PARIS/BAAR: Sika-Streit: Saint-Gobain droht die Herabstufung

Mitten im Übernahmekampf besetzt Saint-Gobain Stellen im Topmanagement neu. Die Finanzwelt zweifelt derweil an den Plänen der Franzosen.

Ernst Meier
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Sika Plakat Fotografiert am 1. Mai 2015 in Luzern (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))

Sika Plakat Fotografiert am 1. Mai 2015 in Luzern (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))

Ernst Meier

Per 1. Januar kam es beim französischen Konzern Saint-Gobain zu einigen Änderungen in der Führungsetage. Auf den ersten Blick nichts Aussergewöhnliches: Die Industriegruppe (Baustoffe, Glas, Kunststoffe, Bauhandel usw.) zählt 190 000 Mitarbeiter und ist mit rund 1200 Einzelgesellschaften in über 60 Ländern tätig.

Für Aussenstehende ist jedoch die Tatsache überraschend, dass mit dem Finanzchef (CFO) die zweitoberste operative Position im Konzern ausgewechselt wurde. Gleichzeitig hat CEO Pierre-André de Chalendar einen neuen Chief Operating Officer (COO) zur Seite.

Der Abgang des alten Finanzchefs Laurent Guillot – er übernimmt die Leitung der Sparte Hochleistungswerkstoffe – mag erstaunen; Guillot war seit April 2009 Finanzchef und ist unter den «Vätern» der geplanten Sika-Übernahme jener, der sie mit allen Synergien, Renditen- und Entwicklungsmöglichkeiten durchgerechnet hat.

Zur Erinnerung: Saint-Gobain hat im Dezember 2014 das Aktienpaket der Erbenfamilie Burkard gekauft. Dieses beinhaltet mit einem Aktienkapitalanteil von 16 Prozent die Kontrollmehrheit (53 Prozent der GV-Stimmen) an Sika. Bis heute kann die Transaktion nicht vollzogen werden, weil sich die Sika-Manager mit juristischen Schritten wehren. Vom Verkaufspreis von 2,75 Milliarden Franken ist deshalb noch kein Rappen aus Paris überwiesen worden.

Saint-Gobain: «Normale Rochade»

Auf Anfrage unserer Zeitung heisst es bei Saint-Gobain, es sei ein normaler Prozess, dass der Finanzchef nach einigen Jahren wechsle. Laurent Guillot sei sechs Jahre CFO gewesen und nun mit der Leitung einer Schlüsselposition im Management betraut worden. Mit Sika habe das nichts zu tun. «Die Personalrochade hat keinen Einfluss auf die Kontinuität der Strategie und den Geschäftsgang des Unternehmens», sagt Charles Hufnagel, Kommunikationschef von Saint-Gobain. Auch Hufnagel ist neu in seinem Amt. Er hat die Kommunikationsstelle von seiner Vorgängerin per 1. Januar übernommen. Hufnagel arbeitete zuvor als Berater des französischen Verteidigungsministers Alain Juppé und war zuletzt Kommunikationschef des staatlich kontrollierten Atomkonzerns Areva.

In der Finanzwelt zeigt man sich seit längerer Zeit nicht begeistert von Saint-Gobain. Deren Aktie verharrt auf dem Niveau, wo sie vor 15 Jahren schon stand; für Anleger wurde somit kein Mehrwert geschaffen. Eine Besserung ist nicht in Sicht, denn im letzten Herbst gab die Saint-Gobain-Führung eine Gewinnwarnung für 2015 heraus. Die Jahreszahlen werden am 25. Februar veröffentlicht.

Analysten lehnen Transaktion ab

Mit der Übernahme von Sika erhofft man sich in Paris, endlich wieder vorwärtszukommen. Doch die Finanzwelt zweifelt, ob sich der Kauf für Saint-Gobain überhaupt auszahlen wird. Keiner der zwölf hiesigen Analysten, die Sika abdecken, befürwortet die Transaktion. «Wegen des angekündigten Abgangs des Sika-Managements sowie möglicher Verunsicherungen aufgrund firmenkultureller Differenzen ist zu befürchten, dass Sika kurz- bis mittelfristig leidet», sagt Christian Arnold, Analyst der Bank Vontobel.

Saint-Gobain brachte der Übernahmeversuch von Sika bisher nicht nur Ärger und Kritik, das Ganze könnte auch ernsthafte finanzielle Folgen haben. «Eine Realisierung dieser Operation würde die Verschuldung von Saint-Gobain auf ein Niveau erhöhen, das wir nicht mehr als angebracht erachten», schrieb die Ratingagentur Fitch im Dezember. Was die Verantwortlichen in der Pariser Zentrale besonders schmerzen muss: Fitch droht mit einer Ratingherabstufung von Saint-Gobain «aufgrund einer Verschuldung im spekulativen Bereich».

Umstrittene Konsolidierung

Speziell kritisiert Fitch die Tatsache, dass Sika nach einer Übernahme in den Büchern von Saint-Gobain voll konsolidiert werden soll. Das bedeutet: Obwohl Saint-Gobain nur 16 Prozent an Sika besitzt, integriert sie deren Umsatz zu 100 Prozent in die Konzernrechnung. Unter dem Strich verbleiben am Schluss aber nur 16 Prozent des Sika-Gewinnes bei Saint-Gobain, 84 Prozent werden an die Publikumsaktionäre ausbezahlt. Dieses Aufblähen der Konzernrechnung kann dazu führen, dass die Kreditwürdigkeit von Saint-Gobain heruntergestuft wird, was wiederum höhere Finanzierungskosten zur Folge hätte. Fitch zweifelt, ob eine Vollkonsolidierung überhaupt möglich sei.

Bereits 14 Monate dauert der Übernahmestreit um Sika. Weil keine der drei Parteien Sika/Erbenfamilie/Saint-Gobain einlenken will, bleibt allen Beteiligten nichts anderes übrig, als den Entscheid der Richter abzuwarten. Aktuell ist das Verfahren vor dem Zuger Kantonsgericht. Ein Urteil wird auf Mitte Jahr erwartet. Ein Weiterzug bis vor Bundesgericht könnte das Ganze bis 2018 herauszögern.

Angst vor weiterem ??«Fall Alstom»

Die Meldung, dass bei Alstom 1300 Stellen im Kanton Aargau gestrichen werden, hat Empörung ausgelöst. Alstom (einst Teil von ABB) ist der grösste Arbeitgeber im Aargau. Im September hat Bundesrat Johann Schneider-Ammann nach Gesprächen mit der Alstom-Spitze versichert, dass «keine Stellen in Gefahr sind». Nur zwei Monate nach der Übernahme durch den US-Konzern General Electric (GE) wird im Aargau jede vierte Stelle gestrichen. Hintergrund: GE baut unter dem Druck der französischen Politik in Frankreich aus. Die Schweiz hat das Nachsehen.

Der Obwaldner CSP-Nationalrat Karl Vogler warnt: «Sika kann eine ähnliche Katastrophe drohen, wenn die Übernahme wie angekündigt vollzogen wird.» Saint-Gobain sei es nicht gelungen, die Befürchtungen vor einem Stellenabbau zu entkräften. Karl Vogler hat einen Vorstoss im Parlament zum Fall eingereicht (wir berichteten). Er hoffe immer noch, dass die Erbenfamilie Burkard einlenkt – im Interesse des Industriestandorts Schweiz. Sika (ehemals Sarna) zählt zu den grössten Arbeitgebern in Obwalden.