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ONLINEHANDEL: Computerzubehör im Thermokoffer

Der Kurierdienst von Pizza-Blitz und der Luzerner Informatikverkäufer Steg finden zusammen. Zwei Branchen setzen auf Tempo.
Bei Steg bestellt, gleichentags durch den Luzerner Pizza-Blitz ausgeliefert: Marcel Fuchs bringt die Onlinebestellung mit dem Motorrad an die Haustüre. (Bild: Boris Bürgisser)

Bei Steg bestellt, gleichentags durch den Luzerner Pizza-Blitz ausgeliefert: Marcel Fuchs bringt die Onlinebestellung mit dem Motorrad an die Haustüre. (Bild: Boris Bürgisser)

Daniel Zulauf

Bequemer, schneller, billiger – der Onlinehandel verändert sich in atemberaubendem Tempo, und dabei kommt ganz unverhofft auch die gute alte Filiale zu neuen Ehren. Der Luzerner Heimelektronikhändler Steg garantiert seinen Kunden seit gestern Lieferung am Bestelltag, sofern der Auftrag nicht später als um 18 Uhr erfolgt. «Wir revolutionieren den Schweizer Markt», sagt Steg-Geschäftsführer Lorenz Weber über sein modernes «Same-Day-Lieferkonzept». Der 35-jährige Schaffhauser Selfmade-Unternehmer, der Steg vor weniger als zwei Jahren in einem schlechten Zustand übernommen hatte, geht in der Tat neue Wege. Für die Auslieferung der Ware sorgen Pizza-Blitz und andere lokale Kurierdienste. Abgedeckt werden die zehn grössten städtischen Zentren in allen Sprachregionen mit insgesamt 3 Millionen Einwohnern. Geliefert wird zwischen 18 und 21 Uhr von Montag bis Freitag zum Preis von 9.50 Franken pro Lieferung.

Filialen als Regionallager

Die 16 Filialen, die einst das Rückgrat der über zwanzigjährigen Zentralschweizer Steg-Gruppe gebildet hatten, im Lauf der Zeit aber zunehmend zur Ballast der Onlinepionierin wurden, erleben unter ihrem neuen Eigentümer Lorenz Weber und dessen pcp.com-Gruppe eine unverhoffte Renaissance. Nicht nur behalten die Standorte ihre angestammte Funktion als Ladengeschäfte, vielmehr werden sie zusätzlich als Regionallager für den Sofortlieferdienst genutzt, und die Filialen könnten in den Bereichen Kundenbindung und Dienstleistung weitere Zusatzaufgaben erhalten.

Weber rechnet vorerst mit drei bis fünf Bestellungen pro Tag und Filiale. Das tönt nach wenig, ist aber immerhin schon 1 bis 2 Prozent des Bestellvolumens. Doch eigentlich weiss Weber noch gar nicht, wie die Kunden sein neues Angebot aufnehmen werden. «Prognosen sind extrem schwierig», sagt er im Rahmen einer kleinen Medieninformation im Pizza-Blitz-Restaurant in Oerlikon. Direkt vergleichbare Angebote gibt es in der Schweiz noch keine. Konkurrent Brack.ch liefert per Post und offeriert den Kunden einen Abholservice in den Zentrallagern von Mägenwil AG und Willisau LU. Microspot.ch (Coop-Gruppe) betreibt über ihre 20 Standorte einen sogenannten Speed-Abholdienst, und Digitec (Migros) liefert seit neustem zwar auch samstags, wenn die Ware bis spätestens am Freitag, 17 Uhr, bestellt ist. Aber Bestellen und Liefern am gleichen Tag ist auch beim Marktführer noch nicht im Programm.

Lieferzeit wird wichtiger

Umso mehr freut sich der Herausforderer aus der Zentralschweiz, und Lorenz Weber wagt ein paar überraschende Prognosen: «Filialen wird es auch in zwanzig Jahren noch geben», prophezeit er ohne jeden Anflug von Wunschdenken. Tatsächlich nimmt das Liefertempo im Onlinehandel rasant zu und dürfte in den nächsten Jahren zum entscheidenden Erfolgsfaktor werden. Patrick Kessler, Präsident des Verbandes des Schweizerischen Versandhandels, prophezeit, dass in den nächsten fünf Jahren die ersten Onlinebestellungen schon binnen einer Stunde ausgeliefert werden können. Das Tempo führt dazu, dass verbreitete Logistikkonzepte wie die Heimlieferung in einem voraus definierten Zeitfenster obsolet werden könnten.

«Die Liefergeschwindigkeit nimmt mit steigenden Bestellmengen zu», erklärt Kessler die Ökonomie des Onlinehandels, und dieser gewinnt auf Kosten des traditionellen Handels laufend Terrain. Einer Umfrage des Branchenverbandes zufolge haben 2015 die Verkäufe im Online- und Versandhandel um 7,5 Prozent zugenommen, während der Umsatz im stationären Handel um 2,3 Prozent rückläufig war. Heimelektronik bildet mit einem Umsatz von 1,65 Milliarden Franken das mit Abstand grösste Segment im Onlinehandel. Der Marktanteil beträgt bereits 26 Prozent. «Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten», sagt Kessler.

Amazon macht Tempo

Computerhändler Lorenz Weber hat in Erwartung der fortgesetzten Entwicklung schon weitergehende Pläne im Kopf, deren Umsetzung teilweise bereits vollzogen ist. Die Steg-Filialen nutzt der findige Unternehmer inzwischen auch als Schulungsräume für Kundenworkshops. In ein bis zwei Jahren könnte ein noch ehrgeizigeres Lieferkonzept Realität werden, das der weltgrösste Onlinehändler Amazon derzeit in New York testet. Mit Blick auf das veränderte Bestellverhalten von Geschäftskunden, die ebenfalls zunehmend online einkaufen, offeriert Amazon in Manhattan seit neuerem auch tagsüber einen Lieferdienst, der eine Lieferzeit innerhalb von zwei Stunden garantiert.

Ähnliche Projekte scheint der US-Konzern auch in Europa zu verfolgen. Vor kurzem machte ein Gerücht die Runde, Amazon wolle mitten in Berlin ein Verteilzentrum errichten. Der Onlineriese, der seine Logistikzentren bislang fernab von den urbanen Zentren an möglichst preisgünstigen Standorten errichtet hat, scheint den Wert der Kundennähe nun ebenfalls zu entdecken.

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