ONLINE: Günstig, aber wenig Datenschutz

Telefonieren übers Internet wird immer beliebter. Das «Voice over IP» verdrängt vermehrt Festnetz- und Mobilfunktelefonie. Jetzt buhlt ein neuer Anbieter um Kunden.

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Das Telefonieren
via Smartphone-App gewinnt laufend neue Nutzer. (Bild: Getty)

Das Telefonieren via Smartphone-App gewinnt laufend neue Nutzer. (Bild: Getty)

Andreas Lorenz-Meyer

WhatsApp gehört zu den Unternehmen, die unsere digitale Kommunikation stark beeinflusst haben. Mit dem Dienst lassen sich Textmitteilungen an andere verschicken. Ein einfacher, aber effektiver Service, der die gute alte SMS verdrängt hat. Heute zählt WhatsApp nach eigenen Angaben 800 Millionen Nutzer weltweit. Die können nun auch telefonieren. Der Dienst bietet neu eine Anruffunktion an: WhatsApp Call lässt sich per Update aufs Handy laden. Die Funktion steht seit März für das Betriebssystem Android zur Verfügung und seit kurzem auch für iPhones. Das Telefonsymbol ist auf der Kontaktseite zu finden. Durch Antippen baut sich die Verbindung auf. iOS-Nutzer können auch Android-Nutzer anrufen und umgekehrt. Hauptsache, beide Seiten haben WhatsApp installiert. Gespräche ins Fest- oder Mobilnetz sind aber nicht möglich.

Sicherheitslücken

Beim Datenschutz steht WhatsApp nicht gut da. Zwar werden Mitteilungen mittlerweile verschlüsselt, zumindest bei Android-Geräten und Nutzer können selbst festlegen, wer ihr Profilbild sehen kann, aber immer wieder treten Sicherheitslücken auf. Die Nutzungsbestimmungen samt Datenschutzerklärung gibt es nur in englischer Sprache, und Adressbuchdaten werden an Server in den USA übermittelt. Zudem gehört das Unternehmen zu Facebook, das für seine fragwürdige Datenschutzpolitik bekannt ist. Die neue Call-Funktion hatte keinen guten Einstand: Gespräche sollen ungefragt gespeichert worden sein. Im Prinzip sind Telefonate über Whats­App gratis. Jedoch können versteckte Kosten auftreten. Denn Internetanrufe verbrauchen viel Datenvolumen. Bei häufigem Telefonieren kann das Volumen, das die Telefonie-Flatrate vorsieht, schnell ausgeschöpft sein. Dieses Problem besteht bei allen VoIP-Diensten. Die haben aber alle den Vorteil, dass sich bei Aufenthalten im Ausland hohe Roaming-Gebühren vermeiden lassen. Voraussetzung: ein kostenloser WLAN-Zugang, zum Beispiel im Hotel oder im Restaurant.

Verschärfter Konkurrenzkampf

Theoretisch fangen jetzt Millionen von Nutzern an, über WhatsApp zu telefonieren. Facebook hat noch den eigenen Messenger im Rennen. Der Dienst bietet seit ein paar Tagen auch Videoanrufe an. Die Funktion läuft in 18 Ländern, vorerst jedoch nicht in der Schweiz. Andere VoIP-Anbieter dürften aufhorchen bei den neuen Funktionen, mit denen Facebook und WhatsApp den Konkurrenzkampf verschärfen; Skype etwa, der VoIP-Pionier, der zu Microsoft gehört. Mehrere hundert Millionen nutzen das Angebot. Skype bietet, anders als WhatsApp, auch Videotelefonate an und funktioniert auf dem PC, dem Mac, dem Smartphone und in Zukunft wohl auch auf der Xbox 360. Anrufe kosten nichts, sofern beide Gesprächsteilnehmer ­Skype installiert haben. Ansonsten fallen Gebühren an. Festnetzgespräche in die USA kosten 3 Rappen pro Minute. Wer häufiger telefoniert, nimmt eher ein Abo. Die Preise hängen vom Land ab, das man anwählt. Schweiz-Tarif (Festnetz): 6.41 Franken monatlich für 400 Freiminuten, 9.51 Franken für die Flatrate. Die Kosten für Festnetzverbindungen nach Deutschland: 400 Freiminuten je 2.25 Franken, Flatrate je 4.51 Franken. Gleich 24 europäische Länder sind im Festnetzpaket zu haben (11.89 Franken).

