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Pestizidwolken über dem Bordeaux – Weinbauern in der Kritik

Im berühmtesten Weingebiet der Welt gärt es: Betroffene Frauen verlangen von den Bordeaux-Winzern ein Ende der massiven Pestizideinsätze, die so gar nicht zum Image des edlen Rebensaftes passen wollen.
Stefan Brändle aus Villeneuve-de-Blaye
Die heile Welt trügt: Die Weinbauern im Bordeaux setzten bereits seit Jahrzehnten massiv Herbizide, Fungizide und Insektizide gegen Unkraut, Pilze und Schädlinge ein. (Bild: Getty Images)

Die heile Welt trügt: Die Weinbauern im Bordeaux setzten bereits seit Jahrzehnten massiv Herbizide, Fungizide und Insektizide gegen Unkraut, Pilze und Schädlinge ein. (Bild: Getty Images)

Das Beben im Bordelais fand am 5. Mai 2014 statt, doch die Erschütterung ist bis heute spürbar – sie wird sogar immer stärker. Sylvie Nony zeigt auf das Epizentrum und sagt: «Hier, am Rande des Pausenplatzes, begann alles.» Wir sind in Villeneuve-de-Blaye, einem kleinen Weindorf nördlich von Bordeaux, und die ehemalige Physik- und Chemielehrerin Nony erzählt: In jenen Maitagen vor fünf Jahren sei es schon relativ heiss gewesen, die Schüler hätten ihren Gesangsunterricht auf den Pausenplatz verlegt. Von jenseits des Zauns, wo die ersten Reben sprossen, war der Lärm von Traktoren zu hören. Auf einmal begannen sich die 23 Primarschüler über Kopf- und Bauchschmerzen zu beklagen; einige bekamen Schwindelgefühle, rote Augen, Hautausschläge.

Die Feuerwehr wurde gerufen, die Bürgermeisterin, der die Weinberge gehören, alarmiert. «Alle wussten, was los war: Der Wind hatte Pestizidwolken von den unmittelbar benachbarten Weinbergen herübergetragen», meint Nony, noch heute erbost. Heute sind die Rebstöcke, die unmittelbar an das Schulareal angrenzten, verschwunden. Dafür taucht jetzt die Bürgermeisterin persönlich auf, Catherine Vergès, Inhaberin des grössten Châteaus am Ort. Noch aus der Ferne ruft sie, das Betreten des Geländes sei Unbefugten verboten.

Die Affäre spaltet das Bordeaux-Gebiet zutiefst

Ein hitziger Dialog entspinnt sich zwischen den zwei Frauen. Lehrerin Nony, die eine Webseite gegen den Pestizideinsatz hier in der Oberen Gironde unterhält, fragt, ob die Gemeinde die Reben ausgerissen habe, um ein Beweismittel zu zerstören. «Nichts ist erwiesen», kontert Vergès. «An jenem Tag sprühte auch ein Biobauer in der Nähe.» – «Aber keine Pestizide», fällt ihr Nony ins Wort: «Die Pestizide kamen von hier. Von Ihren Reben.»

Man merkt es am giftigen Ton: Die «Affäre Villeneuve», die vor einem Gericht in Bordeaux hängig ist, spaltet das Bordeaux-Gebiet zutiefst, und zwar mehr denn je. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Zukunft des ganzen Weingebietes. Die Weinbranche setzt im Bordelais seit Jahrzehnten massiv Herbizide, Fungizide und Insektizide gegen Unkraut, Pilze und Schädlinge ein. Das atlantiknahe Rebengebiet, von den Engländern geschaffen, ist eigentlich ein schlechter Ort zum Weinmachen: Es ist feucht und der Mehltau, der Erzfeind der Winzer, kann ganze Ernten vernichten. «Wenn wir nicht sprühen, können wir unsere Arbeiter gleich nach Hause schicken», argumentiert Bürgermeisterin Vergès, die den Namen ihres Châteaus nicht genannt haben will.

Nony entgegnet, die Exporte der herkömmlichen Bordeaux-Produktion stagnierten, weil die Konsumenten gerade in Ländern wie der Schweiz «saubere» Weine wollten; die Nachfragen nach den Bio-Weinen aus dem Bordelais nähmen stetig zu. Reputierte Weingüter wie Château d’Yquem oder Latour seien schon umgestiegen. «Ach wo, ihr Umweltschützer bringt nur die Leute gegeneinander auf», wirft die Bürgermeisterin der pensionierten Lehrerin vor. «Und jetzt verlassen Sie meinen Grund und Boden!» Nony leistet der Aufforderung Folge, behält aber das letzte Wort:

«Madame, Sie stehen auf verlorenem Posten. In wenigen Jahren werden die Pestizide ganz verboten sein.»

