Konjunktur
Pharmaindustrie als Wachstumsmotor der Nordwestschweiz

Die Nordwestschweiz wächst zunehmend schneller als die anderen Regionen der Schweiz.

Stefan Schuppli
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Die Region Basel profitiert dank der Pharmaindustrie stärker als andere Regionen. Justin Hession/Keystone

Die Region Basel profitiert dank der Pharmaindustrie stärker als andere Regionen. Justin Hession/Keystone

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Die neusten Prognosen des Konjunkturforschungsinstituts BAK Basel Economics zeigen ein deutliches Bild: Nach einem Wachstum von 1,7 Prozent (Schweiz: 1,3 Prozent) legt die Nordwestschweiz nördlich des Juras im laufenden Jahr 2,5 (1,6) Prozent zu, 2018 sogar 2,7 (1,8) Prozent. Der boomende Pharmasektor in der Region Basel und dem Fricktal macht sich hier bemerkbar.

Zum Vergleich: Die Region Zürich/Aargau (BAK unterteilt die Schweiz in Wirtschaftsregionen) wächst laut den Prognosen aus Basel im Jahr 2017 um 1,7 Prozent und im Jahr 2018 sogar um 1,9 Prozent. Der Grund für das im Vergleich schwache Wachstum ist der schrumpfende Finanzsektor.

Erstaunlich gute Noten von der BAK erhält die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM). «Die Situation der MEM-Industrie ist so gut wie schon lange nicht mehr», sagte BAK-Ökonom Michael Grass anlässlich der gestrigen BAK-Frühjahrstagung des Instituts. 2,5 Prozent werde sie 2017 wachsen, 2018 sogar 2,9 Prozent. Die Beschäftigungsentwicklung in diesem Sektor hinke jedoch hintennach. Noch immer würden Restrukturierungen vorgenommen, weshalb die Beschäftigung erst 2018 wieder ins Plus drehen werde.

Viele politische Unsicherheiten

Schaut man das breitere Bild an, wird klar: Die politische und die wirtschaftliche Welt driften derzeit völlig auseinander. Die politische Welt ist mit sehr vielen Unsicherheiten behaftet. «Die Welt fliegt uns um die Ohren», sagte BAK-Chefökonom Martin Eichler dazu. Trump, Brexit, Ablehnung der Unternehmenssteuerreform III lauten die Stichworte.

Rekordhoher Überschuss

Die schweizerische Handelsbilanz hat im ersten Quartal mit einem neuen Rekordüberschuss geschlossen. Die Chemie- und Pharmaindustrie erweist sich auch hier als Motor des Aussenhandels. Von Januar bis März legten im Vergleich zum Vorjahresquartal die Exporte arbeitstagbereinigt um 2,4 Prozent zu. Die Importe stagnierten hingegen laut der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV). (sda)

Auf der anderen Seite bewege sich die Weltwirtschaft synchron nach oben – das ist ein historisch gesehen sehr seltenes Phänomen. Dieser Aufschwung war einer mit Ansage, erklärt BAK-Mann Alexis Bill Körber. Die Finanzkrise hatte ihren Höhepunkt vor zehn Jahren, die Eurokrise vor fünf Jahren. Irgendwann sei Schluss mit Krise, fast zwangsläufig. Auch Japan exportiere wieder kräftig und Europa erhole sich wieder. Insbesondere Sorgenkinder wie Spanien seien wieder besser unterwegs. Fazit dieser Entwicklung: Der Welthandel steigt, der Investitionszyklus ist wieder in der aufsteigenden Phase.

Freilich hat die «Normalisierung» in der Eurozone noch nicht stattgefunden. Die Europäische Zentralbank pumpt immer noch Geld ins System, die Leitzinsen werden bis 2019 wohl nicht angehoben. Bill-Körber meint dazu: «Wir werden bis 2025 Geduld brauchen.»

Wettbewerbsfähige Schweiz

Die Schweiz profitiert vom weltweiten Aufschwung. Zwar werden die Exporte in diesem Jahr etwas weniger schwach wachsen als im vergangenen Jahr. Dies, weil 2016 ein grosser Nachholbedarf vorhanden war. Tatsache sei jedoch, dass nicht nur die Exporte anziehen, sondern sich auch die Margen verbessern. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz hat sich verbessert, die Produktionskosten konnten im Schnitt gesenkt werden. Die Folgen werden in den nächsten Jahren spürbar werden: Investitionen werden stärker getätigt, die Beschäftigung steigt an, die Arbeitslosenzahl sinkt.

Die ganze Entwicklung ist natürlich auch mit Risiken behaftet. Die eine hat sich bereits manifestiert: Das Scheitern der USR III. «Das hat sich in unseren Prognosen niedergeschlagen», sagt Bill-Körber. Die Investitionsbereitschaft ist gesunken. Zu den Risiken in der Schweiz gehören die Gefährdung der bilateralen Abkommen mit der EU und der weiterhin starke Franken. Die Zuwanderung hat bereits abgenommen, und in Folge der Umsetzung der Zuwanderungsinitiative wird sie nochmals sinken.

International verunsichern weiterhin die Trump-Politik in den USA und der Ausstieg Grossbritanniens aus der EU. Weltpolitisch drohen Gefahren in der Türkei, Russland, im Mittleren Osten und im südchinesischen Meer. Die Gefahr, dass sich der Franken weiterhin aufwerte, ist also nicht vom Tisch.

Digitalisierung als Chance

Langfristig werde der technologische Fortschritt zum Schlüsselfaktor, diagnostiziert BAK-Ökonom Michael Grass. Und hier stehe es um die Schweiz gar nicht schlecht: «Schon heute haben viele Firmen eine starke Innovationskultur. Sie können Innovationslücken durch Akquisitionen schliessen.»

Die internationale Arbeitsteilung werde ebenfalls wichtig bleiben, obwohl die Globalisierung verlangsamt fortschreiten wird. Heute machen die Exporte (inklusive Dienstleistungen) mehr als die Hälfte des Bruttoinlandproduktes aus, in 20 Jahren werde dieser Anteil auf drei Viertel ansteigen.