Kolumne

Philosophie als Lebenskunst – ein Rezept für die Gegenwart?

Die Arbeit an der Überwindung der Kluft zwischen Theorie und Praxis im eigenen Leben darf keine Ausrede für gesellschaftliche Lethargie sein.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

«Theoretisch weiss ich praktisch alles.» Eine Postkarte mit diesem Ausspruch begleitet mich schon lange. Ich weiss nicht mehr, von wem ich diese Karte bekommen habe. Es war offenkundig jemand, der mich gut kannte – und meine Leidenschaft für Theorie(n). Ich liebe Theorien und damit meine ich nicht nur wissenschaftliche Theorien. Mittlerweile gibt es ja unzählige Theorien für alle Lebenslagen und -bereiche, von der Kindererziehung bis zum Aufräumen. Die meisten davon kenne ich. Am besten beherrsche ich diverse Theorien des Aufräumens, wobei meine Kenntnis der Theorie leider in einem umgekehrten Verhältnis zur Umsetzung steht.

Selbstverständlich weiss ich, wie die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu überwinden ist. Theoretisch. Doch auf Dauer ist es frustrierend, wenn die Erkenntnis nicht in Handlungen mündet. Was mich ein wenig tröstet, ist, dass ich offenbar nicht die Einzige bin, die ein Übersetzungsproblem zwischen Theorie und Praxis hat.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum so viele Menschen derzeit von den Stoikern – einer philosophischen Schule in der Antike – fasziniert sind. Es sind nämlich die Stoiker, darunter vor allem Epiktet, Seneca und Marc Aurel, die betont haben, dass Philosophie keine blosse Theorie sein dürfe, sondern praktische Lebenskunst sein müsse. Sie haben also den Graben zwischen Theorie und Praxis denkbar elegant überwunden, indem sie ihn zu einem Missverständnis erklärten: Die Theorie muss auch Praxis sein, sonst taugt sie nichts. Damit aber das theoretische Wissen im Leben praktisch wirksam wird, muss geübt werden: Übungen verschiedenster Art gewährleisten, dass die Erkenntnisse zu einer entsprechenden «Einfärbung der Seele» führen (so Marc Aurel).

Die besondere Bedeutung der Übungen dürfte ein weiterer Grund für die aktuelle Anziehungskraft der Stoa sein – zumal zahlreiche davon gut zur gegenwärtigen Achtsamkeits- und Minimalismus-Welle passen. Denn viele der Übungen haben die Sensibilisierung für den jeweiligen Moment, die bessere Wahrnehmung des Gegebenen sowie die Konzentration auf unseren eigenen (beschränkten) Einflussbereich zum Inhalt. Andere wiederum zielen auf die Überwindung falscher Einstellungen und unsinniger Begierden hin und lehren, dass äussere Güter wie Reichtum und Ruhm niemals Selbstzweck sein dürften, zumal sie Gier und Neid auslösen und unsere Seele unnötig in Unruhe versetzen.

Überhaupt, die Seelenruhe. Letztlich geht es in allen Übungen der Stoa darum, das eigene Leben in Übereinstimmung mit der Natur zu führen. Das ist für die Stoiker gleichbedeutend mit einem vernünftigen und tugendhaften Lebenswandel, der sich u.a. dadurch auszeichnet, dass wir uns nicht mehr von unseren Leidenschaften und Emotionen beherrschen lassen und einen Zustand der Leidenschaftslosigkeit (Apathie) erlangen. Dieses Ideal der Apathie, verbunden mit der Tatsache, dass es jeweils «nur» um das eigene Leben und den eigenen, begrenzten Einflussbereich geht, wurde allerdings auch immer wieder stark kritisiert – früher wie heute.

So gibt die an der Universität von Cambridge lehrende Philosophin Sandy Grant zu bedenken, dass die momentane Popularität der Stoa, gestützt von Blogs und Publikationen selbst ernannter Neo-Stoiker aus dem Silicon Valley, die Gefahr von Passivität und Eskapismus angesichts von Problemen berge, die eigentlich eine starke, kollektive Antwort erforderten. Eine ernstzunehmende Kritik, denke ich. Oder anders formuliert: Die Arbeit an der Überwindung der Kluft zwischen Theorie und Praxis im eigenen Leben darf keine Ausrede für gesellschaftliche Lethargie sein. Heutzutage benötigen wir vor allem eine Philosophie, die uns hilft, eine trag­fähige Brücke zwischen Erkenntnissen und entsprechenden Handlungen über unser eigenes Leben hinaus in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu bauen.