ONLINEHANDEL: Alibaba nimmt Kurs auf die USA

Den einheimischen Markt hat der chinesische Internetriese Alibaba längst erobert. Nun setzt er zum weltweiten Sprung an. Die Übernahme eines US-Zahlungsabwicklers ist ein erster grosser Schritt.

Felix Lee, Peking
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Angestellte der chinesischen Post sortieren Pakete während des Alibaba-Singles’-Day. (Bild: Getty (Ganyu, 11. November 2016))

Angestellte der chinesischen Post sortieren Pakete während des Alibaba-Singles’-Day. (Bild: Getty (Ganyu, 11. November 2016))

Felix Lee, Peking

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Eine Milliarde US-Dollar Umsatz in nicht einmal fünf Minuten – das dürfte weltweit nur ein Unternehmen schaffen: der chinesische Online-Händler Alibaba. Im vergangenen Jahr am 11. November war das. Wegen der vielen Einsen hatte der chinesische Konzern den Tag zum «Singles’ Day» ausgerufen und mit Rabatten 100 Millionen kaufwütige Chinesen auf seine Handelsplattformen gelockt. Innerhalb von 24 Stunden gingen Waren für über 17 Milliarden Dollar über die Online-Ladentheke. Unter anderem mit diesen Erlösen geht Alibaba nun selbst auf Einkaufstour.

Alibabas Tochterunternehmen, der Finanzdienstleister Ant Financial, steht kurz davor, den US-Zahlungsabwickler Money-Gram zu übernehmen. Insgesamt auf rund 1,2 Milliarden Dollar hat Ant Financial sein Angebot zuletzt erhöht – und damit den US-Konkurrenten Euronet World­wide ausgestochen. Der Verwaltungsrat von Money-Gram hat dem Angebot bereits zugestimmt. Derzeit prüft die in den USA für ausländische Investitionen zuständige Regulierungsbehörde CFIUS die Übernahme.

Mit Alipay auch Europa erobern

Alibaba will schon seit einiger Zeit auf dem heiss umkämpften Markt im US-Onlinehandel Fuss fassen. Dem chinesischen Unternehmen fehlte es bislang jedoch an einem eigenen Bezahldienst. Ganz anders in der Heimat. Mit Alipay hat Ant Financial ein digitales Bezahlsystem in China etabliert, das bereits von über einer halben Milliarde Kunden genutzt wird. In Peking haben viele Leute schon gar kein Bargeld mehr dabei. Denn selbst in herkömmlichen Geschäften genügt der Scan eines Barcodes mit der Alipay-App auf dem Smartphone – schon ist bezahlt.

Auch nach Europa will Alibaba mit seinem Bezahlsystem expandieren. So kündigte der Schweizer Zahlungsinfrastruktur-Spezialist SIX kürzlich an, europaweit Alipay-Zahlungen abwickeln zu wollen. Damit sollen vor allem die vielen chinesischen Touristen angesprochen werden, die mit Alipay in der Schweiz einfacher einkaufen können.

Der Mutterkonzern Alibaba selbst ist in seiner Heimat China mit seinen Diensten wie Taobao und Tmall gross geworden. Taobao ist eine Art riesiges Internetkaufhaus für Kleinanbieter. Darauf findet sich so ziemlich jeder Konsumartikel, den es auf der Welt gibt. Tmall bietet Unternehmenskunden eine Plattform. Mit diesen beiden Handelsplattformen macht Alibaba im Heimatland mehr Umsatz als Amazon und Ebay weltweit zusammen.

Auch in anderen Bereichen ist Alibaba eifrig dabei. Mit seiner Kinosparte Alibaba Pictures hat sich Firmengründer Jack Ma letzten Herbst eine Minderheitsbeteiligung bei der von US-Starregisseur Steven Spielberg gegründeten Filmgesellschaft Amblin Partners gesichert. Dazu gehören auch die Dreamworks-Studios, die Animationsfilme wie «Shrek» und «Kung Fu Panda» hervorgebracht haben. «Wir bringen mehr China nach Amerika und mehr Amerika nach China», erklärte Spielberg bei der Zeremonie. Die Zusammenarbeit mit Amblin Partners könne als «kulturelle Brücke dienen», teilte Ma mit.

Widerstand gegen China als Miteigentümer

Sogar in der Politik versucht Jack Ma mitzumischen. Im Handelsstreit zwischen den USA und China stellte Ma Anfang des Jahres bei einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump eine Million neue Arbeitsplätze in Amerika in Aussicht. Trump hatte zuvor China vorgeworfen, Arbeitsplätze in den USA zu zerstören, und mit hohen Zöllen auf Importe aus China gedroht. Ma versprach bei seinem Treffen mit Trump einen besseren Zugang kleiner und mittlerer US-Unternehmen zur Alibaba-Handelsplattform. Er rechnete vor: Jede Firma würde durch den Ausbau des Geschäfts im Schnitt eine neue Stelle schaffen. Das hörte ein Donald Trump natürlich gerne. Er werde gemeinsam mit Jack Ma «grosse Dinge» vollbringen, sagte Trump. Dabei war das bloss ein geschickter Schachzug von Ma: Denn eigentlich hatte er damit nichts anderes als die Expansion von Alibaba in den USA verkündet. Amazon und Ebay dürfte das nicht gefallen.

Allerdings erfährt Alibaba in den USA bereits seit geraumer Zeit jede Menge Gegenwind. Die US-Vorgängerregierung unter Barack Obama hatte den chinesischen Internetkonzern auf eine Liste von Schwarzmärkten gesetzt, die gestohlene Ware verkaufen. Alibabas Online-Angebot Taobao gebe grosse Mengen an gefälschten Produkten weiter, lautete der Vorwurf.

Und auch bei der Übernahme von MoneyGram durch Alibabas Tochterfirma Ant Financial regt sich Widerstand. Der US-Kongressabgeordnete Kevin Yoder, ein Republikaner, und seine Kollegin Eddie Bernice von den Demokraten fordern in einem offenen Brief an Finanzminister Steven Mnuchin eine «vollständige und gründliche» Prüfung der Übernahme, da zu befürchten sei, dass China Zugang zur Finanzinfrastruktur der USA erhält. Das würde «erhebliche nationale Sicherheitsrisiken» mit sich bringen, erklärten die Abgeordneten. Tatsächlich hält die chinesische Führung indirekt 15 Prozent an Ant Financial. Die Firmenleitung bestreitet jedoch einen direkten Einfluss Pekings. Alibabas Aufstieg sei eine Eigenleistung.