14 Wochen Vaterschaftsurlaub: Pharmariese Novartis bietet die längste Papizeit der Schweiz

Der Basler Pharmariese betreibt eine progressive Familienpolitik und wird grosszügigster Schweizer Arbeitgeber für frischgebackene Väter.

Benjamin Rosch
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Jungväter, die bei Novartis angestellt sind, dürfen sich über deutlich mehr Zeit freuen, die sie in Zukunft mit ihren Neugeborenen verbringen können. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Jungväter, die bei Novartis angestellt sind, dürfen sich über deutlich mehr Zeit freuen, die sie in Zukunft mit ihren Neugeborenen verbringen können. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Im Januar trat Vas Narasimhan vor seine Belegschaft. Er hatte nach amerikanischem Vorbild zum Town Hall gebeten, so heissen beim Basler Pharmariesen Mitarbeiterinformationen. Es war eine beachtliche Neuerung, die der Novartis-CEO verkündete: Novartis gewährt Vätern künftig eine Elternzeit von 14 Wochen. Analog dem gesetzlichen Minimum, das Mütter erhalten und an dem sich viele Firmen orientieren. Nicht allerdings bei Novartis: Der Mutterschaftsurlaub dauert im Basler Pharmabetrieb 18 Wochen. Diese Regel galt schon vorher.

Männer hingegen durften nur einen Vaterschaftsurlaub von sechs Tagen beziehen und in ­Absprache mit dem Vorgesetzten zehn Tage unbezahlt anhängen. Mit der Neuerung wird Novartis zum grosszügigsten Arbeitgeber der Schweiz in diesem Bereich.

Konkurrenz Silicon Valley

Doch auf der Schweiz liegt nicht das Hauptaugenmerk von Vasant Narasimhan, der sich nur Vas nennen lässt. Der 43-Jährige wolle die Welt verändern, sagte er dem Wirtschaftsmagazin «Bilanz» zu seinem Amtsantritt vor rund einem Jahr. Betont kra­wattenlos verhiess er ein neues Arbeitsumfeld, in dem das Team Höchstleistungen erbringen soll. Es ist der Stil aus dem Silicon Valley, der Einzug hält am Fuss des Juras. Im Wettstreit um die Elite der Arbeitskräfte heissen die Konkurrenten Google, Yahoo und Netflix. Sie alle vereint eine Unternehmenskultur, die Beruf und Familie besser verbinden und gleichzeitig die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwinden lässt. «Ziel ist die Positionierung von Novartis als arbeitnehmerfreundliches Unternehmen, das Wert auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie legt», bestätigt ein Sprecher Recherchen unserer Zeitung.

Nun arbeiten Projektteams aus, wie ein Elternzeit-Modell für Novartis aussehen könnte. Noch ausstehend dabei ist etwa die nicht unwesentliche Frage, zu welchem Lohnanteil die Papizeit vergütet wird. Mehr Details seien für Ende März oder Anfang April zu erwarten, wie ein Novartis-Sprecher sagt. Stand jetzt ist folgendes bekannt: Die neue Regel gilt per 1. Juli 2019.

Neue Impulse für politische Debatte

Rückwirkend sollen aber auch alle Mitarbeiter profitieren, die in der ersten Jahreshälfte Nachwuchs – auch durch Adoption – begrüssten. Es handelt sich dabei um einen globalen «phased rollout», die Schweiz ist Teil von Phase 1. Novartis beschäftigt 13000 Personen in der Schweiz; weltweit sind es 126 000.

Die Ankündigung von Novartis wird der politischen Debatte um den Vaterschaftsurlaub neue Impulse versetzen. Eine Volksinitiative fordert einen gesetzlich festgeschriebenen Vaterschaftsurlaub von vier Wochen. Der Sozialkommission des Ständerats sind die prognostizierten Einbussen von 420 Millionen jährlich zu hoch: Zwei Wochen genügten, findet die Ständeratskommission, die ihrerseits dem Parlament eine Initiative unterbreitet. Der Ball liegt inzwischen wieder beim Nationalrat.


Wo es sich lohnt, Vater zu werden

US-Konzerne gehören zu den grosszügigsten Firmen punkto Vaterschaftsurlaub. Doch Schweizer Arbeitgeber holen auf.
Firma Tage
Novartis 70
Google 60
Johnson&Johnson 40
Ikea, Microsoft 30
AXA, Mobility 20
Städte: Biel, Bern, Genf, Lausanne, Neuenburg, St.Gallen 20
Coop, Migros, Swisscom, Zurich Versicherungen, Raiffeisen 15

Einige Firmen haben die Vorgaben längst übertroffen

Viele ausländische Arbeitgeber in der Schweiz dürfte die zukünftige Gesetzgebung aber sowieso kaum kümmern: Sie haben die Minimalvorgaben längst übertroffen. Der schwedische Möbelgigant Ikea sowie der US-amerikanische Pharmakonzern Johnson&Johnson gewähren je acht Wochen bezahlten Urlaub, Microsoft sechs, Google gar zwölf Wochen.

Doch auch Schweizer Grossfirmen spuren vor: Die Axa-Gruppe bietet vier, Coop, Migros, die Mobiliar, Raiffeisen, Swisscom und Zurich Versicherung drei Wochen Vaterschaftsurlaub. Thema ist die ausgedehntere Papi­zeit auch beim Staat: Aktuell debattiert etwa der Kanton Neuenburg über eine neue Regel von vier Wochen.