Pannen und Evakuierungen bei den SBB: Bei der Zuverlässigkeit überholt der Doppelstöcker den Giruno-Zug von Stadler

Die Verlässlichkeit der als «Schüttelzüge» bekannten Doppelstock-Züge FV-Dosto hat sich stark verbessert. Der Index-Wert liegt sogar höher als bei den neuen grenzüberschreitenden Fernverkehrszügen Giruno von Stadler. Allerdings ist der FV-Dosto bereits länger auf der Schiene und nur für den Betrieb in der Schweiz ausgelegt.

Gerhard Lob
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Der Giruno (im Bild) liegt bei den Zuverlässigkeitswerten derzeit hinter dem neuen Doppelstock-Zug von Bombardier.

Der Giruno (im Bild) liegt bei den Zuverlässigkeitswerten derzeit hinter dem neuen Doppelstock-Zug von Bombardier.

SBB

Der ab Ende 2018 von den SBB eingesetzte Doppelstock-Zug FV-Dosto ist lange heftig kritisiert worden. Er wurde als «Schüttel- und Lotterzug» gebrandmarkt. Tatsächlich blieb er relativ häufig stehen; im Oberdeck wackelte es kräftig; Türstörungen und Softwareprobleme sorgten für viel Ärger. Die Probleme brachten den inzwischen abgetretenen CEO Andreas Meyer in Bedrängnis. In der Öffentlichkeit wurde der Chef persönlich für die Probleme verantwortlich gemacht.

Inzwischen ist es ruhig geworden um den FV-Dosto. Aus gutem Grund. Seine Verlässlichkeit hat sich im laufenden Jahr deutlich verbessert. Auch um die Informationen ist es gut bestellt. Hielten sich SBB und Herstellerin Bombardier lange mit Auskünften zurück, so haben sie inzwischen eine Kehrtwende vollzogen und versorgen die Öffentlichkeit über die Webseite swissdosto.ch transparent mit Informationen.

Dort ist beispielsweise nachzulesen, dass der für die Verlässlichkeit wichtige MDBI-Wert in diesem September 8'079 Kilometer erreichte und seit Februar nicht tiefer lag. Dieser Wert misst die erzielten, durchschnittlichen Distanzen zwischen betrieblichen und technischen Ereignissen, also Störfällen («Mean Distance Between Incidents»). Zum Vergleich: Nach Inbetriebnahme im Januar 2019 lag dieser Wert beim FV-Dosto bei tiefen 1'385 Kilometer.

SBB sind mit Bombardier-Zug zufrieden

«Die Zuverlässigkeit hat sich auf über 8000 km MDBI stabilisiert, was der Anforderung der SBB für einen uneingeschränkten Betrieb entspricht», kommentiert SBB-Sprecher Oli Dischoe. Bombardier geht davon aus, dass die Zuverlässigkeit von mindestens 10'000 km MDBI per Ende 2020 erreicht werden kann, wie Unternehmenssprecher Andreas Bonifazi anfügt.

Die SBB hatten 2010 die Lieferung für 62 Doppelstockzüge beim kanadischen Konzern in Auftrag gegeben. Mit 1,9 Milliarden Franken war es für die SBB die grösste Rollmaterial-Bestellung ihrer Geschichte. Die Lieferung hätte 2013 beginnen sollen, doch es kam zu erheblichen Verspätungen. Inzwischen sind 40 Kompositionen im Besitz der SBB. Bis Frühjahr 2022 soll die letzte Garnitur geliefert sein.

Spärlicher fliessen die Informationen zum zweiten Fernverkehrs-Zugstyp, dem Giruno, den die SBB im Rahmen eines Grossauftrags beim Thurgauer Rollmaterial-Hersteller Stadler 2014 bestellt hat. Ein Auftrag über 980 Millionen Franken. Seit Dezember 2019 verkehren diese via Gotthard-Achse, teilweise auch von und bis Mailand.