Auf der Rückfahrt nach Bordeaux geht es vorbei an vollen Reben und reifen Trauben, durch kleine Dörfer wie Gauriac oder Bayon, die wenig gemein haben mit den weltberühmten Médoc-Weinbergen auf der anderen Seite der Flussmündung. «Hier sind viele der kleinen Winzer überschuldet. Sie würden gerne auf pestizidlose Produktion umstellen, doch das bedeutet drei Jahre Verlust. Das können sich die wenigsten leisten.»

20 Prozent der französischen Pestizide in Bordeaux versprüht

Von den knapp 10 000 Weingütern im Bordelais sind erst 610 auf Bio umgestiegen. Die bekannteste Weinregion der Welt benützt mehr Pestizide als andere, auch französische wie das Elsass oder Côtes du Rhône. 20 Prozent aller in Frankreich versprühten Schädlingsmittel kommen bei Bordeaux zum Einsatz - obwohl das Weingebiet nur drei Prozent der französischen Agrarfläche stellt.

Aber die Nachwellen des Villeneuve-Bebens wirken weiter. Die Winzerzunft gelobt Besserung. Der Branchenverband CIVB verspricht eine «starke Verminderung der Pestizide, wenn nicht den kompletten Ausstieg». Das klingt nicht sehr verbindlich. Und auch nicht sehr freiwillig: Der Verband reagiert, weil die Konsumenten bei den Weindegustationen neuerdings unangenehme Fragen stellen. In den Buchhandlungen von Bordeaux liegt gerade eine Studie des hierzulande heftig umstrittenen Molekularbiologen Gilles-Éric Séralini auf. Nach ausführlichen Wasserproben behauptet er, dass es einen «Geruch der Pestizide im Wein» gebe.

Ist diese Chemie beim Trinken auch gesundheitsschädigend? Weniger als Alkohol, antwortet der CIVB ausweichend. Die zuständige EU hat nie Grenzwerte für den Pestizidgehalt im Rebensaft festgelegt. Auf den Weinetiketten finden sich deshalb keinerlei Angaben. Das von Konsumentenverbänden beauftragte Labor Dubernet bezeichnet die Rückstände im Wein als sehr schwach: Sie betragen weniger als zwei Prozent der in Früchten erlaubten Konzentration.

Wenn da nur nicht die Villeneuve-Affäre wäre. Entlang der – bis zu achtmal im Jahr besprühten – Weinberge haben die Anwohner heute Angst. An der Endstation des Lokalzuges, der durch voll klingende Weingüter wie Margaux oder Pauillac fährt, wartet eine mutige Frau, die sich nur mühsam aufrecht hält, im Regen. Sylvie Berger war eine «kleine Hand», die «in den Reben arbeitete», wie man hier sagt. An einem Freitagmorgen vor sieben Jahren brach ihre Welt zusammen, als sie durch die massive Dosis einer doppelten Pestizidwolke vergiftet wurde.

Zuerst litt sie unter Schwindel, Brech- und Hautreiz. Auch diese Folge erinnert an die «Villeneuve-Affäre»: Die Vorgesetzten wollten keinen Mediziner, keine Amtsperson rufen. «Am Montag danach wurde ich zur Arbeit gerufen, als wäre nichts geschehen», erzählt Berger, heute 48. «Und als ich zum Lokalarzt ging, wollte er das Wort Pestizid nicht hören.» Erst vier Jahre später, als sie im Universitätsspital von Bordeaux einen Neurologen aufsuchte, bekam sie ein anderes Wort zu hören: Parkinson.

Gericht anerkennt erstmals neurologische Schädigung

Nach dem Schock reagierte die ebenso unprätentiöse wie sympathische Weinarbeiterin mit einer Klage. Endlich – und vielleicht unter dem Eindruck der Villeneuve-Affäre – hörte man auf sie.

«Wir hatten jahrelang ohne jeden Schutz gearbeitet und trugen nicht einmal Handschuhe.»

Im August wurde das Château Vernous wegen «unentschuldbaren Fehlverhaltens» bei der Pestizidverwendung verurteilt; das Strafmass steht noch aus. Sylvie Berger, zu 25 Prozent invalid, lebt derzeit mit 216 Euro im Monat, da ihr Mann seinerseits entlassen wurde, und hofft auf Schadenersatz. Damit will sie eine Parterre-Wohnung kaufen, um gewappnet zu sein, wenn ihre Krankheit stärker wird.

Schon jetzt ist Sylvie Berger oft erschöpft, im Griff von Parkinson. Aber sie ist stolz auf ihren Sieg: «Erstmals hat ein Gericht die neurologische Schädigung durch Pestizide im Bordelais vorbehaltlos anerkannt. Das hilft den anderen ’kleinen Händen’, die für 1200 Euro im Monat in den Weinbergen arbeiten.» Handschuhe haben sie inzwischen immerhin erhalten.

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