Gesundheit
Pharma will keine Rabatte auf Medikamente für teure Kombinationstherapien gewähren.

Das Bundesamt für Gesundheit versucht mit Herstellern von Krebsmedikamenten Rabatte auf teure Kombinationstherapien auszuhandeln. Kompliziert wird es vor allem, wenn die Wirkstoffe nicht vom gleichen Hersteller stammen.

Andreas Möckli
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Eine Kombinationstherapie führt meist nicht zu einem doppelten Nutzen – der Preis soll darum tiefer sein als die Summe der einzelnen Medikamente. Keystone

Eine Kombinationstherapie führt meist nicht zu einem doppelten Nutzen – der Preis soll darum tiefer sein als die Summe der einzelnen Medikamente. Keystone

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Sie sind die Zukunft und sie sind enorm teuer. Um Krankheiten wie Krebs zu behandeln, setzt die Pharmaindustrie immer stärker auf Kombinationstherapien, die aus zwei oder mehreren Medikamenten bestehen. Indem Tumore mit mehreren Ansätzen gleichzeitig behandelt werden, können die Heilungschancen der Patienten teils deutlich verbessert werden.

Bereits einzelne neue Krebsmedikamente sind enorm teuer und können in gewissen Fällen schon heute zu Ausgaben von 100 000 Franken und mehr führen. Werden nun einzelne, sehr teure Präparate kombiniert und deren Preise addiert, führt dies zu einem weiteren Kostenschub.

Um das Problem anzugehen, haben mehrere Krankenkassen wie Helsana und CSS sowie der Lobbyverband Interpharma und einzelne Unternehmen wie Novartis und Roche Ende 2014 eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Im Grundsatz haben sich die Beteiligten inzwischen auf einen Ansatz geeinigt. Der Preis soll sich am Zusatznutzen der Kombinationstherapie im Vergleich zu einem einzelnen Präparat ausrichten, sagt Martina Weiss, verantwortlich für Kooperationen mit der Pharmaindustrie beim Krankenversicherer Helsana und Teil der Arbeitsgruppe.

Kein doppelter Nutzen

Da eine Kombinationstherapie mit zwei Medikamenten meist nicht zu einem doppelt so hohen Nutzen für den Patienten führe, müsse auch der Preis tiefer sein als die Summe der beiden einzelnen Präparate, sagt Weiss. Der Preis müsse den Nutzen spiegeln.

Das heutige Preisfestsetzungssystem in der Schweiz ist auf einzelne Medikamente ausgerichtet. Um auf einen tieferen Preis als die Summe der einzelnen Präparate zu gelangen, müsse auf einem der beteiligten Medikamente der Kombinationstherapie ein Rabatt ausgehandelt werden, sagt Weiss. Zuständig für die Festsetzung der Medikamentenpreise und damit für Verhandlungen über Rabatte ist das Bundesamt für Gesundheit (BAG), das dann mit den betroffenen Firmen einen Rabatt aushandelt.

Auch die Pharmaindustrie zeigt sich mit diesem Mechanismus grundsätzlich einverstanden. Zur Bewertung des Zusatznutzens würden alle verfügbaren klinischen Studien zu den Kombinationstherapien einfliessen, sagt Heiner Sandmeier, stellvertretender Generalsekretär von Interpharma.

Nun zeigt sich aber, dass der Konsens zwischen den Krankenkassen und der Pharmaindustrie gefährdet ist. «Wir haben festgestellt, dass längst nicht alle Firmen mitmachen wollen», sagt Weiss. Sie hätten ein Problem damit, dass die ausgehandelten Rabatte über die Liste der kassenpflichtigen Medikamente öffentlich gemacht werden.

Die Schweiz sei das einzige Land, das die ausgehandelten Rabatte transparent mache, sagt Sandmeier von Interpharma dazu. «Wieso das BAG darauf drängt, ist für uns nicht nachvollziehbar.» Die Pharmaindustrie fürchtet sich von einer negativen Preisspirale, sollten die Rabatte überall offengelegt werden. Der Grund: Die meisten Staaten legen ihre Medikamentenpreise fest, indem sie die Preise in anderen Ländern als Referenz heranziehen. Oft entsteht dann daraus ein Durchschnittspreis.

Kein Interesse an Offenlegung

«Da viele ausländische Länder sich bei der Preisfestsetzung auch auf die Schweiz beziehen, haben die Pharmafirmen kein Interesse, dass der ausgehandelt Rabatt offengelegt wird», sagt Sandmeier. «Wird der Schweizer Rabatt in einem anderen Land berücksichtigt, wo das betreffende Medikament bedeutende Verkäufe erzielt, würde dort der Umsatz deutlich gedrückt.»

Der Rabatt müsse offengelegt werden, damit die Krankenkassen diesen von den Herstellern einfordern könnten, entgegnet Jörg Indermitte, Co-Leiter Sektion Medikamente beim BAG. «Selbst wenn das Bundesamt diese Daten den Krankenkassen exklusiv zur Verfügung stellen würde, könnte diese von interessierten Bürgern oder Journalisten anhand des Öffentlichkeitsprinzips eingefordert werden», sagt Indermitte. Um dies zu verhindern, sei eine Gesetzesänderung nötig.

Schwierige Verhandlungen

Bislang hat das BAG bei vier Kombinationstherapien einen Rabatt ausgehandelt, der transparent ausgewiesen wurde. Dies dürfe nun aber nicht zur Regel werden, sagt Sandmeier. Bei den betroffenen vier Therapien seien die Verhandlungen allerdings einfacher gewesen, weil die jeweiligen Medikamente vom gleichen Hersteller stammten. In diesem Fall kann die betroffene Pharmafirma selber wählen, auf welchem der beiden Präparate ein Rabatt gewährt wird. Die Preise der derzeit zugelassenen Kombinationstherapien belaufen sich auf teils über 160 000 Franken pro Jahr. Da diese Medikamente abhängig vom Körpergewicht dosiert werden, beziehen sich die Preise auf Personen mit einem Körpergewicht von 70 Kilogramm.

Komplizierter wird es, wenn die Wirkstoffe einer Kombinationstherapie nicht vom gleichen Hersteller stammen. Denn in diesem Szenario muss ausgehandelt werden, welche der beiden Firmen einen Rabatt akzeptiert. Bekannt ist etwa der Fall, in dem die beiden US-Firmen Amgen und Celgene mit je einem Medikament involviert sind. Die Verhandlungen dauern schon seit Monaten, ohne dass eine Lösung gefunden wurde. Celgene sagt einzig, dass die Firma im steten Dialog mit dem BAG sei, um eine tragfähige Lösung zu finden. Zu spezifischen Details im laufenden Verfahren könne sich die Firma nicht äussern. Auch Amgen will sich nicht näher zu den Verhandlungen äussern. Die Firma spreche sich grundsätzlich für unbürokratische Zulassungen von Kombinationstherapien durch den Regulator aus. Amgen unterstütze deshalb alle Bestrebungen, die zu angemessenen und wirtschaftlichen Vergütungslösungen für solche Kombinationstherapien beitragen.

Das BAG könne den Firmen nur Vorschläge zur Aufteilung der Kosten unterbreiten, sagt Indermitte. Das Bundesamt habe jedoch keine rechtliche Grundlage, die eine oder andere Firma zu einem Rabatt zu zwingen. «Würden wir dies tun, könnte dies vor Gericht angefochten werden.»