Parmelin stört sich am Einkaufstourismus – doch den Deutschen fehlen die Schweizer

Bundesrat Guy Parmelin appelliert an die Schweizer, einheimische Produkte zu kaufen. Der Einkaufstourismus sei schon wieder zurück auf dem alten Niveau. Ist das so?

Niklaus Vontobel
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Am ersten Wochenende nach den Lockdown-Lockerungen Ende Juni kauften wieder viele Schweizer in Konstanz ein. Noch ist das Vor-Corona-Niveau aber nicht erreicht.

Am ersten Wochenende nach den Lockdown-Lockerungen Ende Juni kauften wieder viele Schweizer in Konstanz ein. Noch ist das Vor-Corona-Niveau aber nicht erreicht.

Donato Caspari

Bundesrat Guy Parmelin klingt enttäuscht. Im Interview mit CH Media sagt der frühere Weinbauer, im Lockdown sei dem Land zwar vor Augen geführt worden: man brauche unbedingt eine gut funktionierende Landwirtschaft. Aber auf diese Erkenntnis würden keine Taten folgen. «Sobald die Grenzen offen waren, kauften die Leute rasch wieder in Deutschland oder Frankreich ein.»

Dabei wäre etwas Einkaufs-Patriotismus wichtig, laut Parmelin. Letzten Endes hänge davon auch das hohe schweizerische Lohnniveau ab. Der Wirtschaftsminister sagt darum: «Ich appelliere an die Bevölkerung, einheimische Produkte zu kaufen, unsere Landwirtschaft, aber auch den hiesigen Detailhandel zu unterstützen.»

Ist es so, wie Parmelin es andeutet: Ist im Einkaufstourismus schon wieder alles wie vor Lockdown und Grenzschliessung? So genau weiss man das noch nicht. Die Grenzen gingen erst Mitte Juni wieder auf. In der Schweiz fehlen noch die Detailhandelszahlen für den Juli. Vielleicht bringen erst die Augustzahlen einigermassen Klarheit. Bisher liegen teils widersprüchliche Informationen vor.

Noch nicht in gleicher Zahl zurück

Von der Migros heisst es, man sei zurück auf dem Niveau von vor der Grenzschliessung. So sieht es Chef Fabrice Zumbrunnen. Anfang Juli sagte er der NZZ, man habe den Einkaufstourismus ab Tag eins der Grenzöffnung wieder gespürt. Den Trend der nächsten Monate kann er indessen nicht abschätzen. Die Konkurrenz im nahen Ausland sei bisher preislich sehr aggressiv gewesen. Sind diese Rabattaktionen vorbei, könnte der schweizerische Andrang etwas nachlassen.

Etwas anderes ist aus Deutschland zu hören: Der Einkaufstourismus nehme wieder zu, aber langsam. So berichtet es der Geschäftsführer der Handelskammer Hochrhein-Bodensee in einer Pressemeldung. «Wir sind immer davon ausgegangen, dass der Handel nicht von heute auf morgen wieder auf das Vor-Corona-Niveau steigt. Und so ist es auch gekommen.»

Die Angaben der Handelskammer decken sich mit einer Recherche der «Aargauer Zeitung» von Anfang Juli. Einzelne Detailhändler gaben dort zwar an, man habe wieder Zahlen wie vor der Krise. Doch die Zollämter konnten noch keine genauen Zahlen liefern. Und Vertreter des gesamten Handels einzelner Städte bestätigen: Man habe das alte Volumen noch nicht wieder erreicht.

2020 werden die Lockdown-Monate nicht aufgeholt

Unbestritten ist: Dieses Jahr wird in Deutschland nicht mehr aufgeholt, was coronabedingt verloren ging an Umsätzen mit Schweizer Einkaufstouristen. Gemäss der deutschen Handelskammer ist nicht alles wieder gut, nur weil die Grenzen zur Schweiz wieder offen seien. «Die entgangenen Umsätze durch den Lockdown sind für viele Händler sehr hart, für manche existenzbedrohend.»

Zum Rückgang im Jahr 2020 liegen zwei Schätzungen vor. Das Marktforschungsinstitut GfK schätzte im Juni, dass im Gesamtjahr von Schweizer Einkaufstouristen etwa 30 bis 40 Prozent weniger ausgegeben werden. Und von den Ökonomen der Grossbank Credit Suisse wurde eine Schätzung gemacht für die 13 Lockdown-Wochen von Mitte März bis Mitte Juni. Es seien zwei Milliarden weniger ausgegeben worden in den Nachbarländern.

Höhepunkt überschritten

Unbestritten ist auch: Der grösste Sturm und Drang ist im Einkaufstourismus vorbei, das war schon vor der Coronakrise so. Die Handelskammer vermeldete schon früher: «Der Einkaufstourismus ist im Sinkflug.» Und zwar schon seit vier Jahren, gemessen an den grünen Ausfuhrscheinen. 2016 wurden noch rund 13 Prozent mehr Scheine von den Zollämtern ausgewiesen. Einer der wichtigsten Gründe für den Rückgang: der Online-Handel.

Und klar ist auch: Der Trend zum Online-Handel plagt längst nicht nur die schweizerischen Detailhändler. Er könnte bald auch deutsche Grenzstädte empfindlich treffen. Viele Einkaufstouristen schauen stark auf die Preise. Wenn sie online ähnlich günstig shoppen können, nehmen sie die lange Fahrt nach Deutschland nicht auf sich. Die Handelskammer warnt schon einmal: «Wer den Trend ignoriert, muss mit Leerständen in der Innenstadt rechnen.»

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