Interview
Philipp Hildebrand: «Die Staaten haben in dieser Krise keine Wahl»

Der Ex-Nationalbankchef im Gespräch über die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie.

Patrik Müller
Merken
Drucken
Teilen
Lobt das Krisenmanagement des Bundesrats: Philipp Hildebrand.

Lobt das Krisenmanagement des Bundesrats: Philipp Hildebrand.

Gian Ehrenzeller/Keystone

Noch Mitte Februar notierten die Börsen auf einem historischen Allzeithoch– nun sieht die Welt ganz anders aus. Warum wurden Politiker, Ökonomen, Journalisten und auch viele Wissenschafter derart überrascht von der Pandemie?

Philipp Hildebrand: Wirtschaftlich gesehen ist diese ein historisch einzigartiges Ereignis – von noch nie gesehenem Ausmass und Konsequenzen. Deswegen gab und gibt es auch keine Referenzen aus der Vergangenheit.

Klar ist nun, dass es eine Rezession gibt. Wie schwer wird sie ausfallen?

Das ist die falsche Frage: Fast überall auf der Welt werden von den Regierungen weite Teile der Wirtschaft stillgelegt, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und um die Gesundheitssysteme vor einem Zusammenbruch zu schützen. Entsprechend muss die kurzfristige wirtschaftliche Aktivität zwangsläufig in noch nie da gewesenem Ausmass kontraktieren. Die relevanten Fragen werden dann sein, wie lange dieser Ausnahmezustand dauert und wie wir ihn überbrücken können.

Sie waren 2008 während der Finanzkrise im Direktorium der SNB. Jetzt, so scheint es, agieren die Zentralbanken fast wirkungslos – die Zinssenkungen verpufften oder wurden gar negativ wahrgenommen.

Eine Betrachtung der aktuellen Krise durch die Linse des normalen Konjunkturzyklus bringt nichts: Zinssenkungen werden im Normalfall eingesetzt, um Investitionen und Konsum anzukurbeln.

Genau das versuchte aber die US-Notenbank Fed...

Bei einer Wirtschaft, die bewusst aus gesundheitspolitischen Gründen geschlossen wird, ist es per Definition unmöglich, dass Zinssenkungen die wirtschaftliche Aktivität positiv beeinflussen können.

Was 2008 die Zentralbanken waren, sind heute die Regierungen, die sich gegenseitig überbieten mit Rettungs­paketen – nach dem Motto: «Koste es, was es wolle».

Die Staaten haben in Wirklichkeit keine Wahl. Sie müssen einen Weg finden, während dieser Pandemie eine Art Überbrückungsfunktion zu übernehmen.

Wir sind eine Demokratie, wir wollen um jeden Preis eine Demokratie bleiben.

Wie beurteilen Sie das Hilfspaket von 42 Milliarden Franken, das der Bundesrat vorgestellt hat?

Ich würde es so zusammenfassen: Unsere Regierung sowie unser gesamter Staatsapparat haben insgesamt unter noch nie erlebten äusseren Bedingungen ausserordentlich kompetent und beeindruckend reagiert, sowohl von den inhaltlichen Massnahmen her als auch vom zeitlichen Ablauf.

Diese Massnahmen führen zu einer riesigen Staatsverschuldung. Wie gefährlich ist das?

Die Verschuldung wird zwangsläufig enorm sein und die Gesellschaft in der Zukunft noch vor grosse Probleme stellen. Zum Glück wird unsere Schweiz auch hier eine Ausnahme sein. Auch wenn diese Krise unvorstellbar viel Geld kosten wird, so können wir uns das aufgrund unserer enorm starken Ausgangsposition leisten. Dies zeigt auf eindrückliche Art und Weise, wie wichtig es ist, in guten Zeiten die öffentlichen Ausgaben im Griff zu haben. Falsch wäre aber, jetzt mit dringend notwendigen Ausgaben zu zögern. Dies könnte langfristig sehr viel kostspieliger werden.

Sportlicher Banker

Philipp Hildebrand, 56, aufgewachsen in Horw LU, ist Vizepräsident beim weltgrössten Vermögensverwalter Blackrock. Davor wirkte er im Direktorium der Schweizerischen Nationalbank, das er 2010 bis 2012 präsidierte. Im letzten grossen Krisenjahr 2008, als die UBS mit Staatshilfe gerettet wurde, spielte Hildebrand eine wichtige Rolle. Seine Studien absolvierte er in Toronto (Kanada), Harvard (USA) und Oxford (England). Der ehemalige Spitzenschwimmer ist seit 2013 mit Margarita Louis-Dreyfus liiert, mit der er Zwillinge hat.

Wird der Kapitalismus, wenn die Pandemie vorüber ist, nachhaltig geschwächt sein – und ein starker Staat auch im Westen mehr Anhänger haben?

De facto gehen wir nun mindestens temporär in eine Wirtschaftsordnung über, in der die öffentliche Hand ganz klar die Gesamtwirtschaft dominieren wird.

Das autoritäre China hat mit einschneidenden Massnahmen das Virus zurückgedrängt, der Verlauf im demokratischen Westen ist noch offen, die USA scheinen die schlimmste Entwicklung aufzuweisen. Wird Corona auch den Systemwettbewerb verschärfen?

Für mich als Bürger eines demokratischen Staates ist das eine irrelevante Frage. Wir sind eine Demokratie, wir wollen um jeden Preis eine Demokratie bleiben und müssen deswegen innerhalb einer demokratischen Ordnung einen Weg finden, diese schwere Krise zu überwinden. Ich bin überzeugt, dass uns das auch gelingen wird.

Die wichtigsten Börsen haben innert kurzer Zeit 25 bis 35 Prozent verloren. Sind die Aktien jetzt fair bewertet, oder könnte es nochmals so stark runtergehen?

Alles wird davon abhängen, wie lange dieser Ausnahmezustand dauern wird und wie gross der gesamtwirtschaftliche Verlust am Schluss ausfallen wird.

Auch Blackrock setzt auf Homeoffice. Wie gehen Sie damit um?

Erfreulicherweise haben unsere operativen Systeme gut funktioniert. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir hatten letzte Woche das grösste je verzeichnete interne Handelsvolumen und konnten es erfolgreich abwickeln, obwohl die allermeisten Kolleginnen und Kollegen von zu Hause aus gearbeitet haben.

Hat Sie das überrascht?

Ich bezweifle, dass wir Ihnen vor drei Monaten gesagt hätten, dass wir das als möglich erachten. Operativ werden wir auf jeden Fall gestärkt aus dieser historischen Krise herauskommen.