Coronavirus
Pharma-Konkurrenten gehen Hand in Hand: Risiken und Nebenwirkungen bei der Suche nach Mitteln gegen Corona

Die Branche versucht vereint, Medikamente und Impfstoffe gegen das Coronavirus zu finden. Es lauern aber auch Gefahren.

Andreas Möckli
Merken
Drucken
Teilen
Zahlreiche Firmen arbeiten auf der Suche nach Impfstoffen und Medikamenten gegen das Coronavirus zusammen.

Zahlreiche Firmen arbeiten auf der Suche nach Impfstoffen und Medikamenten gegen das Coronavirus zusammen.

Pressedienst

Zusammenarbeit statt harter Konkurrenz: Mit Sanofi und Glaxosmithkline spannen zwei der grössten Impfstoffhersteller der Welt zusammen. Die beiden Pharmakonzerne gaben kürzlich bekannt, gemeinsam einen Corona-Impfstoff zu entwickeln. Der Plan sieht vor, mit klinischen Studien im Menschen in der zweiten Hälfte ­dieses Jahres zu starten. Eine Zulassung soll im Erfolgsfall in der zweiten Hälfte 2021 erfolgen.

Das Beispiel ist nur eines von vielen. In den vergangenen Tagen und Wochen haben zahlreiche Pharmafirmen Kooperationen mit anderen Unternehmen oder Forschungseinrichtungen gestartet. Wo normalerweise Pharmakonzerne darum wetteifern, wer am schnellsten neue Medikamente auf den Markt bringt, arbeiten nun die Unternehmen in der Coronakrise zusammen. So sollen möglichst rasch neue Impfstoffe und Arzneimittel gegen das Virus gefunden werden. Auch bestehende Medikamente werden darauf getestet, ob sie gegen die Krankheit eingesetzt werden können.

Auch Roche und Novartis setzen auf die Zusammenarbeit mit anderen Firmen und Forschungsinstitutionen. So arbeitet Novartis mit über einem Dutzend weiteren Unternehmen zusammen, um Medikamente, Impfungen und Tests zu finden. Dazu zählen etwa Pharmakonzerne wie Pfizer, Johnson & Johnson oder Sanofi. Die beteiligten Firmen tauschen etwa jenen Teil ihre Bibliotheken an Molekülen aus, die am vielversprechendsten gegen das Virus eingesetzt werden können.

Novartis hat zudem 130 Millionen Dosen des Malariamittels Hydroxychloroquin gespendet. Das Medikament, das US-Präsident Donald Trump mehrfach angepriesen hat, wird derzeit auf seine Wirkung gegen das Virus in grossen Tests geprüft. So hat Novartis Anfang Woche bekanntgegeben, grünes Licht für eine Studie mit 440 Patienten in den USA erhalten zu haben.

Roche-Chef hofft auf positiven Image-Effekt

Roche seinerseits arbeitet unter anderem mit einer Forschungsgruppe der University of California San Francisco zusammen, um neue therapeutische Ansätze zu finden. Eine weitere Kooperation besteht mit einer Abteilung des US-Gesundheitsministeriums namens Barda. Dabei geht es um die Beschleunigung einer klinischen Studie im Zusammenhang mit dem Medikament Actemra. Das Mittel zeigte in China ermutigende Resultate gegen das Coronavirus. Diese müssen nun bestätigt werden. Roche erhält dafür vom US-Gesundheitsministerium 25 Millionen Dollar.

Partnerschaften bei der Forschung und der Produktion, Spenden: All diese Massnahmen dienen auch dazu, den Ruf der Pharmaindustrie zu verbessern. Das Image der Branche ist angesichts hoher Medikamentenpreise und satter Gewinne nicht das Beste. Angesprochen, ob Roche mit den Coronatests viel Geld verdiene, sagte Severin Schwan in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen: «Geschäftlich ist dies für uns von untergeordneter Bedeutung. Aber – und das ist für uns sehr wichtig – gerade in solchen Zeiten, in denen es wirklich drauf ankommt, können wir Vertrauen und Reputation aufbauen. Das wird sich langfristig auch auszahlen.»

Hohe Investitionen in der Produktion

Auch gerade was die Preise von Medikamenten und Tests anbelangt, will sich die Branche nicht in die Nesseln setzen. So kündigte etwa die Generika-Tochter von Novartis an, die Preise für einen Korb wichtiger Medikamente stabil zu halten.

Roche-Chef Schwan äusserste sich im Interview mit CH Media zu diesem Thema dezidiert. Der Preis werde nicht der limitierende Faktor sein, antwortete er auf die Frage bezüglich der Preisgestaltung von Actemra, falls dies zur Behandlung des Coronavirus eingesetzt werden kann. Roche wolle sicherstellen, dass alle Patienten das Medikament erhalten, die es benötigten. «Schon allein aus Sicht unserer Reputation sind Überlegungen zum Preis völlig irrelevant.»

Bei den Produktionskapazitäten steht die Branche ebenfalls vor einer heiklen Gratwanderung. Erweist sich ein Medikament als wirksam, müssen die Firmen die hohe Nachfrage möglichst rasch decken. Dies bedingt aber, dass die Kapazitäten schon im Vorfeld hochgefahren werden müssen, bevor klar ist, ob ein Medikament tatsächlich etwas bringt. Dies sind teils kostspielige Investitionen. Gelingt es nicht, ein Mittel in ausreichender Menge zu produzieren, wäre der Reputationsschaden gross.

Weder Roche noch Novartis produzieren Impfstoffe

Im Gegensatz zu einigen anderen grossen Pharmakonzern sind Roche und Novartis nicht im Impfstoffgeschäft tätig. Novartis hat diesen Geschäftsbereich 2015 an Glaxosmithkline verkauft. Die Impfstoffsparte habe nicht die nötige Grösse, um sich am Markt zu behaupten, lautet die Begründung damals. Novartis und Roche konzentrieren sich derweil darauf, eigene Medikamente zu testen, ob diese zur Behandlung des Coronavirus eingesetzt werden können. Roche liefert gleichzeitig Millionen von Tests zum Nachweis des Virus aus. (mka)