26 von 29 bestellten Zügen sind bis anhin pünktlich geliefert worden, davon sind im Schnitt 22 im Einsatz. Die verbleibenden Kompositionen werden für Schulungen eingesetzt. Im November soll ein weiteres Fahrzeug ausgeliefert werden, die restlichen beiden im ersten Quartal 2021.

Auch Stadler gibt sich optimistisch

Wie steht es um deren Verlässlichkeit? «Die neuen Giruno-Züge entsprachen in den ersten Wochen nach dem Fahrplanwechsel 2019/20 bezüglich Zuverlässigkeit noch nicht den Erwartungen der SBB», hält Dischoe fest. Er spricht von «Kinderkrankheiten». Inzwischen hätten einige dieser Störungsursachen durch gezielte Massnahmen entschärft werden können. Behoben sind die Mängel allerdings nicht ganz.

Es kommt immer wieder zu Pannen. Das berichten auch Kunden, die häufig zwischen der deutschen Schweiz und dem Tessin unterwegs sind. Am Morgen des 14. September blieb ein Doppelkomposition aus zwei Giruno-Triebzügen ausgerechnet bei einer Erstfahrt im kommerziellen Vorbetrieb durch den neuen Ceneri-Basistunnel in der Röhre stecken. Die Reisenden – zirka 150 Personen - mussten evakuiert werden.

Auf Anfrage erklärt Stadler, dass der MDBI-Wert zu Beginn bei 3000 km lag, im März 2020 auf 6000 km stieg und seither auf diesem Niveau verharrt. Damit liegt der Wert noch deutlich unter dem von den SBB angestrebten Zuverlässigkeitsziel von 8000 km. Stadler gibt sich aber optimistisch, weil eine Reihe von Verbesserungen eingeleitet wurden. «Zusammen mit anderen Massnahmen an der Fahrzeugtechnik – beispielswiese Software, Aussentüren, Zugsicherung - und im Betrieb - wie Schulung, Hotline, Infrastruktur- wird ein Zielwert des MDBI bis Ende Jahr von 10‘000 km erwartet», präzisiert Stadler-Sprecher Andreas Petrosino.

Zum Giruno-Zug sagen die SBB: «Wir erhalten von unseren Kundinnen und Kunden positive Rückmeldungen zu den grosszügigen Platzverhältnissen und der modernen Gestaltung und Ausstattung der Züge.» Tatsächlich werden diese Aspekte häufig gelobt. Es gibt aber auch vereinzelt Kritik, beispielsweise zu den als hart empfunden Sitzen mit sehr vertikalen Rücklehnen sowie zu einer Raumaufteilung, die trotz ihrer Grosszügigkeit stark an Nahverkehrszüge erinnert. Sehr kundenfreundlich und einzigartig für einen internationalen Fernverkehrszug ist der niveaugleiche Einstieg, der die Nutzung für mobilitätseingeschränkte Kunden erleichtert, aber auch die geschlechtsgetrennten Toiletten.

Paradestrecke und Italien-Züge

Hier verkehren FV-Dosto und Giruno

Aktuell verkehren die Doppelstöcker FV-Dosto auf den Linien IR13/37 (Basel–) Zürich–St. Gallen–Chur, RE Zürich-Chur, IC3 (Chur- Basel SBB) und auf der Paradestrecke St. Gallen-Genf als IC1. Die SBB planen zudem ab April 2021 einen Einsatz des FV Dosto auf der Nord-Süd-Achse mit IC2 und IC21 bis Lugano (die Tauglichkeit für Gotthard- und Ceneri-Basistunnel ist gegeben) sowie durchgebundene Züge zwischen Chur und Luzern (via Zürich). Die Nord-Süd-Verbindung via Gotthard ist die Stammachse für die Giruno-Züge von Stadler. Drei Zugspaare verkehren zwischen Zürich und Mailand. Ab Fahrplanwechsel im Dezember werden alle SBB-Verbindungen Zürich–Milano inklusive den geplanten Weiterführungen nach Bologna und Genua mit dem Giruno gefahren.