PENSIONSKASSE: Die Pensionskassen stabilisieren sich

2013 war ein gutes Jahr für die Vorsorgeeinrichtungen. Den Kassen gelang es, ihr finanzielles Polster auszubauen. Nur: Bleiben die Aktien so hilfreich?

Rainer Rickenbacher
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Unbeschwert mit den Pensionskassengeldern in die Rente. Für viele ein relevantes Thema. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Unbeschwert mit den Pensionskassengeldern in die Rente. Für viele ein relevantes Thema. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Der Aufwärtstrend fand im vergangenen Jahr seine Fortsetzung: Den meisten Pensionskassen gelang es, ihre Kapitaldecke zu stärken. «2013 war dank der Aktienmärkte ein gutes Jahr für die Kassen», sagt Peter Bänziger, Leiter Asset Management bei der Kantonalbanken-Fondsgesellschaft Swisscanto. Sie führt jedes Jahr eine breit angelegte Umfrage bei den Playern der zweiten Säule durch. Das Ergebnis gilt in der Branche als viel beachtete «Wasserstandsmeldung» zu den Zahlen und Fakten im Vorsorge-Milliardengeschäft.

«Das Ziel ist noch nicht erreicht»

Die durchschnittliche Pensionskasse fuhr im zurückliegenden Jahr eine Rendite von 6,3 Prozent ein. Über die Hälfte der befragten Vorsorgeeinrichtungen legte um 5 bis 7,5 Prozent zu. Jede fünfte Vorsorgeeinrichtung ist offenbar eine besonders pfiffige Strategie gefahren und steigerte ihr Kapital um 7,5 bis sogar 10 Prozent.
Trotzdem vermieden es die Swisscanto-Sachverständigen gestern an der Medienorientierung tunlichst, Euphorie zu verbreiten. «Das Ziel ist noch nicht erreicht», sagte etwa Othmar Simeon, Leiter der Personalvorsorgeberatung bei Swisscanto. «Die Pensionskassen brauchen einen Deckungsgrad von 116 Prozent, um die Taucher an den Finanzmärkten zu verkraften.» Die Kapitaldecken der Kassen machen deutlich, dass sie von einer solchen Schwankungsreserve doch noch ein gutes Stück entfernt sind (siehe Grafik). Spielen die Finanzmärkte in den nächsten zwei, drei Jahren mit, dürften die Privatfirmenkassen immerhin diese Marke bald erreichen.

Die Kassen der Gemeinden, Kantone und des Bundes mit Anspruch auf Vollkapitalisierung kommen wohl nicht darum herum, die Ansprüche ihrer Versicherten zu senken, wenn sie krisenresistenter werden wollen. Bei den andern öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen spielt die Entwicklung an den Finanzmärkten ohnehin nur eine untergeordnete Rolle, denn sie können sich auf der Staatsgarantie ausruhen. Je stärker sich ihr Finanzloch öffnet, desto heftiger werden die Steuerzahler einspringen müssen, um nebst der eigenen Kasse auch die Lotterkassen ihrer Staatsangestellten zu finanzieren. In der Zentralschweiz verfügt nur die Pensionskasse des Kantons Zug über eine beschränkte Staatsgarantie, die gilt, bis sie genügend Wertschwankungsreserven angehäuft hat. Mit einem Deckungsgrad von 103,8 Prozent steht sie indes gut da.

Experten erwarten sanfte Landung

Wahrscheinlich ist ihre Lage in einem Jahr sogar leicht besser. Experte Jean Wey (Tabelle unten) erwartet zwar für dieses Jahr den einen oder andern Taucher an den Anlagemärkten, weil er viele Aktien für überbewertet hält. Doch Vorzeichen für einen Crash wie 2008 erkennt er keine. Jürgen Mischkulnig tippt ebenfalls auf eine sanfte Landung: «Ich teile die Einschätzung, dass die Börsenparty sich langsam aber sicher dem Ende zuneigt.» Für die Pensionskassen sagen beide Renditen im tiefen einstelligen Bereich voraus.

Pensionskassen: Zwei Experten antworten auf Fragen

Wenn der Deckungsgrad einer Pensionskasse noch immer deutlich unter 100 Prozent liegt, dürften sich die Versicherten düstere Gedanken machen. Aber können sie auch etwas unternehmen?

Jean Wey*: Liegt der Deckungsgrad nach den letzten guten Börsenjahren noch immer unter 100 Prozent, ist es sehr wohl an der Zeit, genau hinzuschauen. Vielleicht verfolgt die Kasse eine verfehlte Anlagestrategie mit zu hohen Risiken und/oder zu geringen Erträgen. Arbeitgeber und Versicherte, die einer Sammel- oder Gemeinschaftseinrichtung angeschlossen sind, sollten in dem Fall einen Wechsel der Vorsorgeeinrichtung prüfen. Nur: Die Versicherten nehmen die Unterdeckung mit. Verfügt der Betrieb über eine eigene Pensionskasse, können die Mitarbeitenden versuchen, Einfluss über ihre Arbeitnehmervertreter zu nehmen.