Auch bei Skype sollte man auf den Datenschutz achten. Seit 2015 gelten neue AGBs. Abschnitt 5.7 beschreibt nur ungenau, wie der Dienst mit Kommunikationsinhalten, etwa Videochats, umzugehen gedenkt. Bei den Verwendungszwecken heisst es: «... zum Beispiel die Übermittlung Ihrer Kommunikation an den vorgesehenen Empfänger.» Was neben der Übermittlung, also dem Kernservice, noch gemeint sein könnte, wird nicht verraten. Beobachter argwöhnen, dass ­Skype die Zweckbindung der Datenspeicherung aufgehoben hat.

Viber hat nach eigenen Angaben 300 Millionen Nutzer und ist mittlerweile im Besitz eines japanischen Unternehmens. Viber-Nutzer können kostenlos miteinander sprechen. Auch Anrufe mit Videoübertragung sind möglich, zwischen App-Nutzern, aber auch zwischen App und PC. Wer eine Handy- oder Festnetznummer wählt, muss auch hier Gebühren zahlen. Festnetz- und Mobilnummern in den USA erreicht man derzeit für etwa 2,1 Rappen pro Minute. Anrufe ins Mobilnetz der Schweiz kosten etwa 19,5 Rappen pro Minute. Registrierungen sind bei Viber nicht nötig, es reicht, die eigene Telefonnummer anzugeben. Was aber nicht bedeutet, dass der Dienst dem Datenschutz nahesteht. Er sammelt Daten ohne Zustimmung und Wissen der Nutzer.

Auch Google mischt auf dem VoIP-Markt mit. Google Hangouts erlaubt kostenlose Telefonate unter Google-Nutzern. Bei Festnetz- oder Mobilfunknummern sind Gebühren zu zahlen. Die Schweiz-Tarife: rund 2 Rappen pro Minute ins Festnetz und rund 14 Rappen ins Mobilnetz. Wobei die erste Minute bei Schweiz-Gesprächen und Telefonaten in 24 andere Länder gratis ist. Freuen kann sich, wer Freunde oder Bekannte in den USA oder Kanada hat: Gespräche dorthin sind gratis. Ein Datenschutzvorbild ist auch der Google-Dienst nicht. Die Smart Suggestions genannte Funktion analysiert Gesprächsinhalte.

Zahlreiche Schweizer Anbieter

Eine Reihe von VoIP-Diensten stammt aus der Schweiz. Sie heissen e-fon, Telephoenix, it:factory, Quickline oder Netvoip und bieten VoIP entweder im Abo oder per Guthaben. Sipcall wird von Backbone Solutions betrieben, einem Dienst aus Schindellegi SZ. Hier erhält man eine eigene Telefonnummer mit Schweizer Vorwahl oder übernimmt die bisherige. Anrufe gehen über ein VoIP-Telefon oder mit VoIP-Adapter über das normale Telefon. Sipcall rechnet minutenweise ab. Anrufe ins Schweizer Festnetz kosten 2,9 Rappen pro Minute, ins Mobilnetz zwischen 25,9 und 27,9 Rappen. Für das europäische Ausland sind 4,9 Rappen (Festnetz) beziehungsweise 39 Rappen (mobil) zu zahlen. Untereinander telefonieren Sipcall-Nutzer gratis.

Wie reagieren die klassischen Telekomanbieter auf die Entwicklung weg von klassischer Telefonie, hin zu VoIP? 2013 startete Swisscom die Smartphone-App iO. Sie ermöglicht neben Chats auch Telefonate und neuerdings Videoanrufe. Die Kunden sind unter ihrer üblichen Handynummer zu erreichen. Von iO-Nutzer zu iO-Nutzer ist das Gespräch gratis. Telefonate ins Schweizer Netz sind nur für Natel-Infinity-Kunden kostenlos. 15 Franken zahlen Postpaid-Kunden, 20 Franken die Prepaid-Kunden. Telefonate können auch ins europäische Ausland, in die USA und nach Kanada geführt werden. Zum Teil gratis, zum Teil kostenpflichtig. Inzwischen hat iO laut Swisscom 1,17 Millionen Downloads zu verzeichnen. Weitere Nutzungszahlen, etwa wie oft die Kunden über iO telefonieren, veröffentlicht das Unternehmen nicht. «Der Funktionserweiterung von Whats­App sehen wir gelassen entgegen», erklärt Olaf Schulze von Swisscom. Trotzdem soll iO noch attraktiver werden. Im Sommer erweitert man die App so, dass iO-Nutzer auch dann über ihre Handynummer erreichbar sind, wenn sie sich lediglich in einem WLAN-Netz befinden.