OUTSOURCING: Schurters verlängerte Werkbank in Tschechien

Immer mehr Maschinen und Arbeitsschritte hat Schurter in den vergangen Jahren nach Tschechien verlagert. Heute ist Malá Skála einer der grössten Standorte des Luzerner Unternehmens im Ausland.

Roman Schenkel, Malá Skála
Merken
Drucken
Teilen
Hoher Frauenanteil: 80 Prozent der Angestellten am Standort Malá Skála sind weiblich. (Bild: Roman Schenkel)

Hoher Frauenanteil: 80 Prozent der Angestellten am Standort Malá Skála sind weiblich. (Bild: Roman Schenkel)

Die Maschinen laufen so zuverlässig wie vor einem Vierteljahrhundert. 1990 hat die Firma Schurter sie nach Tschechien verlagert. Hier produzieren sie noch heute Sicherungshalter. Nachdem sie zuerst in einer alten Turnhalle standen, danach für ein paar Jahre in einem unbenutzten Kindergarten, stehen sie heute in einem modernen Produktionsgebäude etwas ausserhalb der Ortschaft Malá Skála. Das Dorf liegt im «Böhmischen Paradies», einer Mittelgebirgslandschaft im Nordosten Tschechiens. Die Jizera fliesst gemächlich durchs Tal. Im Sommer ist die Flussebene gut gefüllt mit campierenden Holländern. Im Frühjahr tritt der Fluss regelmässig über die Ufer. Die Gebäude auf Flusshöhe sind auf einer Art Sockel gebaut – auch die Produktionsgebäude von Schurter. Es sind die Lehren aus der Vergangenheit.

Tschechien war einer der ersten Produktionsstandorte der ­Luzerner Traditionsfirma ausserhalb der Schweiz. In den 90er-Jahren startete Schurter mit 13 Mitarbeitenden. Die Wahl des Standorts fällt in die Kategorie Zufall: «In Luzern arbeitete ein Tscheche, der aus dieser Region kam», erzählt Ralph Müller, CEO der Schurter-Gruppe. Dieser stamme aus der Region Malá Skála und wollte zurück in seine Heimat. «Er hat in den 90er-Jahren den Aufbau unserer Produktion hier geleitet», sagt Müller.

Frankenschock gut überstanden

In den letzten beiden Jahrzehnten hat das Unternehmen mehr und mehr Maschinen und Arbeitsschritte nach Tschechien verlagert. Von Jahr zu Jahr ist Malá Skála im Firmengeflecht von Schurter etwas wichtiger geworden. Heute ist es einer der grössten Standorte der Schurter-Gruppe im Ausland. «Es ist sozusagen die verlängerte Werkbank von Luzern», sagt Müller.

Jaroslaw Marx ist seit Anfang an dabei. Zuerst als Produktionsleiter, seit 1999 als Geschäftsführer in Malá Skála. 200 Mitarbeitende hat er unter sich – gut 80 Personen hat er allein 2017 neu angestellt. Das starke personelle Wachstum liegt am Ausbau, den Schurter hier vorgenommen hat. «Wir haben die Produktionsfläche verdoppelt», sagt Ralph Müller. Der Grund: der starke Franken. Das Ende des Euro-Mindestkurses 2015 hat der Firma die Umsätze und die Margen wegschmelzen lassen. «Wir mussten reagieren», erzählt Müller beim Gang durch die Fertigung. Das Szenario war düster: Ohne entsprechende Massnahmen hätten sich zwei Drittel des budgetierten Gewinns in Luft ausgelöst. 10 Prozent aller Arbeitsplätze standen auf dem Spiel. Schurter beschloss, die Pläne für den Ausbau der Fabrik in Tschechien zu beschleunigen. 4,6 Millionen Franken hat Schurter in Malá Skála seit 2015 investiert. Mitte Juni wurde die vergrösserte und modernisierte Produktionsstätte mit einem Tag der offenen Tür und einer grossen Feier eingeweiht. Höhepunkt: der Auftritt des tschechischen Schlagerstars Karel Gott («Biene Maja»).

