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PEKING: Ein Tram ohne Schienen

Ein chinesisches Unternehmen hat eine selbstfahrende Strassenbahn entwickelt. Sie benötigt weder Oberleitung noch Schienen.
Felix Lee, Peking
Der Antrieb des Zugs ist elektrisch: Eine zehnminütige Ladung reicht für 25 Kilometer. (Bild: PD)

Der Antrieb des Zugs ist elektrisch: Eine zehnminütige Ladung reicht für 25 Kilometer. (Bild: PD)

Felix Lee, Peking

Geschmeidig gleitet der etwa 30 Meter lange Zug die Strasse entlang. Auf den ersten Blick sehen die drei grünlackierten Waggons aus wie eine Strassenbahn. Doch dann fällt auf: Statt auf Stahlrädern rollt der Zug nicht auf Schienen, sondern mit Gummirädern direkt auf asphaltiertem Boden. Auch Oberleitungen fehlen. Der Zug macht der Bezeichnung «Strassenbahn» alle Ehre: Die Bahn fährt auf der Strasse.

«Autonomous Rail Rapid Transit» (ART) heisst das Gefährt des chinesischen Zugherstellers CRRC. Es ist eine Mischung aus Bus und Strassenbahn. Der Vorteil: Ein ART ist grösser als ein Bus, der Bau wiederum günstiger als Strassenbahnen. Anfang Juni hat die Firma im chinesischen Zhuzhou den ersten Zug vorgestellt. Er ist zudem selbstfahrend. Den Firmenangaben zufolge ist der Nahverkehrszug mit speziellen Sensoren ausgestattet, sodass er nicht nur die Fahrbahn an sich erkennen kann, sondern auch Entfernungen und Strassenverläufe. Das autonome Fahrsystem kann dann präzise die gewünschte Route berechnen. Alles, was das System braucht, um den Weg zu finden, ist eine auf dem Asphalt angebrachte doppelte Strichellinie. Derzeit schafft das Tram Geschwindigkeiten von bis zu 70 Stundenkilometern. Rund 300 Passagiere passen in die drei Waggons. Schon bald will die Firma die Zuglänge auf fünf Waggons ausweiten, dann gebe es Platz für bis zu 500 Passagiere.

Der Antrieb dieses Zuges ist wie bei einer herkömmlichen Strassenbahn elektrisch, benötigt aber keine Oberleitung. Versorgt wird der Antrieb stattdessen über einen Lithium-Titanat-Akku. Der Strom reicht allerdings nur für rund 40 Kilometer. Dann muss der Akku schon wieder aufgeladen werden. Allerdings benötigt er nur zehn Minuten Ladezeit für weitere 25 Kilometer. Trotz dieser geringen Akkudauer preist die Stadtverwaltung von Zhuzhou den ART als «Meilenstein» und «Tram der Zukunft». Für mittelgrosse Städte, die sich für ihr Nahverkehrssystem kein teures Schienennetz leisten können, sei dieser Zug ideal. Der Bau einer U-Bahn inklusive Schienen kostet pro Kilometer zwischen 400 und 700 Millionen Yuan (60 Millionen und 100 Millionen Franken), die Garnitur eines ART hingegen nur etwa 15 Millionen Yuan (2 Millionen Franken). «Die Einsparungen sind also enorm», sagt der leitende Ingenieur Feng Jianghua.

Der Bus auf Stelzen ist gescheitert

Zudem nehme der Bau nicht viel Zeit in Anspruch. Bereits im kommenden Jahr soll der Zug in Zhuzhou auf einer Strecke von insgesamt 6,5 Kilometern fahren. Es müssten lediglich die Stri-chellinien auf den Strassenbelag aufgemalt werden, heisst es. Die Bauzeit würde nur wenige Tage betragen.

Neue Ideen sind im Stau- und smoggeplagten China derzeit hoch angesagt. Das Verkehrsauf-kommen in den meisten chinesischen Strassen hat in den vergangenen Jahren dramatische Ausmasse angenommen. Allein in der 20-Millionen-Hauptstadt Peking hat sich die Zahl der Autos in den vergangenen fünf Jahren auf rund sechs Millionen Fahrzeuge mehr als verdreifacht. Ähnlich sieht es in anderen chinesischen Metropolen wie etwa Schanghai, Guangzhou oder Tianjin aus.

Die chinesische Führung hat sich zum Ziel gesetzt, den motorisierten Individualverkehr in ihren Städten deutlich zu reduzieren, innerhalb der nächsten vier Jahre um 20 bis 30 Prozent. Landesweit werden Zehntausende Kilometer neuer U-Bahn-Tunnel gegraben. Doch U-Bahn-Linien sind teuer. Neue Konzepte sind daher gefragt. Bereits im vergangenen Jahr machte ein chinesisches Unternehmen mit einem Bus auf Stelzen von sich reden. Transit Elevated Bus, kurz TEB, hiess das Fahrzeug. Bei diesem Bus sollte es sich ebenfalls um ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug handeln, das mit seinen 8 Metern Breite zwei Fahrbahnen überragt und von Autos unten durchfahren werden kann.

Die Idee: Damit er nicht wie andere Autos und Busse auf den in chinesischen Grossstädten notorisch verstopften Strassen stecken bleibt, soll er über die Staus hinweggleiten. Allerdings braucht dieser Bus speziell am Strassenrand verlegte Schienen. Und das ist aufwendig und teuer. Die Fir-ma, die diesen Bus entwickeln wollte, hat inzwischen aufgegeben und im Juli das Ende dieses Projektes verkündet.

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