OPTIK: Elefantenhochzeit im Brillen-Geschäft

Der weltweit grösste Hersteller von Brillengestellen, die italienische Luxottica, fusioniert mit dem französischen Brillenglas-Produzenten Essilor, ebenfalls ein Leader im Weltmarkt. Es entsteht ein Brillenkonzern mit 140000 Angestellten.

Dominik Straub/Rom
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Die italienische Luxottica fusioniert mit dem französischen Brillenglas-Produzenten Essilor, ebenfalls ein Leader im Weltmarkt. (Bild: AP/Michel Euler)

Die italienische Luxottica fusioniert mit dem französischen Brillenglas-Produzenten Essilor, ebenfalls ein Leader im Weltmarkt. (Bild: AP/Michel Euler)

Dominik Straub/Rom

 

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Ein beträchtlicher Teil der Menschheit trägt ihre Produkte täglich auf der Nase, aber der Name der Hersteller dürfte den wenigsten geläufig sein: Luxottica und Essilor. Bei Luxottica sind zumindest die Konzernmarken ein Begriff: Zum italienischen Weltmarktführer bei der Herstellung von Brillengestellen gehören weltberühmte Marken wie Ray-Ban, Oakley, Vogue Eyewear, Persol und Alain Mikli. Unter Lizenz produziert Luxottica auch Brillen für Armani, Bulgari, Chanel, DKNY, Prada und zahlreiche andere ­Luxuslabels. Die Gläser wiederum stammen meist von Essilor.

Nun wollen Luxottica und Essilor ihre Kräfte bündeln, wie die beiden Unternehmen gestern bekannt gegeben haben. Geplant ist eine der grössten Fusionen der jüngeren europäischen Wirtschaftsgeschichte: Luxottica erzielte 2015 mit seinen 78000 Mitarbeitern ­einen Umsatz von knapp 9 Milliarden Euro; Essilor kam mit 61000 Angestellten auf einen Umsatz von 6,7 Milliarden Euro. Der gemeinsame Börsenwert liegt derzeit bei 46 Milliarden Euro, der operative Gewinn bei rund 3,5 Milliarden Euro. Die geplante Fusion liess die Aktienkurse beider Unternehmen gestern um bis zu 20 Prozent ansteigen.

Vorausgesetzt, dass die bisherigen Aktionäre sowie die italienischen und französischen Behörden der Elefantenhochzeit zustimmen, soll der neue Konzern «Essilor Luxottica» an der Pariser Börse kotiert werden. Der Gründer und Patron von Luxottica, Leonardo Del ­Vecchio, ist als Exekutiv-Präsident vorgesehen, Essilor-Chef Hubert Sagnières wird als Vizepräsident mit gleichen Befugnissen amtieren.

Del Vecchio, mit einem Vermögen von 18 Milliarden Euro zweitreichster Italiener nach der Ferrero-Witwe Maria Franca Fissolo, wird über seine Familienholding Delfin mit 31 bis 38 Prozent grösster Aktionär des neuen Unternehmens sein. Die Fusion soll in der zweiten Jahreshälfte unter Dach und Fach gebracht werden.

Gestelle und Gläser unter einem Dach produziert

«Mit dem Zusammenschluss wird für mich ein Lebenstraum wahr», erklärte gestern der 81-jährige Leonardo Del Vecchio. Dass eine Fusion von Brillengestell-Produzenten und Brillenglas-Herstellern die richtige Lösung sei, habe man längst gewusst; der Zusammenschluss der beiden Leader in ihren Bereichen werde «grosse Vorteile für die Unternehmen, ihre Mitarbeiter und auch für die Kunden bringen», betonte Del Vecchio.

Gestelle und Gläser würden in Zukunft unter einem einzigen Dach projektiert, realisiert und in 150 Länder der Welt vertrieben. Analysten erwarten von der Megafusion Synergien im Wert von 400 bis 600 Millionen Euro jährlich. Das Geschäft mit Sonnen- und Korrekturbrillen gilt als ausgesprochener Wachstumsmarkt, vor allem in den Schwellenländern Asiens, Südamerikas und Afrikas.

Von den heute 7,3 Milliarden Erdenbewohnern haben laut Statistik 4,6 Milliarden (63 Prozent) eine Brille nötig – aber nur erst 1,9 Milliarden konnten sich eine kaufen. Zwar wird sich nicht jeder der 2,7 Milliarden Menschen, die noch keine Brille haben, eine Ray-Ban oder eine Armani leisten können – aber der neue Konzern wird sich in den nächsten Jahren mit Sicherheit nicht über mangelnde Nachfrage beklagen können.

Vom Waisenkind zum Milliardär

Der designierte Konzernchef Leonardo Del Vecchio hat eine Karriere hinter sich, die einer italienischen Variante des «amerikanischen Traums» entspricht: In Apulien als Sohn eines «fruttiven­dolo» (Früchteverkäufers) und eines Dienstmädchens geboren, verlor er mit sieben Jahren seinen Vater und kam in ein Mailänder Waisenhaus.

Schon im zarten Alter von 14 Jahren beginnt er mit der Herstellung von Brillengestellen. Mit 20 macht er sich selbstständig, 1961 gründet Del Vecchio in der Nähe von Belluno die Luxottica mit zunächst zehn Angestellten. Erst arbeitet er als Zulieferer für andere, 1971 entwirft er seine erste eigene Kollektion. Dann kamen die grossen Labels und der Sprung über die Grenzen Italiens. Heute ist das bettelarme Waisenkind aus dem tiefen Süden nicht nur Milliardär, sondern einer der erfolgreichsten Unternehmer Italiens.

Ein wachsender Milliardenmarkt

Marktforscher Luxottica und Essilor gehen davon aus, dass derzeit weltweit 2,7 Milliarden Personen an einer Sehschwäche leiden, die sie nicht korrigiert haben. Das Potenzial für die Hersteller scheint also riesig. Einerseits spielen hierbei die vielen Babyboomer eine Rolle, die in ein Alter kommen, in dem man kaum mehr ohne Brille auskommt. Gleichzeitig gibt es aber auch Innovationen und Trends, die den Markt befeuern. In den letzten Jahren sind auch in der Schweiz einige neue Hersteller entstanden wie etwa Invu, Einstoffen, Strada del Sole, Swisshorn, Luks oder Viu. An Viu hat sich letztes Jahr Calida-Chef Reiner Pichler persönlich beteiligt. 

Auch das Segment der Luxus-Sonnenbrillen befindet sich im Aufwind – und in diesem Bereich ist Luxottica sehr gut positioniert. Die Branche sieht sich allerdings zunehmend mit Fälschungen konfrontiert. Der weltweite Markt für Brillen, Gläser, Sonnenbrillen und Kontaktlinsen war 2015 gemäss Marktforschern 102,7 Milliarden US-Dollar wert. Prognostiker gehen davon aus, dass der Sektor bis zum Jahr 2020 auf ein Volumen von 144 Milliarden Dollar ansteigen wird. Das würde einer jährlichen durchschnittlichen Wachstumsrate von rund 7 Prozent entsprechen.

mim

Bild: Grafik LZ

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