Jürgen Mischkulnig*: Sie können sich an den gewählten Arbeitnehmervertreter im Stiftungsrat wenden. Er ist für die Strategie der Pensionskasse mitverantwortlich. Eine Verbesserung des Deckungsgrades lässt sich durch Sanierungsbeiträge der aktiven Versicherten, über eine Reduktion von Vorsorgeleistungen sowie Kosteneinsparungen erzielen. Der Weg über bessere Renditen aus den Finanzmärkten ist zwar höchst wünschenswert, jedoch nur bedingt planbar. Es ist generell für alle Versicherten von grosser Bedeutung, sich mit dem Zustand ihrer Pensionskasse zu befassen.

Die sinkenden Umwandlungssätze und die Rentenreform 2020 verunsichern Arbeitnehmer, die in den nächsten 10 Jahren in Rente gehen. Viele von ihnen wollen beim Renteneintritt möglichst alles aus der Kasse nehmen, weil sie glauben, so auf der sicheren Seite zu stehen. Was empfehlen Sie ihnen?

Jean Wey: Künftige Rentenbezüger stehen bei den heutigen Vorschriften grundsätzlich auf der sicheren Seite, selbst wenn die Pensionskasse unterkapitalisiert ist. Jedenfalls auf der sichereren Seite als die Neupensionierten, die ihr Geld aus der Kasse nehmen und irgendwo anlegen. Denn die Pensionskasse bietet eine Rentengarantie, und die Pensionierten brauchen anders als die arbeitenden Versicherten keine Sanierungsbeiträge zu leisten, um Löcher zu stopfen. Es ist auch möglich, sich beim Renteneintritt nur einen Teil des Kapitals auszahlen zu lassen und den Rest der Ersparnisse in Form einer – dann freilich kleineren – Rente zu beziehen.

Jürgen Mischkulnig: Wir empfehlen verunsicherten Versicherten sich zu fragen, warum Pensionskassen den Kapitalbezug fördern. Der Grund ist einfach: Beim Kapitalbezug verlagert sich das Kapital- und Ertragsrisiko von der Kasse zum Versicherten. Eine Pensionskassenrente ist einer mündelsicheren Anlage gleichgestellt. Zu diesen Anlagen gehören Sparguthaben mit Anlegerschutz (Sparkonti), Bundes- wie Kassenobligationen und Geldleistungen aus garantierten Versicherungsverträgen. Sie sind nebst der Rentenzahlung lebenslänglich garantiert. Solche Garantien ohne Risiken sind auf den Finanzmärkten nicht erhältlich.

Die Hypozinsen bleiben wohl auf unabsehbare Zeit tief, und die Wirtschaft wächst anständig. Was spricht für eine 45-jährige Person also dagegen, so viel Geld wie möglich aus der Kasse zu nehmen, um sich Wohneigentum zu kaufen oder selbstständig zu machen?

Jean Wey:Es macht durchaus Sinn, wenn etwa junge Familien Geld aus der Pensionskasse vorbeziehen um ein Eigenheim mitzufinanzieren. Doch man muss sich die Risiken vor Augen halten. Die häufigste ist eine spätere Scheidung. Auch ein Todesfall oder Arbeitslosigkeit können einen ungeplanten Wohnungs- oder Hausverkauf nach sich ziehen. Wer jetzt in einer Immobilienboomzeit kauft, läuft Gefahr, später Geld zu verlieren, wenn die Immobilienpreise nachlassen. Nimmt jemand Geld aus der Pensionskasse, um selbstständig zu werden, muss er über die dritte Säule oder eine Versicherung für das Alter vorsorgen.

Jürgen Mischkulnig:Wer Pensionskassengelder bezieht, verzichtet auf künftige Zinsen und Zinseszinsen. Sie sind nicht unerheblich. Auch die wahrscheinlichen Kürzungen der künftigen Altersleistungen sowie sämtlicher Risikoleistungen sind von Bedeutung. Die Vorsorgelücke kann sich empfindlich auf die Alters- oder Risikoleistungen auswirken. Der Schritt in die Selbstständigkeit ist immer mit Unsicherheiten verbunden. Scheitert er, droht der Verlust der angesparten Altersguthaben. Wir empfehlen darum, von der Auszahlung der Altersguthaben abzusehen, erst recht bei älteren Versicherten, die sich selbstständig machen.

*Jean Wey ist Geschäftsleiter der PKG-Sammelstiftung Luzern, welcher 1400 kleine und mittelgrosse Unternehmen angeschlossen sind.

*Jürgen Mischkulnig ist Direktor Life and Pension beim unabhängigen Versicherungsbroker S&P in Kriens.

Deckungsgrad der Pensionskassen. (Bild: Quelle: Swisscanto / Grafik: Oliver Marx)

Deckungsgrad der Pensionskassen. (Bild: Quelle: Swisscanto / Grafik: Oliver Marx)