Arbeitswelt
Onlinehändler Amazon verbietet Angestellten das Reden bei der Arbeit

Ein neues Buch deckt die harten Arbeitsbedingungen beim US-Onlinehändler Amazon auf. Lagermitarbeiter legen pro Nacht gerne 20 Kilomter zu Fuss zurück. Beim einpacken der Ware ist Reden verboten. Das würde wertvolle Zeit kosten.

Stefan Brändle, Paris
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Arbeit mit beschränktem Spassfaktor: Ein Amazon-«Packer» macht einen Karton versandbereit.Keystone

Arbeit mit beschränktem Spassfaktor: Ein Amazon-«Packer» macht einen Karton versandbereit.Keystone

Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört zu den mitteilungsfreudigen Internet-Tycoons. Er erteilt der gesamten Branche Ratschläge, und seine gut 50 000 Angestellten – die er aus unerfindlichen Gründen «Teilhaber» nennt, obwohl sie an seinem persönlichen Vermögen von über 25 Milliarden Dollar nicht beteiligt sind – motiviert er mit vollmundigen Slogans wie: «Arbeite hart, hab Spass, schreib Geschichte.»

Wer aber wissen will, wie es hinter der Fassade des drittgrössten Internetkonzerns (nach Google und Facebook) zu- und hergeht, wird vom Kommunikationsdienst systematisch abgewiesen. Das geschah auch dem Franzosen Jean-Baptiste Malet. Der 26-jährige Journalist ersuchte vergeblich um die Erlaubnis, das Amazon-Lager im südfranzösischen Montélimar – einem von drei Standorten in Frankreich – zu besuchen. Darauf befragte er Angestellte am Eingang, doch sie schwiegen allesamt mit Verweis auf eine Vertraulichkeitsklausel in ihrem Arbeitsvertrag.

So bewarb sich der Reporter mit dem unauffälligen Studentenlook selbst um einen Job. Über eine Teilzeitagentur wurde er prompt als «Picker» angeheuert – für die Nachtschicht von 21.30 bis 4.50 Uhr. Seine Aufgabe war es, in dem 36 000 Quadratmeter grossen Hangar bestellte Artikel zusammenzutragen. «Picker sind effizienter als Roboter», schreibt Malet in dem Buch «En Amazonie» (In Amazonien), das er aufgrund seiner Erfahrung verfasst hat. «Der Tragcomputer berechnet in Echtzeit, welchen Artikel ich gerade suchen muss, je nach meiner geografischen Position im Lager, die ihm genau bekannt ist. Eine Software organisiert meine Gänge, damit die Laufzeit zwischen zwei Artikeln nie mehrere Dutzend Sekunden überschreitet.»

Dabei schreiten die «Pickers», wie Malet ausrechnete, pro Nacht ungefähr eine Distanz von 20 Kilometern ab. Sie sammeln die Bücher, DVDs und – heute noch zahlreicher – Elektroartikel ein, die die «Stowers» zuvor in die Regale gestellt hatten. Danach füllen die «Packers» die Artikel in die Versandkartons. Der Spass ist beschränkt: Reden ist verboten: Die Teilhaber haben bei der Arbeit kein Recht darauf. Ein Wortwechsel kann wertvolle Sekunden kosten.

In der siebenstündigen Arbeitszeit ist eine zwanzigminütige Pause enthalten; eine zweite Pause geht auf die Kosten der Angestellten, sprich Teilhaber. Die Stechuhr ist direkt am Arbeitsplatz platziert, obwohl Eingang und Pausenareal auf dem gigantischen Firmengelände mehrere Minuten entfernt liegen. Damit schrumpft die effektive Erholungsphase auf fünf Minuten, wie Malet feststellen musste. Dann ist Spass angesagt: Auf Weisung Bezos’ sind alle Mitarbeiter per Du.

Steuern zahlt Amazon anderswo

Malet verstand plötzlich, warum die Gewerkschaften und die Direktion um Details wie die Platzierung der Stechuhr stritten: «Wenn man die zwölf Minuten, um die man jeden Tag gebracht wird, mit tausend Angestellten multipliziert, macht das pro Lager 200 unbezahlte Arbeitsstunden am Tag.» Weltweit verdient Amazon damit jährlich Millionen. Und das nur, weil die Stechuhr an einem bestimmten Ort steht.

Auf diese Weise optimiert Amazon die Abläufe und seine weltweit über 90 000 Mitarbeiter, zu denen an Weihnachten zahllose Kurzarbeiter stossen. Jeder noch so geringe Zeitgewinn ist Teil von Bezos aggressiver Wachstumsstrategie, die in Frankreich bereits eine vierte Lagerzentrale nötig macht. Seine Steuern zahlt Amazon aber anderswo. «Die Kunden, die Sammellager und die Arbeiter befinden sich zwar physisch meist in Frankreich, doch die Kasse liegt in Luxemburg», schreibt Malet mit Blick auf den Steuersitz von Amazon Europe.

Das Unternehmen zahlt in Frankreich keine Mehrwertsteuer, erhält aber – wie auch in Deutschland durch einzelne Bundesländer – Subventionen. Dafür schafft Bezos Arbeitsplätze. Malet rechnet allerdings vor, dass der traditionelle Buchhandel «18-mal mehr Stellen schaffen würde als der Internetversand, dessen Flaggschiff heute Amazon ist». Indirekt zerstöre das öffentliche Geld also mehr Arbeitsplätze in den herkömmlichen Buchhandlungen, als es in den Amazon-Lagern schafft.