PEKING: Chinas Börsensturz lässt Welt erzittern

Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft lässt schneller nach als gedacht. Das sorgt für Nervosität auch an den internationalen Finanzmärkten. Viele Konzerne sind vom China-Markt abhängig.

Felix Lee, Peking
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Die Wirtschaft Chinas wächst nicht mehr so schnell wie erhofft. (Bild: AFP)

Die Wirtschaft Chinas wächst nicht mehr so schnell wie erhofft. (Bild: AFP)

Was den Ölpreis anbelangt, befindet sich die Weltwirtschaft seit gestern wieder in einem Zustand wie Anfang 2009 nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers. Damals stürzte die ganze Welt in eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise. Und wegen der fehlenden Nachfrage purzelten auch die Preise des «Schmiermittels der Weltwirtschaft» in den Keller. Dieses Niveau ist inzwischen wieder erreicht. Am Montagmorgen fiel der Preis für ein Barrel US-Öl unter die Marke von 40 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit mehr als sechs Jahren. Dieses Mal gehen die Turbulenzen aber nicht von den USA aus, sondern von China.

Nach der wochenlangen Achterbahnfahrt sind die Kurse an den chinesischen Aktienmärkten gestern erneut drastisch eingebrochen. Der wichtige Shanghai Composite Index sackte um heftige 8,49 Prozent auf 3209,91 Punkte ab. Auch der kleinere Shenzhen Component Index fiel um 7,83 Prozent. Das Börsenbarometer von Shanghai befindet sich damit wieder da, wo er sich zu Jahresbeginn befand.

Chinesische Regierung stützt massiv

Die Zahlen würden noch sehr viel schlimmer aussehen. Weil die Kurse von fast 2200 Aktien um die tägliche Grenze von 10 Prozent nachgegeben haben, nahm die chinesische Börsenaufsicht sie aus dem Handel. Zudem hat die chinesische Führung den chinesischen Pensionsfonds dazu verpflichtet, künftig ebenfalls in den Aktienmärkten zu investieren. Damit könnten immerhin weitere rund 140 Milliarden Dollar in die Aktienmärkte fliessen. Den Anlegern reichte diese Ankündigung offensichtlich nicht. Im Gegenteil: Damit werden noch mehr Gelder von Privatleuten riskiert. Die Kurse fielen immer weiter. Chinesische Börsianer sprechen von einem «sehr schwarzen Montag».

Börsenfieber wurde provoziert

Nun spiegeln Chinas Aktienkurse nicht per se den Zustand der chinesischen Realwirtschaft wider. Denn an den chinesischen Börsen greift der Staat immer wieder stark ein und verhindert damit einen freien Handel der Papiere. So geht auch den Abstürzen der vergangenen Wochen ein fast einjähriges Börsenfieber voraus, den die chinesische Führung gezielt befeuert hatte. Die Regierung sah im Zuge ihrer Finanzmarktreformen die Zeit reif, die bis dahin recht sparwütigen Chinesen zu bewegen, ihr Geld an den heimischen Aktienmärkten anzulegen. Chinas Zentralbank öffnete die Geldschleusen, vergab grosszügige Kredite und ermunterte die Bürger in Massen dazu, Aktiendepots zu eröffnen. Trotz einer schwächelnden Gesamtwirtschaft schossen die Kurse bis Mitte Juni um mehr als 150 Prozent in die Höhe.

Chinas Exporte brechen ein

Doch die am Freitag bekannt gewordenen Daten aus der Realwirtschaft dürften den Börsenabsturz kräftig nach unten gezogen haben. Völlig unerwartet fiel der Einkaufsmanagerindex von Chinas verarbeitenden Industrie (PMI), der die Stimmung in den Unternehmen misst, auf den tiefsten Stand seit Anfang 2009. Und auch die Exportzahlen waren im Juli eingebrochen. Fast alle wichtigen Indikatoren weisen darauf hin, dass China sein selbst gestecktes Wachstumsziel von 7 Prozent in diesem Jahr nicht erreichen wird.

Der Rest der Welt ist alarmiert. In Tokio sackte der Nikkei-Index um 4,61 Prozent ab. In Hongkong ging es für den Hang-Seng-Index um gut 5 Prozent nach unten, in Sydney um über 4 Prozent. Der deutsche Leitindex DAX verlor über 500 Punkte und sackte erstmals seit Anfang des Jahres unter die Marke von 10 000 Punkten. In der Schweiz verlor das Börsenbarometer SMI fast 4 Prozent. Der Dow Jones Index in New York schockierte zu Handelsbeginn mit einem Minus von satten 1100 Punkten. Am Abend schloss er mit einem Tagesverlust von??? Punkten.

Nicht nur Schwellenländer zittern

Schon werden Befürchtungen vor einer Ansteckung auf die gesamte Weltwirtschaft laut. Länder, die in den vergangenen Jahren allzu einseitig auf China gesetzt haben, dürfte es besonders hart treffen. Das sind in erster Linie Schwellenländer, die die Chinesen mit Rohstoffen versorgt haben. «Viele Länder haben sich in eine immense Abhängigkeit von China begeben, die sie nun extrem verletzlich macht», sagte Sandra Hepp vom China-Institut Merics in Berlin. Sie sieht der Weltwirtschaft schwere Zeiten bevorstehen. Aber auch Exportnationen wie Deutschland oder die Schweiz könnten in Mitleidenschaft gezogen werden. «Nicht zuletzt deutsche Autobauer könnten von einem Abschwung in China empfindlich getroffen werden», befürchtet Hepp.

Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) hingegen seien Chinas jüngste Wirtschaftsdaten und der Kurseinbruch an den Börsen noch keine Vorboten für eine Krise. Bei der Entwicklung handele es sich lediglich um eine «notwendige Anpassung», erklärte IWF-Exekutivdirektor Carlo Cottarelli am Samstag. China habe in den vergangenen Jahren eine zu expansive Geldpolitik betrieben. Die müsse nun korrigiert werden. Von einer Krise in China zu sprechen, hält er für absolut verfrüht.