Sechs helle Produktionshallen umfasst die neue Werkstätte. In fünf der Hallen wird bereits fleissig gearbeitet. Sicherungshalter, Gerätestecker, Sicherungen für Industriegeräte – bei den hier hergestellten Produkten wird ein beträchtlicher Teil der Arbeit noch von Hand gemacht. Die Produkte werden zwar maschinell vorgefertigt, beim Finish oder etwa beim Prüfen der Qualität ist aber Handarbeit gefragt. Viele der Angestellten sind Frauen. «80 Prozent unserer Angestellten sind weiblich», bestätigt Marx. Pro Jahr werden in Malá Skála 300 Millionen Teile hergestellt. Zweimal pro Woche fährt ein Lastwagen die Waren nach Luzern. Einmal pro Quartal geht eine Schiffslieferung nach USA und nach Singapur.

«Mit dem Ausbau des Werks in Tschechien werden nun rund 85 Prozent unserer Produkte im Ausland hergestellt», sagt Müller. Der Hauptsitz in Luzern hingegen habe sich zum Kompetenzzentrum für die ganze Gruppe entwickelt. Das sichert die Arbeitsplätze am Hauptsitz in Luzern. Deren Zahl hat sich in den vergangenen Jahren konstant bei über 300 Mitarbeitern bewegt. «Der Bau der Automaten und Prototypen findet immer noch in Luzern statt, die Serienfertigung grösstenteils aber im Ausland», sagt Müller. Mit dieser Strategie hat Schurter den Frankenschock durchgestanden. Nach einem durchzogenen Jahr 2015 zeigten die Geschäftszahlen aus dem Jahr 2016 wieder nach oben. Fürs laufende Jahr rechnet die Firma mit einer weiteren Verbesserung.

Mit der Produktion in Tschechien ist der Luzerner Familienbetrieb in bester Gesellschaft. Die tschechische Wirtschaft boomt. Die Wirtschaft soll heuer um 2,8 Prozent wachsen. Das Land hat mit rund vier Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote der EU. Die 1,5-stündige Autofahrt von Prag nach Malá Skála führt vorbei an unzähligen Fabriken. Kia, Hyundai, Škoda – die für Tschechien so wichtige Automobilindustrie ist unübersehbar.

Autobranche als grösste Konkurrenz

Im laufenden Jahr haben die Autoproduzenten ihre Produktionen stark hochgefahren, auch die LKW-Legende Tatra Trucks erlebt einen Aufschwung. «Im personellen Bereich ist die starke Automobilbranche eine grosse Konkurrenz», erzählt Christian Holzgang, CEO der Schurter AG, des grössten Geschäftsbereichs der Schurter-Gruppe. Das Problem: In der Autobranche werden deutlich höhere Löhne bezahlt. «Das Salär ist rund doppelt so hoch wie bei uns», sagt Holzgang. Regelmässig werden gute Leute abgeworben. «Das ist eine grosse Herausforderung für uns, denn der tschechische Arbeitsmarkt ist total leer», sagt Holzgang.

Das zeigt sich auch am Lohnniveau: Der Mindestlohn in der Industrie und Montage, wo Schurter tätig ist, wurde von 9700 tschechischen Kronen im Jahr 2015 auf aktuell 17000 Kronen angehoben. «Damit ist auch der Durchschnittslohn stark angestiegen», sagt Marx. Er betrug 2011 9600 Kronen, aktuell liegt er bei knapp 20000 Kronen. Am einfachsten sei der steigende Wohlstand am Parkplatz zu erkennen, sagt Marx. «Früher kamen nur wenige Mitarbeiter mit dem Auto, heute fast jeder», sagt er und weist auf die Autos, die dicht an dicht parkiert sind. Ein hoher Zaun umgibt die Schurter- Fabrik. «Hier wimmelt es von Wildschweinen», erklärt Marx.

Der Parkplatz dürfte in Zukunft noch stärker belegt sein. «Die Zahl der Angestellten wird sich auf rund 280 erhöhen», sagt Müller. Die Werkbank in Tschechien wird noch länger.

Roman Schenkel, Malá Skála