Produkt, das lagerfähig ist. Was diese Branchen anbieten, kann man nicht kompensieren. Wenn ich in diesem Winter nicht Skifahren gehen kann, hole ich das schliesslich nicht im Sommer nach. Deshalb werden sie die Krise länger zu spüren kriegen.

Aber auch im verarbeitenden Gewerbe wurden viele Stellen abgebaut.

Der Trend im sekundären Arbeitsbereich ist aber uralt. Dort nehmen die Äquivalente seit Jahren ab, weil Produktionsstätten zum Beispiel nach China verlagert werden. Und die Automatisierung hat natürlich immer mehr zugenommen, wodurch ohnehin ständig Stellen abgebaut werden. Das heisst aber nicht, dass diese Branche schwach wäre, sondern dass sie mit der Zeit weniger arbeitsintensiv wird.

Andere Branchen erfahren hingegen einen Beschäftigungszuwachs. Etwa im Gesundheits- und Sozialwesen, aber auch im Kredit- und Versicherungsgewerbe. Worauf führen Sie das zurück?

Der Zuwachs im Gesundheitsbereich überrascht nicht. Es liegt auf der Hand, dass man bei so vielen Fällen zusätzliches Personal benötigt. Dasselbe Prinzip gilt auch für die Versicherungen. Sie müssen sich einerseits mit der Grundsatzfrage beschäftigen, ob pandemiebedingte Ausfälle als versichertes Ereignis gelten. Andererseits gibt es mehr Fälle zu bearbeiten.

Handelt es sich also um einen kurzfristigen Trend?

Bei der Versicherungsbranche eher. Im Gesundheitswesen wird der Beschäftigungszuwachs aber nachhaltig bleiben.

Wieso?

Gesundheit ist ein Luxusgut. Mit dem Wohlstand nimmt auch die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen zu. Und der Wohlstand wächst – wie auch das Durchschnittsalter der Bevölkerung. Das verstärkt die Nachfrage nachhaltig.

Die Politik hat schon viel unternommen, um der Wirtschaft unter die Arme zu greifen. Haben die Massnahmen ausgereicht?

Aus rein wirtschaftlicher Sicht halte ich die Schweizer Politik für sehr vernünftig. Es gibt Kurzarbeit, wer stark betroffen ist, dem wird geholfen. Der Wirtschaft geht es ja offensichtlich nicht so schlecht wie befürchtet. Vielleicht hört man darum oft den Vorwurf, dass die Schweiz Menschenleben geopfert hat, um der Wirtschaft nicht zu schaden.